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Angriff auf Kiew: Häuserkampf wäre „für beide Seiten verheerend“

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Von: Felix Busjaeger

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Ukraine: Auf den leeren Straßen in Kiew werden Militärkontrollpunkte errichtet.
Ukraine: Auf den leeren Straßen in Kiew werden Militärkontrollpunkte errichtet. Die Kämpfe in und um Kiew gehen weiter. © Alex Chan Tsz Yuk/Imago

Der Ukraine-Krieg zieht sich in die Länge: Dass sich Wladimir Putin allerdings auf einen Häuserkampf in Kiew einlässt, schließt ein Experte eher aus.

Kiew/Wien – Es wird wohl der Plan des Kremls gewesen sein, die Ukraine und die Hauptstadt Kiew nach wenigen Tagen des Ukraine-Kriegs unter Kontrolle zu bringen. Nach über 20 Tagen ist aber inzwischen klar, dass sich Moskau und Wladimir Putin verkalkuliert haben: Russlands Invasion in der Ukraine ist ins Stocken geraten. Auch wenn sich die Zeichen für einen Angriff auf Kiew durch russische Soldaten weiter verdichten, hält ein Experte die Risiken eines ausgedehnten Häuserkampfes in der ukrainischen Hauptstadt für zu groß, da ein solcher zu hohen Verlusten auf beiden Seiten führen würde.

„Russland steckt in Schwierigkeiten“, sagt Oberst a. D. Wolfgang Richter, Wissenschaftler der Stiftung Wissenschaft und Politik, gegenüber kreiszeitung.de. Auch andere Experten sehen inzwischen eine Trendwende im Ukraine-Krieg erreicht: „Die kommenden zehn Tage könnten den Krieg in der Ukraine entscheiden“, erklärt Richter weiter.

Ukraine-Krieg: Russland hat wohl Widerstandskraft der Ukraine unterschätzt

Dass der anfängliche Versuch der russischen Truppen, die ukrainische Regierung in einem schnellen Handstreich durch pro-russische Politiker zu ersetzen, inzwischen als gescheitert angesehen werden kann, sieht der Experte für Sicherheitspolitik darin begründet, dass die russische Führung die Widerstandskraft der Ukrainer völlig unterschätzt habe.

Während es in den vergangenen Tagen so schien, dass sich nicht nur Unterhändler aus Russland und der Ukraine vermehrt gesprächsbereit zeigten, sondern auch die Präsidenten Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj ein gewisses Interesse an Verhandlungen durchblicken ließen, bleibt die Situation in vielen ukrainischen Großstädten weiter angespannt.

Ukraine-Krieg: Experte über Häuserkampf in Kiew – „für beide Seiten verheerend“

Tagtäglich wird von Raketenangriffen berichtet, Millionen Menschen flüchten von den Kämpfen und der Druck durch westliche Sanktionen gegen Moskau wird weiter aufrechterhalten. In dieser festgefahrenen Kriegslage verbreitet sich seit Tagen die Befürchtung, dass Wladimir Putin beschließen könnte, seinen Vorstoß nach Kiew zu intensivieren und die Hauptstadt der Ukraine einnehmen zu wollen.

„Natürlich ist die Hauptstadt in jedem Krieg von großer Bedeutung“, sagt Richter gegenüber kreiszeitung.de und warnt zugleich vor Häuserkämpfen in Kiew: „Sollten sich die Streitkräfte dort in Häuserkämpfe verzahnen, wäre das für beide Seiten verheerend.“

Ukraine-Krieg: Häuserkampf in Kiew „wäre blutige Angelegenheit“ – „Risiken für Russland gewaltig“

Richter vermutet, dass es in den kommenden Tagen zu einer weiteren Umfassung von Kiew durch russische Truppen kommen wird. Einen ausgedehnten Häuserkampf in Kiew hält der Wissenschaftler hingegen für weniger wahrscheinlich: „Solche Kämpfe wären eine blutige Angelegenheit auf beiden Seiten und die Verluste für Russland und die Ukraine wären sehr hoch. Ein solches Vorgehen würde in dieser Phase des Ukraine-Kriegs keine vernünftige Entscheidung darstellen. Die Risiken für Russland sind dabei gewaltig.“

Der Wissenschaftler der Stiftung Wissenschaft und Politik glaubt, dass hohe Verluste unter den jungen russischen Soldaten den Unmut in Russland weiter schüren könnten. Zudem würden die russischen Streitkräfte nicht über genug Bodentruppen für eine Eroberung und Kontrolle der ganzen Ukraine verfügen.

