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Ukraine-Krise: Flüchtlingsansturm – so will Polen dem Nachbarn beistehen

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Von: Jens Kiffmeier

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Polen steht im Ukraine-Konflikt an vorderster Front: Im Kriegsfall werden hunderttausende Flüchtlinge über die Grenze strömen. Ist das Land dafür gewappnet?

Warschau – Bislang war Polen nicht für eine warmherzige Willkommenskultur bei Flüchtlingen bekannt. Doch im Ukraine-Konflikt will das EU-Land eine Ausnahme bei seiner rigorosen Asylpolitik machen: Im Fall eines russischen Angriffs auf das Nachbarland sei man auf die Aufnahme von Flüchtlingen gerüstet, sagte der polnische Vize-Außenminister Marcin Przydacz laut der Rheinischen Post. „In diesem Worst-Case-Szenario sprechen wir nicht von Hunderten oder Tausenden, sondern von weit höheren Zahlen“, stellte er klar. Ob Russlands Präsident Wladimir Putin seine Truppen wirklich in Bewegung setzt, blieb am Dienstag unklar.

EU-Land:Polen
Staatsform:Republik
Bevölkerung:37,95 Millionen
Länge der Grenze zur Ukraine:526 Kilometer

Ukraine-Konflikt: Polen zur Aufnahme von Flüchtlingen bereit – EU-Land trennt 526 Kilometer lange Grenze vom möglichen Kriegsland

Ungeachtet dessen lenkt die Krise aber den Fokus unfreiwillig auch auf das Nachbarland. Die Ukraine und Polen trennt eine insgesamt 526 Kilometer lange Grenze. Sie beginnt südlich von Wlodawa und verläuft dann südlich am Grenzfluss Bug entlang in Richtung Süden. Für Ukrainerinnen und Ukrainer ist diese EU-Außengrenze durchaus durchlässig.

Flüchtlinge sitzen in einer Sporthalle in einer Reihe auf einer Bank. Davor ist ein polnischer Grenzschützer in Tarnuniform zu sehen.
Macht Putin Ernst? Polen wappnet sich mit seiner Grenzpolizei im Ukraine-Konflikt für einen Flüchtlingsansturm. (kreiszeitung.de-Montage) Polen © Bartlomiej Wojtowicz/Patrick Pleul/dpa

In den vergangenen Jahren hatte sich die konservative polnische Führung um Ministerpräsident Mateusz Morawiecki und Präsident Andrzej Duda in anderen Flüchtlingskrisen, etwa aus dem Mittelmeerraum oder Afghanistan, stets gegen eine Verteilung nach dem europäischen Schlüssel gewehrt. Doch mit Blick auf die Ukraine ist die Regierung Polens zu großen Zugeständnissen bereit.

Das liegt unter anderem an einem historisch eng verknüpften Verhältnis. So war ein Teil der heutigen Ukraine einmal unter polnischer Verwaltung. Bis heute bestehen enorme verwandtschaftliche Verbindungen, weswegen Ukrainerinnen und Ukrainer bislang auch zu touristischen Zwecken ohne Visum für 90 Tage in das EU-Land einreisen dürfen. Außerdem arbeiten viele Ukrainer in Polen, weil sie dort die polnischen Arbeitnehmer ersetzen, die wiederum in Deutschland oder Großbritannien beschäftigt sind.

Polen: Bei Einmarsch von Russland in der Ukraine greifen Pläne für die Flüchtlingskrise

Insofern verwundert es auch nicht, dass die polnische Regierung nun Einsatzpläne für die Aufnahme von ukrainischen Flüchtlingen erarbeiten lässt. Seit Wochen soll die Politik und das Innenministerium interne Szenarien durchspielen. So liegen Pläne vor, wie die Unterbringung in Hotels, Wohnheimen und Sporthallen organisiert werden kann – sofern Russland die Invasion wirklich startet. „Wir werden auf die Aufnahme von einer Million Menschen vorbereitet sein, die vor Feuer, Tod und Kriegsgräueln fliehen“, zitierte die Süddeutsche Zeitung den polnischen Vize-Innenminister Maciej Wasik.

Doch ob es so weit kommt, bleibt abzuwarten. Nachdem westliche Geheimdienste bereits mit Kriegsgeschrei über einen von Putin veranlassten Einmarsch am Mittwoch spekuliert und gewarnt hatten, sendete Moskau am Dienstag erst einmal ein Zeichen der Entspannung. So sollen einige an der ostukrainischen Grenze stationierten Truppen wieder zurückverlegt worden sein. Während Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zu Gesprächen in Moskau weilte, trauten ukrainische Regierungsvertreter dem Frieden aber noch nicht. Insofern bleibt die Lage weiterhin unübersichtlich.

Ukraine-Krise: Polens Militär ist in schlechtem Zustand – Nato sendet Truppen gegen Putins Hegemonialstreben

In Polen jedenfalls schaut man sehr genau hin. Dort steht man einem russischen Hegemonialstreben seit je her skeptisch gegenüber. Im Rahmen seiner Möglichkeiten versucht das EU-Land nun seinem östlichen Nachbarn beizustehen. Während andere Länder ihr Botschaftspersonal bereits zurückbeordert haben, hält Polen die Stellung. Und während Deutschland die Ukraine bei der Bitte um militärische Ausrüstung hängen ließ und lediglich 5000 Schutzhelme lieferte, sendete Polen immerhin Artillerie-Munition und Boden-Luft-Raketen.

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Doch laut dem Bericht der Süddeutschen Zeitung handelt es sich dabei wohl eher um eine symbolische Geste. Denn die eigentliche Kampfkraft der polnischen Armee ist selber nicht die beste. So sollen laut einem internen Untersuchungsbericht des polnischen Verteidigungsministeriums die Soldatenanzahl mangelhaft, die Ausrüstung veraltet und die Abhängigkeit von Unterstützung der Nato-Partner zu groß sein, hieß es. Vor diesem Hintergrund verwundert es auch nicht, dass die USA und Großbritannien vergangene Woche die Verlegung von bis zu 10.000 eigenen Soldaten nach Polen ankündigten. Dort will man sich aber revanchieren und zumindest die Aufnahme von ukrainischen Flüchtlingen absichern – zumindest im Ernstfall. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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