1. Startseite
  2. Politik

Türkei: Erdogan gegen Pop-Sängerin Sezen Aksu – „Zunge aus dem Mund reißen“

Erstellt:

Von: Alexander Eser-Ruperti

Kommentare

Die ökonomische Lage der Türkei ist prekär, viele Türken versinken in Armut. Präsident Erdogan arbeitet sich derweil an Popstar Sezen Aksu ab – und droht ihr.

Istanbul – „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Für dieses Zitat war Recep Tayyip Erdogan 1997 wegen „religiöser Volksverhetzung“ zu zehn Monaten Haft verurteilt worden. Seitdem hat sich die politische Landschaft in der Türkei unter Erdogans Ultra-religiösem Kurs verändert, das bekommen Journalistinnen wie Sedef Kabas zu spüren, aber auch Kunstschaffende wie die Popsängerin Sezen Aksu zu spüren. Sie ist nun wegen eines alten Liedes ins Visier des türkischen Präsidenten geraten.

Name:Recep Tayyip Erdogan
Amt:Präsident Türkei
Partei:AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi)

Popsängerin Sezen Aksu: Erdogans unverhohlene Drohungen an einen Popstar und die gespaltene Türkei

In der Türkei ist ein Konflikt um ein fünf Jahre altes Lied entbrannt. Grund dafür ist, dass die Popsängerin Sezen Aksu Adam und Eva in dem entsprechenden Stück als „Unwissende“ bezeichnet hatte. In der Ultra-religiösen Türkei unter Recep Tayyip Erdogan ist das ein Affront, denn Adam gilt bei vielen Muslimen als Prophet. Der türkische Präsident reagiert mit einer unverhohlenen Drohung – fünf Jahre später. Beim Freitagsgebet sagte Erdogan: „Niemand kann und darf Beleidigungen gegen den heiligen Adam in den Mund nehmen. Tut es jemand doch, dann ist es gegebenenfalls unsere Pflicht, ihm dafür die Zunge aus dem Mund zu reißen.“

Recep Tayyip Erdogan: Der türkische Präsident geht mit eiserner Hand gegen die Opposition und Kunstschaffende vor. Das bekommen auch die Sängerin Sezen Aksu oder die Journalistin Sedef Kabas zu spüren.
Recep Tayyip Erdogan: Der türkische Präsident geht mit eiserner Hand gegen die Opposition und Kunstschaffende vor. Das bekommen auch die Sängerin Sezen Aksu oder die Journalistin Sedef Kabas zu spüren. © Imago/ Italy Photo Press

In Anbetracht der prekären ökonomischen Situation, in der die Türkei steckt, drängt sich der Verdacht auf, es könne sich um einen strategischen Schachzug des starken Mannes im türkischen Staat handeln. Die Umfragewerte von Erdogans Partei AKP sinken, ebenso wie jene des rechtsextremen Bündnispartners der MHP. Die finanzielle Not ist groß. Es wäre nicht das erste Mal, dass Erdogan in innenpolitischen Notsituationen Feindbilder heraufbeschwört, ein wiederkehrendes Muster seiner Politik. Der Präsident kultiviert das Bild von Feinden des Glaubens, nicht selten beschwört er die „Einheit der Nation“ gegen äußere Feinde herauf – letzteres hat in der türkischen Geschichte seit Mustafa Kemal Atatürk Tradition.

Erdogans Türkei: Künstlerinnen, Journalistinnen und Oppositionelle wie Sezen Aksu und Sedef Kabas haben es schwer

Besonders Frauen sind vielfachen Angriffen des türkischen Präsidenten ausgesetzt, neben der Sängerin Sezen Aksu musste das zuletzt auch die Journalistin Sedef Kabas am eigenen Leib erfahren. Sie wurde erst kürzlich wegen vermeintlicher Beleidigung des Präsidenten inhaftiert: In einer TV-Sendung hatte Kabas Erdogan für sein Vorgehen gegen Oppositionelle kritisiert. Auf Twitter teilte sie anschließend, ohne Nennung von Namen, das Sprichwort: „Wenn ein Ochse in einen Palast geht, wird er kein König, sondern der Palast wird zum Stall.“

Kabas ist ein weiteres Beispiel für Erdogans Umgang mit Opposition. Für Oppositionelle war 2021 ein weiteres hartes Jahr in der Türkei*, die zudem mit der Corona-Krise zu kämpfen hatte. In der Türkei hatte sich zuletzt, wie fast überall, auch die Omikron-Variante* zunehmend ausgebreitet.

Erdogans Austritt aus der Istanbul-Konvention und die Lage der Frauenrechte in der Türkei

Sezen Aksu sang schon in den 80er-Jahren als erste türkische Popsängerin über Frauenrechte, ebenso wie über die Opfer des Militärputsches in den achtziger Jahren. Auch über den ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink schrieb sie, und über ein kurdisches Kind, das durch das türkische Militär zu Tode kam. Themen, die in der Türkei an Aktualität kaum eingebüßt haben, aber Sezen Aksu zur Zielscheibe der Konservativen um Erdogan machen.

Über die Lage der Frauenrechte in der Türkei ließen sich auch heute noch zahlreiche Lieder singen: Mitte vergangenen Jahres war die Türkei offiziell aus dem internationalen Frauenschutzabkommen, der Istanbul-Konvention ausgetreten. In der Türkei sind Femizide alles andere als eine Seltenheit, zu Beginn letzten Jahres hatte es, wie die Deutsche Welle berichtete, Hinweise darauf gegeben, dass viele von ihnen in Statistiken als Suizide verschleiert werden. Der Austritt aus der Istanbul-Konvention ist dabei möglicherweise ein Spiegel der Gesamtsituation.

Menschenrechtsgericht verurteilt Erdogans Türkei wegen Inhaftierung von Deniz Yücel

Oppositionelle, Kunstschaffende, Journalisten und Politiker – sie alle sind zu Zielscheiben der türkischen Staatmacht geworden . Der Journalist Deniz Yücel hat sich nun, etwa vier Jahre nach seiner Freilassung, vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen die Türkei durchsetzen können. Die Türkei unter Erdogan soll ihm Entschädigung für seine unrechtmäßige Inhaftierung zahlen, das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Für Yücel ist es dennoch bereits ein symbolischer Sieg, der den Apparat in der Türkei trifft. Auch Deutschland hatte immer wieder wegen Waffenlieferungen in die Türkei in der Kritik gestanden, während aktuell über die Lieferung von Waffen in die Ukraine diskutiert wird.

Mit unserem Newsletter verpassen Sie nichts mehr aus ihrer Umgebung, Deutschland und der Welt – jetzt kostenlos anmelden!

Weniger gut als für Yücel sieht es für zahlreiche weitere Oppositionelle in der Türkei aus, die Gefängnisse sind voll. Sedef Kabas ist eine davon, während Sezen Aksu zwar frei ist, doch bedroht wird. Recep Tayyip Erdogan steuert die Türkei mit eiserner Hand zwischen ökonomischer Misere, Fantasien eines neo-osmanischen Großreichs und dem Rückbau von Frauenrechten. Seine Zustimmungswerte sinken, ob die populistischen Attacken gegen Journalistinnen und Künstlerinnen das ändern können, ist zweifelhaft. Doch eines machen diese Repressalien deutlich: Die Lage Erdogans stellt sich möglicherweise schlechter dar, als er zugeben mag. * kreiszeitung.de und merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Auch interessant

Kommentare