Corona-Pandemie

„Schlimme Weihnachten“: RKI-Chef warnt vor Corona-Notlage

RKI-Chef Lothar Wieler hat in einer ungewöhnlich scharfen Rede die Politik angegriffen. Die Corona-Lage sei völlig außer Kontrolle, das Weihnachtsfest in Gefahr.

Berlin/Dresden – Die Corona-Lage in Deutschland ist dramatisch, fast scheint sie außer Kontrolle zu sein. „Wir laufen momentan in eine ernste Notlage“, sagte der Präsident des Robert-Koch-Institut (RKI) am Mittwochabend, 17. November 2021, während einer Onlinekonferenz in einer ungewöhnlich scharfen Brandrede. „Wir werden wirklich ein sehr schlimmes Weihnachtsfest haben, wenn wir jetzt nicht gegensteuern“, so Wieler weiter, der bei seinen vergangenen Reden zur Corona-Lage eher aufgrund seiner Nüchternheit aufgefallen war. Vor allen Dingen die Corona-Lage in den Kliniken im Land sei angespannt.

Bundesoberbehörde:Robert-Koch-Institut (RKI)
Aufsichtsbehörde:Bundesministerium für Gesundheit
Gründung:1. Juli 1891
Sitz:Berlin
Behördenleitung:Präsident: Lothar H. Wieler
Bedienstete:1100, davon rund 450 Wissenschaftler, einschließlich Doktoranden und Trainees
Haushaltsvolumen:108 Millionen Euro (Haushaltsjahr 2020)

Am Donnerstag, 18. November 2021, meldete das RKI deutschlandweit gut 65.000 Neuinfektionen mit Covid-19. Ein neuer Rekordwert, so viele Neuinfektionen mit Corona gab es noch nie in Deutschland binnen 24 Stunden. Wieler griff in seinem Statement auch explizit die Politik an und warf der Bundesregierung Versagen vor. Die Ampel-Koalitionäre prüfen inzwischen, ob 3G-Regeln am Arbeitsplatz möglich sind und wollen auch eine Homeoffice-Pflicht einführen. Und das trotz Widerstands aus der CDU.

RKI-Chef Wieler wirft Politik Corona-Versagen vor: bis zu zwei Stunden Suche nach freiem Intensivbett

Die Zahl der Neuinfektionen steige steil an, und tatsächlich dürfte sie weitaus höher sein als bekannt: „Die Untererfassung der wahren Zahlen verstärkt sich.“ Hinter den mehr als 50.000 Infektionen, die derzeit pro Tag neu registriert würden, „verbergen sich mindestens noch einmal doppelt oder dreimal so viele“, so der RKI-Chef.

Zuletzt seien 0,8 Prozent der Erkrankten gestorben. Das bedeute, dass von den mehr als 50.000 Infizierten pro Tag in den nächsten Wochen 400 sterben würden. „Daran gibt es nichts mehr zu ändern.“ In der Bundespressekonferenz habe er zuletzt noch etwas zurückhaltender von 200 Toten pro Tag gesprochen, tatsächlich sei die Zahl aber höher. Niemand könne diesen Menschen noch helfen, selbst mit bester medizinischer Versorgung nicht.

Die Corona-Lage in Deutschland ist fast außer Kontrolle geraten. RKI-Chef Lothar Wieler warnt vor einem „sehr schlimmen Weihnachtsfest“. (kreiszeitung.de-Montage)

Auch die Lage in den Krankenhäusern wird laut Wieler immer schlimmer. „Wir waren noch nie so beunruhigt wie jetzt“, sagte der RKI-Chef. Die Zahl der schwerkranken Covid-Patienten steige, für Menschen mit Schlaganfall und andere Schwerkranke müsse mancherorts bis zu zwei Stunden nach einem freien Intensivbett gesucht werden. Zum Vergleich: Im gesamten Land Bremen waren am Mittwochabend noch vier Intensivbetten für rund 700.000 Einwohner verfügbar. „Die Versorgung ist bereits in allen Bundesländern nicht mehr der Regel entsprechend.“ Und das werde noch zunehmen.

RKI-Chef Wieler wirft Politik Corona-Versagen vor: „Es herrscht eine Notlage in unserem Land.“

„Sie sehen, die Prognosen sind superdüster. Sie sind richtig düster“, sagte Wieler. „Es herrscht eine Notlage in unserem Land. Wer das nicht sieht, der macht einen sehr großen Fehler.“ Dabei habe das RKI frühzeitig sehr klare Handlungsempfehlungen ausgesprochen und gewarnt, dass die vierte Welle alle bisherigen deutlich übertreffen könnte, wenn keine „bevölkerungsbezogenen Maßnahmen“ ergriffen würden und die Impfquote nicht deutlich steige. Tatsächlich seien die modellierten Szenarien nun eingetroffen. Glücklicherweise soll der Impfstoff von Biontech bis Weihnachten auch für Kinder zugelassen sein.

Wieler warf der Politik schwere Fehler und Versäumnisse vor. „Wir haben zu schnell in zu vielen Bereichen geöffnet“, kritisierte er. „Clubs und Bars sind Hotspots, aus meiner Sicht müssen die geschlossen werden.“ Großveranstaltungen müssten abgesagt werden. In der Bevölkerung gebe es viel zu viele Kontakte, dabei wisse man schon aus der ersten Corona-Welle, dass Kontakteinschränkungen wirksam seien.

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Zugleich plädierte Wieler für die konsequente Durchsetzung von 2G-Regeln, also den Zutritt zu vielen Bereichen nur für Geimpfte und Genesene. „Wir dürfen denen, die sich nicht impfen lassen, wirklich nicht die Chance geben, die Impfung zu umgehen, zum Beispiel, indem sie sich freitesten lassen“, sagte er. Um das Impf-Tempo zu erhöhen, sollte auch in Apotheken geimpft werden.

Jeder Mann und Maus, der impfen kann, soll jetzt gefälligst impfen!

Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Institut

„Ich sag das jetzt mal ganz klar: Es muss jetzt Schluss sein, dass irgendwer irgendwelchen anderen Berufsgruppen aufgrund von irgendwelchen Umständen nicht gestattet, zu impfen. Wir sind in einer Notlage“, betonte Wieler. „Jeder Mann und Maus, der impfen kann, soll jetzt gefälligst impfen. Sonst kriegen wir diese Krise nicht in den Griff.“

Wieler forderte die Politik dazu auf, endlich zu handeln. „Wir müssen nicht ständig etwas Neues erfinden. Alle diese Konzepte und Rezepte sind vorhanden“, sagte er. „Das ist ne klare Sprache, aber ich kann nach 21 Monaten es auch schlichtweg nicht mehr ertragen, dass es nicht vielleicht erkannt wird, was ich unter anderem sage und auch viele andere Kolleginnen und Kollegen.“ (Mit Material der dpa) * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa & IMAGO/Steinach

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