1. Startseite
  2. Politik

Strompreise auf Rekordhoch: Kriegt Deutschland die Kurve im Energierennen?

Erstellt:

Von: Leonie Zimmermann

Kommentare

Atomkraft oder Erneuerbare Energien – was ist der Weg zu sauberem Strom?
Atomkraft oder Erneuerbare Energien – was ist der Weg zu sauberem Strom? © Federico Gambarini

Die Strompreise in Deutschland brechen aktuell alle Preisrekorde. Während der Ausbau Erneuerbarer Energien derzeit stockt, plant die EU eine umstrittene Alternative: Atomstrom.

Berlin – „Heute kommen wir leider mit einer unerfreulichen Nachricht auf Sie zu.“ Es sind simple Worte mit großen Auswirkungen. Denn mit diesem Satz beginnt der Stromanbieter „Stromio“ kurz nach Jahresbeginn die Einstellung seiner Stromlieferungbekanntzugegeben. Der Grund: Der Energielieferant hatte sich verkalkuliert. Die rund 100.000 betroffenen Kunden sind dadurch automatisch in einen deutlich teureren Tarif gerutscht. Und das ist nur ein sinnbildliches Beispiel für das, was aktuell auf dem Strommarkt los ist. 

Strompreis: Energiekosten gehen 2022 in Deutschland durch die Decke

Denn die Strompreise in Deutschland gehen regelrecht durch die Decke. Laut dem Vergleichsportal Verivox sind die Preise für Strom und Gas alleine im vergangenen Jahr um 40 Prozent angestiegen. Damit befinden sich die Strompreise auf einem Niveau, das es so in Deutschland noch nicht gegeben hat. Viele Haushalte können die steigenden Energiekosten allerdings dauerhaft nicht tragen. 

Selbst Hartz-IV-Empfänger sind von den hohen Strompreisen betroffen. Denn obwohl es möglich ist, sich die Gesamtausgaben für Gas vom Arbeitsamt erstatten zu lassen, gilt das für Strompreise nicht. Diese werden mit einem Pauschalbetrag im Regelsatz beglichen. Die Folge: Steigt der Strompreis, bleiben Sozialhilfeempfänger oft auf den Mehrkosten sitzen. 

Grünen-Politikerin Nyke Slawik sieht fossile Energiequellen als Ursache für hohe Strompreise

Nyke Slawik (Bündnis90/ Die Grünen) ist stellvertretende Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag. Die Grünen-Politikerin ist sich sicher: Die hohen Strompreise entstehen durch die begrenzte Verfügbarkeit fossiler Energieträger. Und sie hat auch einen Lösungsansatz parat, wie sie im Interview mit www.kreiszeitung.de verrät: „Sobald wir mehr Fokus auf Erneuerbare Energien setzen, werden auch die Strompreise nach und nach wieder sinken.“ Aktuell sei der Ausbau von klimafreundlichen Energiequellen wie Wasserkraft, Geothermie, Bioenergie, Windenergie, Meeresenergie und Sonnenenergie allerdings noch zu langsam.

Ein aktueller Bericht der NGO Europe Beyond Coal (EBC) und der Denkfabrik Ember kommt zu einem ähnlichen Schluss. Demnach tun europäische Energieversorger nicht genug, um von fossilen auf erneuerbare Energien umzusteigen. Die derzeit geplanten Maßnahmen reichen demnach nicht aus, um den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen. 

Strompreis: EU prüfe Einstufung von Atomkraft und Gas als „nachhaltige“ Energiequellen

Eine Tatsache, die auch innerhalb der Europäischen Union mittlerweile bekannt sein dürfte. Statt sich aber auf die Beschleunigung im Ausbau von Erneuerbaren Energien zu fokussieren, arbeitet die EU an einem durchaus umstrittenen Lösungsansatz: Dem Wiederaufleben der Atomkraft. Während Deutschland dem Vorhaben eher kritisch gegenübersteht, sind Länder wie Frankreich, Großbritannien, Finnland und die Niederlande entschlossen, die Atomenergie weiter auszubauen. 

Um mehr Fördertöpfe für Investitionen aufmachen zu können, will die EU sowohl Atomkraft als auch Gas als „nachhaltig“ einstufen. Ein Schritt, der von Forschern seit Jahren gefordert und von Kritikern auch gerne als „Greenwashing“ bezeichnet wird. In Deutschland wäre es in jedem Fall ein gewaltiger Schritt zurück. Denn durch den Atomausstieg sind nur noch drei Kernkraftwerke aktiv. Und die Wiederbelebung eines Atompfeilers ist mit enormen Kosten und Risiken verbunden – von einem Neubau ganz zu schweigen. 

