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Flüchtlinge im Ukraine-Krieg, Rassismus und Medien: „Blaue Augen und blondes Haar“

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Von: Alexander Eser-Ruperti

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Im Ukraine-Krieg flüchten die Menschen um ihr Leben, derweil offenbaren sich in der Berichterstattung über Flüchtlinge immer wieder rassistische Narrative.

Kiew – Über eine Million Menschen haben die Ukraine aus Furcht um ihr Leben im Ukraine-Krieg bereits verlassen. In Deutschland und vielen anderen Ländern zeigen sich große Bevölkerungsteile solidarisch mit Flüchtlingen aus der Ukraine. Immer mehr Menschen spenden, oder planen Schutzsuchende aus dem Kriegsgebiet privat aufzunehmen. Auch viele Medien berichten über die Schicksale flüchtender Ukrainerinnen und Ukrainer, dabei vermischt sich die Empathie mit ihnen immer wieder mit Rassismus gegenüber Flüchtenden aus anderen Weltregionen.

Ukraine-Krieg: Medienberichterstattung über Flüchtlinge und Rassismus

Verfolgt man einige Medienberichte, könnte fast der Eindruck entstehen, es gäbe eine Abstufung im Recht auf Sicherheit: Die begrüßenswerte Solidarität gegenüber allen, die vor dem Ukraine-Krieg fliehen, vermischt sich immer wieder mit Rassismus gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen, in angelsächsischen Medien ebenso, wie in deutschen. Es scheint, als hätten Ukrainerinnen und Ukrainer mehr „Recht“ auf Schutz als Flüchtlinge aus dem Irak, Afghanistan, Syrien oder anderen Ländern.

Der leitende Auslandskorrespondent von CBS News, Charlie D‘Agata, etwa erklärte live auf Sendung, die Ukraine sei, „bei allem Respekt, kein Ort wie der Irak oder Afghanistan, an dem seit Jahrzehnten Konflikte toben. Dies ist eine relativ zivilisierte, relativ europäische Stadt - auch diese Worte muss ich mit Bedacht wählen - eine Stadt, in der man so etwas nicht erwarten oder hoffen würde, dass so etwas passiert.“ D‘Agatas Worte über die „zivilisierte“ Ukraine sagen wohl mehr über seine Position gegenüber dem Irak oder Afghanistan aus, als gegenüber der Ukraine. Es drängt sich die Frage auf: Wenn das die mit bedacht gewählten Worte waren, wie hätten die unbedachten geklungen?

Ukraine-Krieg: „Guter Flüchtling, schlechter Flüchtling“ – wie Schutzsuchende gegeneinander ausgespielt werden

Auch in einigen deutschen Medien werden Geflüchtete verschiedener Weltregionen dieser Tage in ihrem Bedarf auf Schutz gegeneinander ausgespielt, eine Berechtigung zur Flucht wird einigen zu, anderen abgesprochen. Bei hart aber fair etwa fragte Frank Plasberg, ob die Willkommenskultur, die es auch 2015 anfangs gegeben hatte, nun länger halten würde, „einfach auch, weil es Menschen sind, die unserem Kulturkreis näher sind“. Der britische Guardian titelte kürzlich „They are ‘civilised’ and ‘look like us’: the racist coverage of Ukraine“ – in diese Stoßrichtung geht auch die Diskussion bei hart aber fair, zu Flüchtlingen und dem Ukraine-Krieg.

Ukraine-Krieg: Flüchtlinge aus der Ukraine kommen in Budapest an.
Ukraine-Krieg: In der © Zoltan Balogh/MTI/dpa

Mit Hans-Lothar Domröse antwortete der ehemals ranghöchste deutsche Nato-General auf Frank Plasberg und urteilte dabei gleich einmal darüber, wer vor Krieg fliehen dürfe und wer nicht. Er sagte: „Damals waren viele junge Männer dabei, wehrfähige, starke Männer, wenn sie so wollen, die eigentlich ihr Land verteidigen sollten.“ Domröse ergänzt mit Blick auf die Ukraine „die Ukrainer bleiben zu Hause, um ihr Land zu verteidigen, so gut sie können.“ Derweil hindert die Wehrpflicht viele ukrainische Männer an der Flucht in Sicherheit.

Ukraine-Krieg, Berichterstattung zu Flüchtlingen und Rassismus auf der Flucht: „europäische Menschen mit blauen Augen und blondem Haar“

Es handelt sich dabei nicht um Ausnahmen, sondern um ein Muster, das sich in beachtlichen Teilen der Berichterstattung von den USA bis nach Deutschland wiederfindet. Ein besonders prägnantes Beispiel stammt aus der BBC. In einem Interview sagte ein ehemaliger ukrainischer Generalstaatsanwalt dem Sender: „Es ist sehr emotional für mich, weil ich sehe, wie europäische Menschen mit blauen Augen und blondem Haar ... jeden Tag getötet werden.“ Die Reaktion des Moderators hierauf war nicht Kritik, Nachfrage oder Widerspruch. Er entgegnete lediglich: „Ich verstehe und respektiere die Emotionen.“

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Es ist ein Problem, das dieser Tage auch an den Bahnhöfen in der Ukraine zutage tritt. Die Berichte über Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe an der Flucht gehindert werden, häufen sich. People of Color werden am Einstieg in Züge Richtung Grenze und Sicherheit gehindert, die BBC oder das ZDF berichteten. Rassismus ist ein Problem – in den Medien, in der Gesellschaft und ja – auch in der Ukraine. Der Umgang mit Geflüchteten aus dem Land von Präsident Wolodymyr Selenskyj zeigt derzeit, was möglich ist und wie es gehen kann. Für Flüchtlinge aus anderen Weltregionen bleibt dabei der fade Beigeschmack, dass ihr Bedarf an Schutz offenbar weniger wert ist, und dass Schutzsuchende aus dem Ukraine-Krieg gegen sie ausgespielt werden – zumindest die mit „blauen Augen und blondem Haar“.* kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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