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Löchriger Schutzschirm: Wie Deutschland sich vor Raketen schützen will

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Von: Jens Kiffmeier

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In Polen sind zwei Raketen eingeschlagen. Der Vorfall zeigt: Die EU und die Nato haben ein löchriges Abwehrsystem. Doch Abhilfe soll bald kommen.

Brüssel/Berlin – Neue Debatte um die Raketenabwehr: Nach den Explosionen in Polen ist die Verunsicherung in Deutschland und in der Europäischen Union (EU) spürbar gestiegen. Denn offenbar ließ sich der tödliche Treffer auf ein Nato-Land nicht wirklich verhindern. Das teilte der polnische Generalstab am Mittwoch (16. November) in einem Tweet mit. Demnach sei es die Aufgabe der bestehenden Systeme, die kritische Infrastrukturen zu schützen: „Keine Armee verfügt über ein Luftabwehrsystem, das das gesamte Territorium eines Landes schützt.“

Die Verteidigungsschwäche ist dabei alt bekannt. Eine Initiative zum Aufbau eines europäischen Schutzschildes könnte nach dem Vorfall nun neuen Auftrieb erhalten.

Raketen in Polen eingeschlagen: USA gehen von Irrläufer aus – S-300-Rakete stammt aus ukrainischen Abwehrsystem

Wenige Stunden zuvor war eine Rakete, vermutlich aus russischer Produktion, im ostpolnischen Dorf Przewodow nur wenige Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt eingeschlagen. Dabei wurden zwei Menschen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb getötet. Nach Informationen der USA handelt es sich bei dem Geschoss um eine ukrainische Flugabwehrrakete. Dies teilte US-Präsident Joe Biden bei einem Treffen mit anderen Staats- und Regierungschefs von Nato- und G7-Staaten auf Bali mit. Andere Quellen bestätigten, dass die Rakete aus dem ukrainischen Abwehrsystem S-300 stammt.

S300 – welche Reichweite hat die Rakete?

Das Raketenabwehrsystem S300 stammt ursprünglich aus Russland. Doch auch die Ukraine besitzt die Waffen. Die Abwehrraketen können Ziele treffen, die sich mit einer Geschwindigkeit von 4300 Kilometern pro Stunde bewegen. Die maximale Reichweite variiert aber. Sie reicht von 47 Kilometern bis zu 75 Kilometern.

Raketenangriff: Explosion löst in Polen und in Deutschland die Angst vor einem dritten Weltkrieg aus

Der Vorfall, bei dem erstmals ein Nato-Land in den Ukraine-Krieg mehr oder minder hineingezogen worden ist, löste weltweit Entsetzen und Angst vor einer Eskalation zum dritten Weltkrieg aus. Zugleich lenkte der Zwischenfall den Blick auf die Fragen: Wie kann das passieren? Und wie lässt sich das in Zukunft verhindern. In einem ersten Schritt könnte an den Nato-Außengrenzen die Luftraumüberwachung hochgefahren werden.

Die Bundesregierung von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), der in Bali nachts von der Raketen-Krise aus dem Schlaf gerissen worden war, sicherte Polen bereits Unterstützung zu. So könnte die Bundeswehr mit regelmäßigen Patrouillenflügen von Eurofighter-Flugzeugen an der sogenannten Air Policing beteiligen. „Dies kann bereits morgen erfolgen, wenn Polen das wünscht“, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Nach Raketeneinschlag: Vorfall zeigt Verwundbarkeit – Deutschland will in Luftabwehr für Bundeswehr investieren

Doch reicht das? Seit Jahren sind die Schwächen der europäischen Raketenabwehr bekannt. Insbesondere in Deutschland hat die Politik Nachholbedarf. So hatte der Ukraine-Krieg die Unzulänglichkeiten in der Landesverteidigung aufgezeigt. Nach jahrelangem Sparkurs pumpt die Ampel-Koalition nun ein 100-Milliarden-Euro-Vermögen in die Modernisierung der Bundeswehr. Dabei soll auch die Raketenabwehr verbessert werden. Doch alleine diese Anstrengungen dürften nicht ausreichen, um einen umfassenden Schutzschirm zu spannen.

Raketenabwehr: Kanzler Scholz setzt auf Aufbau eines EU-Schutzschirms – Kauf von Arrow-3 geplant

Kanzler Scholz will deswegen ein gemeinsames Vorgehen. Bereits vor wenigen Wochen wurde der Aufbau eines europäischen Luftverteidigungssystems auf den Weg gebracht. Mit Blick auf eine wachsende Bedrohungslage im Zuge des Ukraine-Krieges wollen die Unterstützerstaaten mit dem European Sky Shield (ESSI) bestehende Lücken im Nato-Abwehrschirm schließen. Die Idee: Die Staaten investieren gemeinsam in die kostsspielige Anschaffung. Gekauft werden soll vor allem das israelische Arrow-3-System, das den Angaben zufolge sogar Raketen aus dem Weltraum abschießen kann. 

Will die Bundeswehr auch bei der Raketenabwehr aufrüsten: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD).
Will die Bundeswehr auch bei der Raketenabwehr aufrüsten: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). © Moritz Frankenberg/dpa

Raketenabwehrsystem: Arrow-3 soll Lücken in der Verteidigung bei der Nato schließen

Das neue Arrow-3-System soll dann die Lücken in der bestehenden Flugabwehr auf dem Nato-Gelände schließen. Derzeit gibt es Defizite vor allem bei Angriffen durch ballistische Raketen, die auf ihrer Flugbahn große Höhen erreichen, aber auch bei der Abwehr von Drohnen und Marschflugkörpern. Zwar hatten zuletzt die USA ihr Patriot-Abwehrsystem erweitert. Dieses war vorrangig aber auf mögliche Bedrohungen aus dem Iran gerichtet. Weitergehende Systeme waren mit Blick auf Russland nicht aufgebaut worden.

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Doch die Zurückhaltung wird seit Ausbruch des Ukraine-Krieges aufgegeben. Der Einschlag der Rakete in Polen dürfte die Verwundbarkeit noch einmal deutlich vor Augen geführt haben – und das Aufrüsten befeuern. Das Schließen der Lücke wird aber dauern. Bislang existiert beim ESSI vor allem nur eines: eine Absichtserklärung.

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