Scharfe Kritik an Kernkraft: Unfallgefahr, Milliardenkosten und Greenwashing

Ein gutes Beispiel dafür ist der geplant EPR-Reaktor im französischen Flamanville. Die Kosten wurden ursprünglich auf 3,3 Milliarden Euro geschätzt. Ursprünglich war die Inbetriebnahme für 2012 geplant, aktuell hoffen die Initiatoren darauf, dass der Reaktor im kommenden Jahr ans Netz gehen kann. Laut Angaben des französischen Rechnungshofs könnten die Kosten bis dahin rund 19,1 Milliarden Euro betragen.

Für Kritik an dem neuen Hype für Atomenergie sorgt außerdem die Unfallgefahr. Tschernobyl und Fukushima haben bei vielen Menschen eine anhaltende Angst vor den Gefahren der Kernkraft ausgelöst. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bringt in einem Statement außerdem einen weiteren Aspekt ins Spiel. „Atomkraft ist wegen radioaktiver Strahlung für über eine Million Jahre gefährlich für Mensch und Natur“, heißt es darin unter anderem. Auch Uran, mit dem Kernkraftwerke betrieben werden, sei eine endliche Ressource – genauso wie Kohle. 

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) zu Erneuerbaren Energien: „Bremsen müssen gelöst werden“

Also sind Erneuerbare Energien doch die einzig wahre Lösung für unser Stromchaos? Auch hier ist nicht alles gold, was glänzt. Denn der Ausbau von Wind- und Wasserkraft stockt in Deutschland seit Jahren. Grund dafür sind oft komplizierte und lange Genehmigungsverfahren, örtliche Beschränkungen oder der Naturschutz. Auch die Senkung der EEG-Umlage kommt aktuell noch nicht beim Verbraucher an. Viele Stromanbieter relativieren damit erstmal ihre eigenen Unkosten durch die steigenden Energiepreise.

Laut Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) wird sich dahingehend aber einiges ändern. „Es gibt viele Anknüpfungspunkte, um beispielsweise Genehmigungsverfahren für Windenergieanlagen oder den Netzausbau schneller und einfacher zu gestalten“, sagt er im Interview mit www.kreiszeitung.de. Deutschland sollte sich dahingehend ein Beispiel an Nachbarn wie den Niederlanden oder Dänemark nehmen.

„Das sind auch Rechtsstaaten und auch dort werden Bürgerinteressen berücksichtigt und trotzdem sind sie wesentlich schneller, als wir.“ In Deutschland stoße man manchmal selbst mit den ehrenwertesten Motiven manchmal an die Grenzen des Machbaren. Angesichts der Relevanz von Erneuerbaren Energien ist sich Weil aber sich: „Die Bremsen müssen jetzt endlich gelöst werden – sonst sind die Klimaziele schlichtweg nicht erreichbar.“

Ausbau der Erneuerbaren Energien wird vermutlich teurer, als gedacht – aber bleibt alternativlos

Allerdings wird auch der Ausbau von Erneuerbaren Energien sowie der Klimawandel kein preiswertes Unterfangen. Denn die Preise für Solarmodule und Windturbinen steigen ebenfalls. So kosten Photovoltaikmodule mittlerweile mehr als doppelt so viel, bei Windturbinen sind die Preise um rund 13 Prozent gestiegen. Die grüne Energiewende wird damit für Deutschland also teurer als erwartet. Und trotzdem bleibt ein Wandel auf dem Energiemarkt alternativlos. 

Nur wie soll der aussehen? Manfred Fischedick, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie, sagte im Deutschlandfunk dazu: „Wir wissen heute sehr genau, dass wir die erneuerbaren Energien gut kombinieren können mit einem Zubau von Gaskraftwerken, die zunächst einmal mit Erdgas betrieben werden, später dann auf Wasserstoff umgestellt werden können und müssen, damit sie klimaverträglich sind. Das heißt, die Lösungsoptionen auch mit erneuerbaren Energien eine stabile Stromversorgung auf die Beine zu stellen, die ist längst da.“ Die Frage ist nur, für welchen Weg sich die Regierung am Ende entscheiden wird.  *kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Auch interessant

Kommentare