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Sogar auf Spielplätzen: Putin lässt Streumunition auf Zivilisten feuern

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Von: Jens Kiffmeier

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Schock-Berichte aus Charkiw: Trotz Verbot lässt Wladimir Putin im Ukraine-Krieg offenbar gegen Zivilisten Streumunition einsetzen. Doch was ist das genau?

Charkiw – Sie ist absolut tödlich und trifft vor allem Zivilisten: Streumunition. Trotz internationaler Ächtung hat Russlands Armee im Ukraine-Krieg offenbar vor einem Einsatz nicht zurückgeschreckt. So liegen Amnesty International zahlreiche Beweise vor, wonach in der Region um Charkiw zahlreiche Erwachsene und Kinder von den Bombensplittern getötet worden sind. Dabei sei die Waffe gezielt auf Wohnviertel eingesetzt worden, kritisierte die Hilfsorganisation und forderte Konsequenzen. Die schweren Menschenrechtsverletzungen müssten vor internationalen Gerichten verfolgt werden, hieß es. Doch Russland, aber auch die Ukraine bewegen sich in diesem Fall in einer rechtlichen Grauzone.

Ukraine-Krieg: Russland feuert mit Streumunition gegen Zivilisten – Amnesty International prangert Putin für Einsatz in Charkiw an

Amnesty ist nicht die erste Organisation, die den Einsatz von Streubomben im Ukraine-Krieg anprangert. Zuvor hatte auch schon Human Right Watch ähnliche Vorwürfe erhoben. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht. Doch die Mitarbeiter von Amnesty International zählten im April und im Mai allein in der umkämpften Region von Charkiw 14 Angriffe durch die von Russlands Präsidenten Wladimir Putin befohlenen Truppen. Dabei seien 606 Zivilisten getötet und 1248 Menschen verletzt worden, hieß es. Die Hilfsorganisation beruft sich dabei auf den Leiter der medizinischen Abteilung der militärischen Regionalverwaltung.

Viele kleine Bomben verwüsten ganze Landstriche: Amnesty International prangert im Ukraine-Krieg den Einsatz von Streubomben an.
Viele kleine Bomben verwüsten ganze Landstriche: Amnesty International prangert im Ukraine-Krieg den Einsatz von Streubomben an. © Patrick Pleul/dpa

„In Charkiw wurden Menschen in ihren Häusern und auf der Straße getötet, während sie mit ihren Kindern Spielplätze besuchten, auf Friedhöfen ihrer Angehörigen gedachten, beim Anstehen für Hilfslieferungen oder beim Einkaufen“, sagte Janine Uhlmannsiek vom deutschen Amnesty-Ableger der Nachrichtenagentur dpa. Die Verantwortlichen müssten vor Gericht gestellt und die Angehörigen der Opfer entschädigt werden – auch wenn der Prozess vor dem Strafgerichtshof in Den Haag schwierig ist.

Streumunition – was ist das? Eine Rakete verteilt 8000 Bomblets über ganze Landstriche

Streumunition gilt als enorm gefährliche Waffe. Doch was ist das genau? Streubomben bestehen aus einem Behälter, in dem viel Submunition enthalten ist. Sie werden in der Regel aus der Luft abgeworfen oder mit Raketen vom Boden aus abgefeuert. Die Behälter zerbersten in der Luft und verteilen dann breitflächig kleinere Geschosse über ganze Landstriche, die ungefähr so groß wie eine Getränkedose sind. Eine Salve, die von einem MLRS Raketenwerfers verstreut wird, kann bis 8000 Bomblets enthalten, die sich über ein Areal von zirka 250.000 Quadratmetern verteilt. Das entspricht in etwa der Größe eines Fußballfeldes.

Streumunition: Funktionsweise gilt als enorm gefährlich – Einsatz trifft oftmals auch Kinder

Wegen dieser Funktionsweise trifft es häufig Zivilisten, die im Ukraine-Krieg schon zu Tausenden ums Leben gekommen sind. Denn eine große Anzahl der kleinen Sprengkörper landet irgendwo als Blindgänger. Munition, die zunächst beim Aufprall nicht zündet, kann jahrelang am Boden liegen bleiben. Auch nach Ende eines Kriegs können sie noch wie eine Landmine Tod und Verderben bringen. Häufig sind die Bomblets farbig angemalt, weswegen viele Kinder sie zum Spielen aufheben – und dadurch ihr Leben verlieren. Erst kürzlich fand eine Zehnjährige eine Sprengfalle in einem Klavier.

Ukraine-Krieg: Streubomben weltweit geächtet – Russland und Ukraine beteiligen sich nicht am Abkommen

Streubomben sind international geächtet. Seit August 2010 gilt in mehr als 100 Staaten ein Verbot, auch in Deutschland. Laut dem Abkommen ist sowohl der Einsatz, aber auch die Produktion, die Lagerung sowie der Transport untersagt. Während sich früher rund 34 Länder an der Herstellung beteiligt hatten, wird diese Waffe jetzt noch in 16 Ländern produziert. Die Folge: In 40 Ländern auf der Welt kam die Munition bereits zum Einsatz. Schätzungen zufolge starben dabei zirka 80.000 Menschen.

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Menschenrechtsaktivisten prangern an, dass weder die USA noch Russland das Abkommen ratifiziert haben. Aber auch die Ukraine ist dem Vertrag nie beigetreten. Diese Tatsache macht es schwieriger, den Einsatz in Charkiw als Kriegsverbrechen zu verfolgen. Dennoch löst der Einsatz in der Politik großes Entsetzen aus. Zwar sollen sich ukrainische Truppen im Kampf gegen die Angreifer bevorzugt in Wohngebieten verschanzen und dadurch auch den Beschuss auf die zivilen Orte lenken, was laut Amnesty auch gegen das humanitäre Völkerrecht verstößt. Doch das, so kritisierte Janine Uhlmannsiek, „rechtfertigt keineswegs die wiederholten unterschiedslosen Angriffe durch russische Truppen.“

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