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Waffen-Streit: Trabert mit seltenem Denkanstoß – „Niemanden stigmatisieren“

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Von: Alexander Eser-Ruperti

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Waffenlieferungen an die Ukraine sind derzeit in aller Munde. Gerhard Trabert ist vor Ort, ihm kommen vor allem „Waffen der Menschlichkeit“ zu kurz.

Kiew – Die Diskussion um Waffenlieferungen in die Ukraine dauert an: Es geht um Ringtausch, schwere oder leichte Waffen und darum, ab wann Deutschland eigentlich Kriegspartei ist. Während aus Teilen der Politik, von Friedrich Merz bis Anton Hofreiter, nach immer mehr Waffen gerufen wird, sehen Waffenlieferungs-Gegner längst eine Kriegsbeteiligung Deutschlands und einen Beitrag zur Eskalation. Aktuellen Umfragen zufolge sinkt die Zustimmung zu Waffenlieferungen, trotzdem scheint die klare Ablehnung für viele mittlerweile eine verpönte Position zu sein. Der Ex-Kandidat zur Bundespräsidentenwahl und Sozialmediziner Gerhard Trabert ist mit Gregor Gysi derweil auf dem Weg in die Ukraine, und das mit einem konkreten Plan: Trabert geht es um „Waffen der Menschlichkeit“. In der Diskussion um Waffenlieferungen selbst sieht er eine gefährliche Diskursverschiebung.

Gerhard Trabert: „Es darf niemand diskriminiert werden, der den Standpunkt ‚keine Waffen‘ hat“

Wir erreichen Gerhard Trabert auf dem Weg aus Deutschland in die Ukraine, er möchte sich dort selbst ein Bild über die medizinische Lage im Zuge des Ukraine-Kriegs machen und herausfinden, was wirklich benötigt wird. Trabert geht es um humanitäre Güter, dennoch drängt sich die Frage auf, wie auch er sich in der Debatte um Waffenlieferungen positioniert. Der Sozialmediziner selbst sagt im Gespräch mit kreiszeitung.de, „ich bin nicht per se gegen Waffenlieferungen“, bekennt aber auch: „Ich bin innerlich sehr gespalten“. Eindeutig ist hingegen seine Ablehnung einer Tendenz in der Diskussion: Der Stigmatisierung von Rüstungsgegnern.

Gerhard Trabert richtet sich gegen die Stigmatisierung von Waffenlieferungs-Gegnern. Selbst, ist er keiner.
Gerhard Trabert richtet sich gegen die Stigmatisierung von Waffenlieferungs-Gegnern. Selbst, ist er keiner. © Boris Roessler / dpa

Zum aktuellen Diskurs sagt er: „Die Diskussion in Deutschland ist mir zu militaristisch. 100 Milliarden Euro Sonderbudget, Grundgesetz, das ist für mich kein akzeptabler Weg. Die Diskussion fragt immer: Dafür oder dagegen. Doch es gibt einen Mittelweg. Es ist richtig zu hinterfragen, ob das militärisch alles eine Lösung ist. Frieden muss immer noch die Option sein. Wir müssen immer alles tun für den Frieden.“ Was er dann sagt, hört man in der Diskussion bisweilen eher selten: „Es darf niemand diskriminiert und stigmatisiert werden, der den Standpunkt ‚keine Waffen‘ vertritt, weil er glaubt, oder die Erfahrung gesammelt hat, dass sowas immer zu einer Eskalation führt“.

Gerhard Trabert und „Waffen der Menschlichkeit“ für die Ukraine

Doch Gerhard Trabert ist nicht in der Ukraine, um über Waffenlieferungen zu diskutieren. Er hat ein konkretes Anliegen, das ihm in der aktuellen Debatte zu kurz kommt. Der Mainzer Sozialmediziner sagt: „Ich finde der humanitäre Aspekt, die Gesundheitsversorgung, die Versorgung der Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln und vielem anderen wird viel zu wenig diskutiert. Da braucht es viel mehr Hilfe und Lieferungen, auch von deutscher Seite.“ Trabert ist in der Ukraine, um herauszufinden, was genau die medizinische Situation erfordert, er will konkrete Solidaritätsarbeit organisieren. Im Gepäck: Ein Gerät zur Hauttransplantation, das er einem Krankenhaus übergeben will.

Von dem, was in Kriegsgebieten generell benötigt wird, hat der Sozialmediziner Ahnung, das wird im Gespräch schnell klar. Er erzählt von seinen Erfahrungen aus Syrien, wie Schwangere im Krieg zu wenig bedacht werden und davon, wie die Früh- und Fehlgeburtenrate in Kriegsgebieten besonders hoch ist. Trabert erklärt, es bräuchte deshalb vermehrt Brutkästen und Inkubatoren. Er sagt: „All diese Dinge wollen wir vor Ort gezielt eruieren, um dann zielgerichtet, ich drücke es mal pathetisch aus, Waffen der Menschlichkeit in die Ukraine zu bringen.“

Gerhard Trabert, Friedrich Merz und die Frage nach sinnvollen und sinnlosen Reisen in die Ukraine

Angesprochen auf Friedrich Merz Besuch in der Ukraine und konfrontiert mit der Frage, ob auch sie eine Reise plane, sagte Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) zuletzt: „Solche Reisen werden genau vorbereitet, aber es sind ja keine Tourismusreisen, deswegen gibt es auch keine große Reiseankündigung, die man vorher macht.“ Tatsächlich stellt sich dieser Tage immer wieder die Frage, wer mit welchen Zielen, und möglicherweise auch Eigeninteressen, in die Ukraine reist – und wie viel Sinn die jeweilige Reise dementsprechend macht.

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Bei Gerhard Trabert, der sich schon lange für die Ärmsten der Gesellschaft einsetzt, stellt sich diese Frage nicht. Er berichtet davon, eine Suppenküche in Lwiw zu besuchen, mit der bereits über zehn Jahre eine Kooperation besteht, und von anderen Initiativen, die er unterstützen möchte und bereits unterstützt. Der Bedarf an „Waffen der Menschlichkeit“ wird hoch sein, so viel steht fest. Welche genau es sind, will der Mainzer herausfinden. Schon zu Beginn des Krieges hatte Trabert eine Hilfsaktion für die Ukraine gestartet – kleiner ist der Bedarf seitdem ganz gewiss nicht geworden.

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