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Taiwan und China: Worum es bei dem Konflikt eigentlich geht

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Von: Anika Zuschke

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Nancy Pelosi besucht Taiwan – diese Meldung sorgt für Aufruhr in China. Aber wieso? Alles zum Hintergrund des Konfliktes zwischen China, Taiwan und den USA.

Taipeh – Derzeit gilt der Streit um Taiwan als einer der gefährlichsten Konfliktherde der Welt – insbesondere mit Blick auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Denn nun wächst weltweit die Sorge, dass China einen ähnlichen Versuch starten könnte, den kleinen Inselstaat etwa 180 Kilometer östlich von China einzunehmen. In den Konflikt verwickelt sind dabei auch die USA, die Taiwan mit Waffenlieferungen militärisch unterstützen. Der aktuelle Besuch der US-Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi auf der Insel könnte daher zusätzliche Spannungen zwischen den USA und China auslösen.

Doch was steckt eigentlich hinter dem Konflikt zwischen Taiwan, China und den USA? Und welche Folgen hätte eine militärische Auseinandersetzung für Deutschland?

Konflikt im Taiwan: Worum streiten sich USA und China – und warum?

Um den Streit zwischen China und Taiwan aufzurollen, lohnt es sich, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Denn der Konflikt zwischen den beiden Parteien braut sich bereits seit mehreren Jahrzehnten zusammen – die Aussicht auf eine beidseitig zufriedenstellende Lösung scheint es derzeit aber nicht zu geben.

Die ehemalige Republik China – früher auch bekannt unter dem Begriff Nationalchina – wurde am 1. Januar 1912 in der chinesischen Stadt Nanjing ausgerufen. Ein Jahr zuvor hatten die Revolution von 1911 und der Sturz der Qing-Dynastie zum Zusammenbruch des chinesischen Kaiserreiches geführt, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet.

Bis zum Jahr 1949 umfasste das Staatsgebiet von Nationalchina infolgedessen ganz China, inklusive der Insel Taiwan. Doch das änderte sich mit dem Ende des Chinesischen Bürgerkriegs am 1. Oktober 1949, als der Kommunistenführer Mao Tsetung gegen das Militär der Republik China siegte und auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking die Volksrepublik China ausrief.

Geschichte vom Taiwan: Hat die Insel jemals zu China gehört?

Viele Anhänger der nationalchinesischen Kuomintang-Regierung, also der Republik, flohen daraufhin nach Taiwan. Seitdem existieren laut wdr.de zwei chinesische Staaten: Die kommunistische Volksrepublik China und die Republik China – weithin bekannt als Taiwan –, die jedoch extrem unterschiedliche Herrschaftsformen vertreten. Während die Volksrepublik China seit Jahrzehnten die Politik einer Diktatur ohne Meinungsfreiheit lebt, hat sich Taiwan Ende der 1980er-Jahre von einer Diktatur zur blühenden Demokratie entwickelt.

Was ist der Unterschied zwischen China und Republik China?

Die Volksrepublik China ist ein bevölkerungsreicher Staat in Ostasien und bereits seit Jahrzehnten eine Diktatur. Die Hauptstadt lautet Peking und der amtierende Präsident ist Xi Jinping.

Die Republik China – bekannt unter dem Namen Taiwan – ist ein kleiner Inselstaat östlich von China, der sich zu einer Demokratie entwickelt hat. Die Regierung in Peking sieht Taiwan als Teil der Volksrepublik an und möchte die beiden Teile „wieder vereinen“. Der Taiwan besteht jedoch auf seine Eigenständigkeit.

Dort gibt es einen funktionierenden Rechtsstaat und eine Zivilgesellschaft von gut 23 Millionen Einwohnern, die Meinungs-, Presse- und Demonstrationsfreiheit für sich beanspruchen können. Doch ist genau diese demokratische Gesellschaft ZDF zufolge den Machthabern in Peking ein Dorn im Auge. Demnach gefällt es dem amtierenden Präsidenten Xi Jinping nicht, dass die Taiwaner täglich beweisen, wie auch eine chinesische Demokratie funktionieren kann.

