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Hinterhalt im Ukraine-Krieg: Kind entdeckt Sprengfalle im Klavier

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Von: Jens Kiffmeier

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Im Kühlschrank oder im Klavier: Beim Abzug aus Butscha hinterließ Russland im Ukraine-Krieg Sprengfallen – ein gezielter Angriff auf Zivilisten?

Kiew – Sie stecken im Kühlschrank, im Autokofferraum oder in einem Klavier: Wegen des gezielten Versteckens von Sprengfallen im Ukraine-Krieg steht Russland einmal mehr am internationalen Pranger. Nachdem eine Zehnjährige in Butscha eine Granate in einem Klavier gefunden hatte, warf die Ukraine den von Präsident Wladimir Putin befohlenen Invasoren gezielte Kriegsverbrechen an Zivilisten vor. Nur „wie durch ein Wunder“ habe das Kind überlebt, kritisierte Anton Geraschtschenko, Berater im ukrainischen Innenministerium. Die internationalen Ermittlungen könnten dadurch noch einmal deutlich an Fahrt gewinnen.

Ukraine-News: Zehnjährige entdeckt in Butscha Sprengfalle in einem Klavier – steckt dahinter ein System?

Die Meldung über den Granatenfund hatte sich am Donnerstagabend in Windeseile in den sozialen Netzwerken verbreitet. Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtete, hatten offensichtlich russische Soldaten die Sprengfalle im Hammerwerk eines Klaviers in einer Wohnung in Butscha platziert. Nachdem die Offensive Russlands im Ukraine-Krieg auf Kiew gescheitert war, kehrte die Familie nach Abzug der Truppen in den Vorort der ukrainischen Hauptstadt zurück. Das Kind entdeckte dann den tödlichen Sprengsatz. Die Mutter reagierte den Angaben zufolge umsichtig und rief Spezialisten, die die Granate entschärfen konnten. Verletzt wurde niemand.

Die kleine Darinka fand eine Granate in ihrem Klavier, die russische Soldaten darin platziert hatten
Die kleine Darinka fand eine Granate in ihrem Klavier, die russische Soldaten darin platziert hatten. © Tatiana Monko/Mariana Hlieva/Montage

Dennoch wirft der Fall ein Schlaglicht auf die Grausamkeiten des Krieges. Für gewöhnlich hinterlassen Soldaten im Fall eines Abzuges Sprengfallen, um ihren Rückzug abzusichern. Doch im Ukraine-Krieg pflastert Russlands Truppen anscheinend nicht nur die Marschrouten. Zuletzt hatten sich die Berichte gehäuft, wonach gezielt tödliche Hinterlassenschaften für die Zivilbevölkerung deponiert werden.

Laut dem ukrainischen Innenministerium finden sich besonders viele Minen und Sprengstoffe in den Wohnungen, wo die russischen Soldaten übernachteten – an Eingängen, in der Nähe von Zäunen, aber auch in Autos, Kühlschränken oder Waschmaschinen. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben derzeit nur schwer. Aber die Vereinten Nationen haben Ermittlungen zu möglichen Kriegsverbrechen aufgenommen.

Ukraine-Krieg: UN werfen Russland und Präsident Wladimir Putin gezielte Kriegsverbrechen vor

Erst am Montag hatte die UN-Kommission für Menschenrechte Russland und dessen Präsidenten Wladimir Putin viele Kriegsverbrechen in dem Konflikt vorgeworfen. Die Organisation ist derzeit mit 60 Ermittlern vor Ort und dokumentiert die Informationen. Es seien tausende Zivilisten durch den Ukraine-Krieg ums Leben gekommen, kritisierte die UN-Menschenrechtsbeauftragte Matilda Bogner.

Vor allem Butscha gilt als Schauplatz von vielen Grausamkeiten, die den russischen Truppen zugeschrieben werden. Dutzende Bewohner waren dort getötet worden, vielen Leichen waren noch die Hände auf den Rücken gefesselt. Im Netz kursieren Videos, wie Bewohner von hinten in den Rücken geschossen wurde.

Ukraine-Krieg: Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) sieht in Butscha das Problem mit Landminen und Granaten vor Ort

Am Montag machte sich auch die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) ein Bild von der Lage. Bei einem Besuch in dem Kiewer Vorort spricht sie mit Bürgermeister Olexandr Markuschin. Der Politiker bezeichnet dabei die hinterlassenen Landminen als das größte Problem. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, sollen rund um Kiew bis zu 743.000 Hektar vermint sein. Allein in Butscha brauche man noch bis Ende Mai, um wenigstens die Wohngebiete freizuräumen. Von Wäldern und Feldern will er erst gar nicht reden. Oder von Klavieren. Immerhin: Die Außenministerin sichert dem Bürgermeister deutsche Unterstützung mit Personal und Equipment zu.

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