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Rückkehr zu Pfund und Unze: Boris Johnson auf Nostalgiekurs

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Von: Alexander Eser-Ruperti

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Boris Johnson setzt in unruhigen Zeiten auf Nostalgie: Der britische Premier plant, zu Pfund und Unze als Maßeinheiten zurückzukehren.

London – Boris Johnson ist immer für eine Überraschung gut, selten indes für eine gute. In der Opposition werden deshalb, so fühlt es sich an, seit Urzeiten Rücktrittsforderungen gegen ihn laut. Johnson lässt das bisher zumindest augenscheinlich kalt, er denkt gar nicht daran, sein Amt niederzulegen. Der britische Premierminister setzt stattdessen auf Nostalgie: Er möchte die Rückkehr zu Pfund und Unze als Maßeinheiten forcieren. Kritiker zweifeln, ob es das ist, was das Land von Boris Johnson gerade braucht – Millionen Menschen droht das Abrutschen in die Armut.

Boris Johnson: Der britische Premierminister forciert die Rückkehr zu Pfund, Unze und Yard

In der aktuellen Situation ist es schwer, nicht in jedem Schachzug des britischen Premierministers einen versuchten innen- und parteipolitischen Befreiungsschlag zu ahnen: Ob Boris Johnsons Vorgehen im Ukraine-Krieg, seine populistischen Pläne in der Geflüchtetenpolitik, oder sein Umgang mit den Corona-Regeln: Immer wieder drängt sich der Gedanke auf, dem Premier ginge es vor allem darum, bei seiner Wählerklientel wieder an Boden gutzumachen – oft zulasten anderer. Nun hat Johnson sich eine neue Maßnahme in den Kopf gesetzt: Maßeinheiten. Der britische Regierungschef will zurück zu Pfund, Unze und Yard.

Boris Johnson will zu Pfund, Unze und Yard zurückkehren. In der Opposition wittert man Ablenkung. (Symbolbild)
Boris Johnson will zu Pfund, Unze und Yard zurückkehren. In der Opposition wittert man Ablenkung. (Symbolbild) © Liam Mcburney/PA Pool/AP/dpa

Boris Johnson, der im Partygate weiter massiv unter Druck steht, findet, britische Händler sollten ihre Waren zukünftig in den alten, imperialen Maßeinheiten berechnen. Während Kritiker das für ein Ablenkungsmanöver halten, will Johnson laut britischen Medien einen Beratungsprozess einleiten, wie die Maßeinheiten Pfund, Unze oder Yard wieder verstärkt Einzug halten könnten. Aktuell wird eine Mischung aus imperialen und metrischen Einheiten genutzt. Seit 2000 hatten in Großbritannien als EU-Mitglied Angaben in Gramm und Kilogramm verpflichtend gegolten, daneben konnten auch bisher Pfund und Unzen angegeben werden.

Boris Johnson: Pfund, Unze und Yard als Ablenkungsmanöver zu Rücktrittsforderungen?

In der Opposition sieht man in Boris Johnsons Plänen, zu Pfund, Unze und Yard zurückzukehren, ein unangemessenes Ablenkungsmanöver. Die Labourpartei sprach von einem „erbärmlichen Versuch“, eine Politik der Nostalgie zu bemühen, wie der Spiegel berichtet. Die Partei forderte Johnson auf, sich um wichtigere Themen der britischen Politik zu kümmern. Grund dafür, gibt es genug: Millionen Menschen droht derzeit das Abrutschen in die Armut.

Die Opposition hatte zuletzt viel Gründe, sich mit dem britischen Premierminister auseinanderzusetzen und das tat sie auch. Oppositionsführer Keir Starmer bezeichnete den Regierungschef kürzlich als „Mann ohne Scham“. Die internen Partygate-Ermittlungen waren zu dem Schluss gekommen, dass die Regierungsspitze für die Verfehlungen und Verstöße gegen die Corona-Regeln am Regierungssitz verantwortlich war. Einen Rücktritt lehnt Johnson trotz immer mehr Forderungen danach weiterhin kategorisch ab. Die Party-Affinität scheint keineswegs das einzige Problem der Kultur in der Downing Street Nr. 10 zu sein. Es gibt schwere Vorwürfe: Zuletzt gab es Berichte über eine Wahl zum „Sexisten des Jahres“ in Nr. 10. Johnson steht unter Druck.

Boris Johnson will nicht nur Pfund und Unze – sondern auch lockere Verhaltensregeln für Minister

Während Boris Johnson wegen verschiedener Verfehlungen seines Umfeldes und seiner selbst in die Kritik gerät, schraubt er an den Verhaltensregeln für Minister. Man könnte meinen, Johnson wolle ein Signal senden, zeigen, die Kultur in Regierungskreisen muss sich in vielen Bereichen ändern. Falsch gedacht: Der britische Regierungschef schwächt die Verhaltensregeln für Minister ab. Er hält es für unverhältnismäßig, wenn Politiker wegen eines ethischen Fehltritts zurücktreten müssen – ihm reicht eine öffentliche Entschuldigung oder die Aussetzung des Gehalts. Einen ähnlichen Umgang erwartet er offenbar auch mit sich selbst.

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Ob lockerere Verhaltensregeln für Minister und eine Rückkehr zu Pfund, Unze und Yard, Lösungen für die Probleme der britischen Gesellschaft und jene in der Downing Street selbst sind, bezweifelt nicht nur die Opposition. Johnson indes hält das offenbar für den richtigen Weg.

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