Sven-Christian Kindler im Interview

Bundestagswahl: „Klimaschutz ist Überlebensfrage für uns Menschen“

Er ist das schlechte Gewissen von Olaf Scholz: Sven-Christian Kindler. Der Grüne aus Niedersachsen streitet mit ihm um Steuern und Klimaschutz-Kosten. Ein Interview.

Hannover – Seit 2009 sitzt Sven-Christian Kindler für seine Partei Bündnis 90/ Die Grünen im Bundestag. Als Obmann im Haushaltsausschuss und haushaltspolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion ist der Politiker aus Niedersachsen dabei vor allem mit Haushalt und Finanzen beschäftigt. Und das ganz in der Nähe des Wirkungskreises von Bundesfinanzminister und Kanzlerkandidat Olaf Scholz (SPD). Erst kürzlich prangerte Kindler ihn für die Verschwendung von Steuermitteln im Bundestagswahlkampf an und kritisierte ihn auch für seine Rolle bei der FIU-Razzia.

Kandidat für die Bundestagswahl 2021: Sven-Christian Kindler
Partei:Bündnis 90/ Die Grünen
Wahlkreis: Stadt Hannover II (042)
Alter: 36 Jahre

Doch was würde Kindler anders machen, wenn er über den Bundeshaushalt entscheiden dürfte – und welche Ziele verfolgt der Mann aus Hannover im Hinblick auf den Klimaschutz in der Bundestagswahl 2021? Zeit für ein Gespräch mit kreiszeitung.de:

Bundestagswahl 2021: Sven-Christian Kindler (Grüne) aus Niedersachsen fordert sozial gerechten Klimaschutz

Herr Kindler, Klimaschutz ist in diesem Jahr das Wahlkampfthema Nummer eins. Sie setzen sich im Bundestag für nachhaltige und gerechte Haushalts- und Finanzpolitik ein. Wie sieht eine klimafreundliche Finanzpolitik aus?
Die finanzielle Ungerechtigkeit in Deutschland beschränkt sich nicht einzig auf den Bereich Klimaschutz. Die Schere zwischen Arm und Reich ist durch die Coronavirus-Pandemie noch weiter auseinander gegangen. Das Ziel sollte nun sein, die Privilegien gerecht aufzuteilen. Mit dem Energiegeld wollen wir sozial Benachteiligten etwas vom CO2-Preis zurückgeben, während mit der Vermögenssteuer die Reichen mehr zahlen müssen. So wird die finanzielle Last gerechter aufgeteilt.
Tritt für die Grünen in Niedersachsen bei der Bundestagswahl an: Sven-Christian Kindler.
Welche konkreten Kosten sollte die Bundesregierung in der kommenden Legislaturperiode zugunsten des Klimaschutzes verändern?
Wir sollten klimaschädliche Subventionen, zum Beispiel für den Diesel oder die Flugindustrie, abbauen und stattdessen mehr Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr und erneuerbare Energien anstreben.
Wie genau sieht Ihre konkrete Vorstellung von sozial gerechtem Klimaschutz denn eigentlich aus?
Die Klimakrise ist eine Frage der Gerechtigkeit. Wenn wir uns zum Beispiel anschauen, wie ungerecht Ursache und Wirkung zwischen den Industrieländern und dem globalen Süden der Klimakrise in der Welt verteilt sind, sollten wir schauen, dass wir da für Gerechtigkeit sorgen. Die Menschen in Bangladesch oder Nigeria zum Beispiel leiden unter erheblichen Klimafolgen, sind aber nur für einen Bruchteil der Krise verantwortlich. Wir müssen uns klarmachen: Die Erde kann bei einer Klimaerwärmung von vier Grad weiter bestehen, aber nicht die menschliche Zivilisation. Bei einer Welt mit vier Grad Erhitzung werden Milliarden Menschen keinen Platz mehr zum Leben haben. Klimaschutz ist also vor allem eine Überlebensfrage für uns Menschen.