China möchte sich mit Taiwan „wieder vereinen“ – Insel lehnt das jedoch ab

Präsident Xi möchte Taiwan deswegen wieder mit der Volksrepublik China verbinden und hat die „Wiedervereinigung“, wie es in Peking offiziell genannt wird, zum Teil des „chinesischen Traums“ erklärt – der notfalls auch mit Gewalt durchgesetzt werden soll. WDR zufolge wiederholt der Staatschef regelmäßig, dass es historisch so vorgesehen sei, den Inselstaat in die Volksrepublik einzugliedern. „Die vollständige Wiedervereinigung unseres Landes wird und kann verwirklicht werden“, sagte Xi laut der Süddeutschen Zeitung im letzten Jahr.

Doch sehen die Bürger der Republik China das keineswegs so. Ein Großteil der in Taiwan lebenden Menschen lehnt eine Vereinigung mit China ab. SZ zufolge wollen über 70 Prozent der Taiwaner nach Umfragen selbst dann keinen Anschluss an die Volksrepublik mehr, „wenn sie das gleiche Niveau an wirtschaftlicher und politischer Entwicklung wie in Taiwan erreicht hat“. Außerdem ist der Begriff der „Wiedervereinigung“ aus Sicht des Taiwans schlicht falsch – denn die Insel ist seit der Gründung der Volksrepublik nie Teil der Diktatur gewesen. Auch die taiwanische Präsidentin Tsai Ing-Wen betont deswegen immer wieder die Eigenständigkeit ihres Landes.

Die nationale Flagge von Taiwan und Nancy Pelosi, demokratische Vorsitzende des Repräsentantenhauses.
US-Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi ist in Taiwan eingetroffen – was steckt eigentlich hinter dem Konflikt zwischen USA und China? (kreiszeitung.de-Montage) © YAY Images/Imago/Michael Brochstein/ZUMA Wire/dpa

China erkennt Taiwan nicht als eigenständigen Staat an – „Ein-China-Politik“ übt Druck auf andere Länder aus

Trotzdem erkennt die Volksrepublik China den Taiwan nicht als eigenständigen Staat an und übt als einflussreiche Wirtschaftsmacht gewaltigen Druck auf alle anderen Staaten aus, diesem Ansatz zu folgen. An dem Punkt kommt die USA mit ins Spiel. Denn bereits im Jahr 1972 reiste der damalige US-Präsident Richard Nixon für einen Annäherungsversuch nach China und verpflichtete sich im Zuge dessen zum sogenannten „Ein-China-Grundsatz“, der besagt, dass es nur ein China gebe und Taiwan ein Bestandteil davon sei.

Außerdem erklärte die amerikanische Regierung seine Unterstützung für eine friedliche Lösung des Konflikts, den die beiden Parteien unter sich ausmachen sollten. Bereits in den 1970er-Jahren schlossen sich unter dem Druck Pekings also viele Staaten dem „Ein-China-Grundsatz“ an – unter anderem auch Deutschland. Nur eine kleine Anzahl von Staaten erkennt die Demokratie Taiwans an und unterhält diplomatische Beziehungen zu der Insel. Auf chinesischen Druck hin wurde Taiwan laut Deutscher Presse-Agentur (dpa) sogar aus den Vereinten Nationen und internationalen Organisationen ausgeschlossen.

Anerkennung von Taiwan: Welche Länder erkennen die Insel als unabhängig von China an?

Präsident aus Taiwan besucht die USA – das löst ernsten Konflikt mit China aus

Doch kam es 1995 schließlich zu einer größeren Krise, als der damalige taiwanische Präsident Lee Teng-hui den USA einen Besuch abstattete. Infolgedessen feuerte die Volksrepublik Raketen in die Gewässer um Taiwan, die USA reagierte mit entsandten Flugzeugträgern. Schließlich unterstützten die Vereinigten Staaten unter Präsident George Bush Taiwan mit wachsender militärischer Ausstattung.