Ukraine-Krieg: Experte sieht Russlands Militär an der Belastungsgrenze

Währenddessen geht der Beschuss Kiews durch russische Truppen offenbar wohl weiter. Am Donnerstagmorgen berichteten ukrainische Behörden von einem Einschlag von Trümmerteilen einer abgefangenen Rakete im Osten der Hauptstadt. Bei dem Vorfall soll mindestens ein Mensch getötet worden sein. Zudem soll es drei verletzte Bewohner eines Hochhauses gegeben haben. Das teilte der örtliche Rettungsdienst nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur mit.

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Auch wenn Moskau weitere Reserven gegen die Ukraine mobilisieren sollte, sieht Richter die russischen Landstreitkräfte an der Belastungsgrenze: „Russlands Bodentruppen sind schon jetzt strategisch überdehnt. Die einzige Möglichkeit ist es jetzt, den militärischen Druck vor Ort zu erhöhen, um bessere Verhandlungsbedingungen zu schaffen“, erklärt Richter weiter über die Lage im Ukraine-Krieg.

Russlands Militär im Ukraine-Krieg überlastet: Großflächiger Angriff auf Kiew eher unwahrscheinlich

Dass das russische Militär mittlerweile an der Belastungsgrenze und ein großflächiger Angriff auf die Ukraine unwahrscheinlich ist, begründet Richter darin, dass Moskau nicht beliebig viele Truppen aus anderen Krisenregionen abziehen kann, ohne dort gefährliche Lücken aufzureißen. Doch auch darüber hinaus hat Putin mit immer mehr Herausforderungen zu kämpfen – auch innenpolitisch: Der Wert des Rubels fällt weiter, die Sanktionen gegen Russland erfüllen ihr Übriges.

Richter schätzt, dass es zu einem Verhandlungsfrieden kommen wird. Ein direktes Eingreifen der Nato in die Kampfhandlungen sei aber derzeit ausgeschlossen. 

Zeit spielt im Ukraine-Krieg gegen Wladimir Putin – Krieg könnte bald in Verhandlungsfrieden enden

Auch andere Experten schätzen, dass die Zeit gegenwärtig gegen Wladimir Putins Invasion in der Ukraine spielt. Durch das langsame Vorankommen im Ukraine-Krieg, in dem auch die Sorge über den Einsatz von Chemiewaffen wächst, gerät Moskau immer mehr in Not bei der Nachschubversorgung. Wie der ehemalige Generalleutnant Ben Hodges, Mitarbeiter am Lehrstuhl für Strategische Studien am Center for European Policy Analysis (Cepa) erklärt, würde Russland derzeit auch die Munition ausgehen. Schon länger ist bekannt, dass die Versorgung des russischen Militärs eine kräftige Eisenbahn-Infrastruktur benötigt. Doch müssten wichtige Knotenpunkte in der Ukraine gehalten werden.

Der von Richter prognostizierte Verhandlungsfrieden zwischen Russland und der Ukraine wird mit einem Fortschreiten des Ukraine-Kriegs derzeit immer wahrscheinlicher. Eine denkbare Lösung wäre derzeit, dass die Donbassregion an Moskau fällt. Dadurch würde sich der Kreml den Landzugang auf die Krimhalbinsel sichern. Die angestrebte Demilitarisierung der Ukraine wird allerdings aus Sicht der Kiewer Regierung nicht hinnehmbar sein.

Auch wenn ein schnelles Ende des Kriegs wünschenswert wäre, ist noch die Vielzahl der Verhandlungspunkte ungeklärt. Es bleibt also abzuwarten, wie sich die Unterhändler im weiteren Verlauf des Kriegs in der Ukraine verhalten werden. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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