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Das Thema Flugreisen kommt in der Debatte rund um den Klimaschutz* auch immer wieder auf. Sie sagen von sich selbst, dass Sie gerne reisen – aber wollen die Subventionen für die Flugindustrie abbauen. Werden wir denn in Zukunft nicht mehr in den Urlaub fliegen?
Also ich bin tatsächlich seit Corona nicht mehr geflogen. Aber auch sonst versuche ich eigentlich immer, mit der Bahn in den Urlaub zu fahren. In Europa ist das auch relativ gut möglich. Allerdings war ich privat wie beruflich hin und wieder in Israel, da muss ich dann doch fliegen, versuche das CO2 aber wenigstens auszugleichen. Das Fliegen machen wir am besten mit dem Ausbau des Bahnnetzes und einer Verbesserung des Angebotes bei der Bahn überflüssig.
Das Ziel sollte auch nicht sein, gar nicht mehr zu fliegen – sondern umweltfreundliche Treibstoffe wie etwa grünen Wasserstoff oder elektrisches Fliegen zu fördern und die Bahn als Reisemittel wieder attraktiver zu machen. Es kann ja nicht sein, dass der Kurzstreckenflug billiger ist als die Bahnreise. Das liegt auch daran, dass wir Kerosin mit Steuergeld subventionieren. Das muss eine neue Bundesregierung ändern.

Es kann nicht sein, dass der Kurzstreckenflug billiger ist als die Bahnreise.

Sven-Christian Kindler (Grüne), Finanzexperte und Kandidat zur Bundestagswahl aus Niedersachsen.
Nicht zuletzt seit der Corona-Pandemie hat sich die Spaltung der Gesellschaft noch einmal verstärkt. Was kann die Politik und was kann jeder von uns gegen Rassismus und Antisemitismus tun? 
Zunächst müssen wir vor allem das Bewusstsein dafür stärken, dass Rassismus und Antisemitismus auch in der Mitte der Gesellschaft stattfinden. Und da es ein Problem ist, dass durch unsere gesellschaftlichen Strukturen geschaffen wird, müssen wir die Menschen mehr darüber informieren. Außerdem müssen wir den Betroffenen von jeglicher Form der Diskriminierung die Möglichkeit für Empowerment geben. Auch die Sicherheitsbehörden müssen besser auf diese Phänomene geschult werden und rechte Netzwerke rechtzeitig erkennen und zerschlagen. Denn sie sind die größte Gefahr für unsere Demokratie.

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Rassismus, Finanzen und Klimaschutz – diese Themen prägen Ihr aktuelles politisches Handeln. Aber warum sind Sie im Jahr 2005 bei den Grünen eingetreten?
Das hatte gleich zwei Gründe: Zum einen war ich in meiner Jugend bei den Pfadfindern aktiv. Dadurch habe ich früh meine Liebe zur Natur entdeckt. Ich war viel im Deister, Harz oder der Eilenriede unterwegs. Ich konnte schon damals nicht verstehen, warum wir Menschen so viel schöne Natur zerstören. Als Leiter einer Kindergruppe habe ich außerdem mitbekommen, was für eine große Ungleichheit bei den Kindern herrschte. Also wollte ich mich gegen Kinderarmut und für den Schutz unserer Umwelt engagieren. Und dafür waren die Grünen als Partei die beste Wahl.
Und warum brauchen wir gerade jetzt eine starke Grüne im Bundestag?
Wir müssen genau jetzt die Wende gegen die Klimakrise schaffen. Hitzewellen, Hochwasser und Waldbrände in ganz Europa zeigen uns, wie dringend das Thema ist. Die Menschen haben nun die Wahl zwischen Klimakanzlerin Annalena Baerbock und den beiden Kohlekanzlern von SPD und Union. Und ich werbe dafür, dass wir bei dieser Wahl eine Wahl für unsere Zukunft, unsere Kinder und Enkel treffen.

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Bringen wir es einmal auf den Punkt: Für welche drei Themen wollen Sie sich in den nächsten Jahren besonders stark machen?
Ich setze mich für den großen Investitionsfonds für den Klimaschutz ein und gegen das Dogma der Schwarzen Null und die harte Sparpolitik. Es soll das Jahrzehnt der Zukunftsinvestitionen werden. Außerdem werde ich weiter für eine gerechte und weltoffene Gesellschaft kämpfen. *kreiszeitung.de und 24hamburg.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Christoph Soder/Kay Nietfeld/dpa

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