Das stieß der chinesischen Regierung natürlich übel auf, da die Volksrepublik offizielle Kontakte von anderen Ländern zu Taiwan auf Basis der „Ein-China-Politik“ strikt ablehnt. Dieser Ansatz hat sich in den vergangenen Jahren auch nicht geändert. Die chinesische Regierung geht nach wie vor gegen jeden Staat vor, der diplomatische Beziehungen zu Peking aufrechterhalten möchte – und gleichzeitig wirtschaftliche oder diplomatische Beziehungen zu Taiwan aufbauen will.

Was ist besonders an Taiwan?

Taiwan ist geopolitisch von großer Bedeutung, da der Staat laut Süddeutscher Zeitung einen Teil der ersten Inselkette darstellt, die den Zugang Chinas zum Pazifik einschränkt. Außerdem stellt das Land einen Großteil wichtigen technischen Zubehörs wie Halbleiter oder Chips zur Verfügung. Aus dem Grund hätte ein Krieg enorme Auswirkungen auf die globale Wirtschaft.

USA sieht es als Pflicht, Taiwan zu verteidigen: Nancy Pelosi besucht die Insel bei China

Doch ist der amtierende US-Präsident Joe Biden in dem Konflikt zwischen Taiwan und China sogar weitergegangen als seine Vorgänger und bezeichnete es laut dpa wiederholt als „Verpflichtung“, Taiwan zu verteidigen. Ob mit Waffenlieferungen oder mit eigenen Truppen ließ er bislang offen.

Der aktuelle Besuch von Nancy Pelosi, der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses und damit der Nummer Drei der USA, spricht in dem Zusammenhang Bände – und wurde von China nicht besonders euphorisch zur Kenntnis genommen. Während Nancy Pelosi in Taiwan als ranghöchster Besuch aus den Vereinigten Staaten seit einem Vierteljahrhundert herzlich empfangen wurde, sprach das Außenministerium in Peking laut wdr.de von einem „sehr gefährlichen Spiel mit dem Feuer“. Demnach werde China „alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die nationale Souveränität und territoriale Integrität zu verteidigen“.

Nancy Pelosi stattet Taiwan einen Besuch ab – das stößt China übel auf

Und es blieb nicht nur bei einer Drohung aus China: Im West-Pazifik wurden bereits chinesische Militärflugzeuge und Kriegsschiffe gesichtet, außerdem finden wohl Manöver mit Schießübungen statt. Als Reaktion darauf hat auch das taiwanische Militär seine Kampfbereitschaft erhöht – wobei es sich dabei wohl noch nicht um einen „Ernstfall“, sondern um eine „normale Einsatzbereitschaft“ handele, wie wdr.de berichtet.

Eine tatsächliche militärische Auseinandersetzung hätte jedoch enorme Auswirkungen auf die globale Wirtschaft. Experten gehen laut dpa davon aus, dass diese sogar weitreichendere Folgen als Russlands Angriff auf die Ukraine hätte – auch für Deutschland. Denn demnach ist Taiwan Nummer 22 der großen Volkswirtschaften, stark mit der Weltwirtschaft verflochten und zudem industriell weit entwickelt. Ein Großteil der Halbleiter, die aktuell ohnehin knapp sind, stammen von Unternehmen aus Taiwan.

Pelosis Besuch in Taiwan ist „kein guter Tag für den Weltfrieden“

ZDF-Korrespondent Ulf Röller sagte laut dem Fernsehnetzwerk zu Pelosis Besuch auf der Insel: „Eins ist klar: Das Verhältnis zwischen den beiden Weltmächten Amerika und China wird durch diesen Besuch wesentlich belastet und stärker belastet“ und fügte hinzu: „Das ist kein guter Tag für den Weltfrieden.“ Was die ganze Situation noch gefährlicher macht, ist der Fakt, dass sich mit einem wachsenden Konflikt zwischen China und USA am Ende zwei Atommächte gegenüberständen.

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