1. Startseite
  2. Politik

Hungersnot: So erpresst Putin die Welt mit geklautem Getreide

Erstellt:

Von: Jens Kiffmeier

Kommentare

Der Welt droht die nächste Krise: Wegen der Getreide-Blockade im Ukraine-Krieg treibt Putin die Hungersnot an – mit Kalkül. Er will Russlands Wirtschaft retten.

Moskau/Genf – Lieferengpässe, Knappheit, aber auch Hunger: Die Auswirkungen des Ukraine-Krieges werden weltweit immer spürbarer. Durch Russlands Blockade der Handelsrouten für den Getreideexport werden weltweit 1,4 Milliarden Menschen unter Nahrungsmittelknappheit leiden. Davor warnte der UN-Krisenkoordinator für die Ukraine, Armin Awad, am Freitag. Vor allem in Afrika bricht in vielen Ländern schon jetzt eine Hungersnot aus. Doch Präsident Wladimir Putin nimmt das in Kauf. Das Getreide ist sein Faustpfand – um sich in armen Ländern Unterstützer zu sichern und Russlands Wirtschaft vor dem Abgrund zu retten.

Ukraine-Krieg: Hungersnot bedroht Afrika – schuld ist Wladimir Putins Seeblockade beim Getreide

100 Tage nach Beginn des Ukraine-Krieges steuern weite Teile der Welt auf eine Hungernot zu. Am Freitag rief der Tschad offiziell den Ernährungsnotstand aus. Russland als auch die Ukraine gelten als weltgrößte Produzenten von Getreide und Dünger, vor allem nach Afrika wird ein enormer Anteil exportiert. Doch wegen des Krieges liegen 22 Millionen Tonnen Getreide in den ukrainischen Seehäfen fest. Auf Befehl von Präsident Wladimir Putin hat Russland die Zugänge zum Schwarzen Meer blockiert – mit einem undurchdringbaren Minengürtel.

Treibt die Welt mit dem Ukraine-Krieg in eine Hungerkrise: Russlands Präsident Wladimir Putin.
Treibt die Welt mit dem Ukraine-Krieg in eine Hungerkrise: Russlands Präsident Wladimir Putin. © Sergei Chirikov/Tsiory Andriantsoarana/dpa/Montage

Die Vereinten Nationen riefen Putin deshalb auf, die Seewege für den internationalen Handel zu öffnen. „Wenn die Öffnung scheitert, wird dies Hunger, Destabilisierung und Massenmigration auf der ganzen Welt zur Folge haben“, sagte UN-Koordinator Awad laut der Nachrichtenagentur dpa. Den Angaben zufolge sollen bereits jetzt 44 Millionen Menschen in 38 Ländern unter einer Hungerkrise leiden. Bei andauernder Blockade könnten innerhalb kürzester Zeit weitere 40 Millionen hinzukommen, hieß es.

Hungersnot in Afrika: Länder wollen mit Russlands Präsidenten in Sotschi wegen Ukraine-Krieg sprechen

Die Leidtragenden sind vor allem die Länder in Afrika, wie kürzlich auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) auf einer Reise erfahren musste. Die 54 Staaten auf dem Kontinent beziehen zusammen rund die Hälfte der Getreideexporte aus Russland und der Ukraine. Deshalb rief der Präsident der Afrikanischen Union (AU), Macky Sall, Russland zum Blockade-Stopp auf. Am Freitag sollte es deswegen ein Treffen mit Putin in Sotschi geben. Der Kremlherrscher, so heißt es, soll den Gipfel selber vorgeschlagen haben.

Putin brauch die Kooperation mit der Afrikanischen Union. Seit Jahren versucht Russland seinen Einfluss zu vergrößern. Der Deal: Russland liefert Waffen und bekommt dafür wichtige Rohstoffe. Das hat eine zarte Allianz geschmiedet, die sich für Putin bereits auszahlte: Als Russland von der UN-Versammlung wegen des Angriffskrieges auf die Ukraine an den Pranger gestellt wurde, enthielten sich vor auffällig viele afrikanische Staaten.

Ukraine-Konflikt: Russlands Wirtschaft braucht Allianz mit Afrika – Getreide aus Ukraine dient als Faustpfand

Mit zunehmender Kriegsdauer wird Afrika für Russlands Wirtschaft immer wichtiger. Denn der wichtigste Handelspartner, die Europäische Union (EU), bricht weg. Mit ihren Sanktionen schneiden die EU-Länder, die sich vom Putin-Reich unabhängig machen wollen, der russischen Wirtschaft allmählich die Luft zum Atmen ab. Russland, so prophezeite Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), werde „das nicht mehr lange durchhalten“.

Tatsächlich treibt der Import- und Exportstopp wichtiger Industriegüter, der Ausschluss von internationalen Transaktionssystem Swift und das eingeleitete Öl-Embargo die Wirtschaft massiv nach unten. Fast alle westlichen Investitionen und Unternehmen sind abgezogen. Das könne Putin auf Jahrzehnte nicht mehr kompensieren, sagte der Bremer Russland-Experte Michael Rochlitz im Interview mit kreiszeitung.de. Am Ende bliebe Putin möglicherweise noch eine stärkere Hinwendung nach China, dann aber nur als „Juniorpartner“, so der Ökonom.

Hungerkrise im Ukraine-Krieg: Wird Russland Getreide an die Welt liefern? EU-Sanktionen sprechen nicht dagegen

Also muss Putin weitere Auswege suchen. Seinen Verbündeten in Afrika signalisierte er beim Getreide bereits entgegenkommen. Nach Darstellung des Kreml ist aber nicht die Seeblockade Schuld an der Misere, sondern die EU-Sanktionen. Wenn die zurückgenommen werden würden, dann könne man auch liefern, hieß es. Sowohl die EU-Kommission als auch Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) sehen darin aber einen Propagandatrick und betonten, dass Getreideexporte nicht den Sanktionen unterliegen.

Mit unserem Newsletter verpassen Sie nichts mehr aus ihrer Umgebung, Deutschland und der Welt – jetzt kostenlos anmelden!

Insofern wandelt Putin auf einem schmalen Grat: Das Getreide dient ihm als Faustpfand im Kampf gegen den Westen. Auf der anderen Seite darf er seine afrikanischen Partner auch nicht zu sehr verärgern, wenn er nicht vollständig international isoliert sein will. Gut möglich, dass Russland jetzt einen Trick anwendet: So plündern die russischen Truppen in den eroberten Gebiete im großen Stil Getreide und leeren die Lager. Nach ukrainischen Angaben sollen bereits 500.000 Tonnen über den eroberten Seehafen Mariupol außer Landes geschafft worden sein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Lieferungen in Afrika vielleicht wieder auftauchen.

Auch interessant

Kommentare