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„Putin sehnt sich nach Waffenstillstand“ – Westen muss Stärke beweisen

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Von: Anika Zuschke

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Wladimir Putin, Präsident von Russland, nimmt an einer Pressekonferenz teil und Leonid Volkov.
Dem Russland-Experten Leonid Volkov zufolge will Putin einen Waffenstillstand im Ukraine-Krieg. (kreiszeitung.de-Montage) © Alexander Zemlianichenko/Pool AP/dpa/Sven Simon/Imago

Wann ist der Ukraine-Krieg vorbei? Einem russischen Experten zufolge sehnt sich Putin nach einem Waffenstillstand – doch das sei der falsche Weg.

Moskau – Der Ukraine-Krieg wütet bereits seit über vier Monaten, am 24. Februar 2022 marschierten russische Streitkräfte in das Land ein. Seitdem wird die ganze Welt von der Frage umgetrieben, wann Ukraine-Krieg endlich? Leonid Volkov, der engste Berater und Stabschef vom inhaftierten russischen Oppositionellen Alexei Nawalny, hat eine sehr detaillierte Theorie, wie Wladimir Putins nächste Schritte aussehen könnten. Ihm zufolge sehnt sich der russische Präsident nach einem Waffenstillstand – doch der Versuchung müsse der Westen widerstehen.

Putin will wohl einen Waffenstillstand im Ukraine-Krieg – „um den Status Quo zu sichern“

Leonid Volkov veröffentlichte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter seine Vermutungen dazu, welche Strategie der Kreml-Chef Putin in naher Zukunft verfolgen wird. „Auf dem Schlachtfeld hat Putins Armee alles gezeigt, was sie kann. Und es hat nicht beeindruckt. Die einzige Taktik, die Russland jetzt zur Verfügung stehen hat, ist die ‚Taktik der verbrannten Erde‘, die auf Artillerieüberlegenheit basiert“, schreibt Volkov auf Twitter.

Wie zuvor in der Region Luhansk erzielen die russischen Truppen mit dem Einsatz von massivem Artilleriefeuer langsame Fortschritte – doch komme diese Taktik durch die Verwendung der ukrainischen Himars-Mehrfachraketenwerfer an ihre Grenzen. „Deshalb sehnt sich Putin jetzt nach einem Waffenstillstand. Nicht nur, um Reserven zu bilden und den Truppen eine Verschnaufpause zu gönnen (was auch die Ukraine tun wird), sondern vor allem, um den Status Quo zu sichern“, behauptet Nawalnys Berater.

Ukraine-News: Mit einem Waffenstillstand von Putin würden die Falschen gewinnen

Ein Waffenstillstand würde ihm zufolge bedeuten, eine Demarkationslinie auf der Landkarte zu ziehen, die auf Jahre hinaus die politische Realität bestimmen würde. Sobald dieser Waffenstillstand hergestellt sei, hätten die Stimmen in Europa gewonnen, die den Ansatz „schlechter Frieden ist besser als guter Krieg“ vertreten.

Denn die unmittelbaren Folgen eines Waffenstillstands würden laut Volkov von der europäischen Politik sofort kapitalisiert werden, um diese bei kommenden Wahlen in Stimmen umzuwandeln. „Politiker werden den Wählern die gute Nachricht überbringen: ‚Wir haben es geschafft, den Krieg und den Flüchtlingsstrom zu stoppen, die Benzinpreise sinken‘“, statuiert der Russe.

Russland-Experte Volkov: Warum ein Waffenstillstand von Putin im Ukraine-Krieg keine gute Idee wäre

Die weiter in der Zukunft liegenden Konsequenzen würden ihm zufolge dabei in den Hintergrund rücken – doch sollten diese nicht unterschätzt werden. Putin würde laut Volkov Kraft und Wut für einen nächsten blutigen Angriff sammeln, weite Gebiete der Ukraine würden besetzt bleiben, Millionen ihrer Einwohner vertrieben werden „und das Böse wird ungestraft bleiben“, schließt der Vorsitzende der „Anti-Corruption Foundation“. Dabei drohte Putin erst kürzlich, er hätte in der Ukraine noch gar nicht richtig angefangen.

Doch wie will Wladimir Putin den ersehnten Waffenstillstand erreichen, gegen den sich die Ukraine bislang erfolgreich wehrt? Volkov zufolge lautet die Antwort darauf schlicht: Erpressung. Denn: „Ohne europäische Unterstützung kommt Kiew derzeit nicht aus – das schafft Möglichkeiten für Erpressung“, so der Stabschef von Nawalny. Bislang zeigte die Taktik von Putin, den Westen mit geklautem Getreide zu erpressen und Afrika in eine Hungersnot zu schicken, noch keine Wirkung – „Putins Hungererpressung funktionierte nicht, Werte und Prinzipien setzten sich durch“, schreibt Volkov auf Twitter.

Gaskrise in Deutschland: Putin will Europäern mit Gasknappheit Angst einjagen – „müssen diesen Winter überstehen“

Doch auch die Energiekrise hat als Folge des Ukraine-Krieges Deutschland fest im Griff und sorgt für zunehmende Sorgen vor einer Gasknappheit diesen Winter. Der russische Oppositionelle ist sich sicher: „Putin wird versuchen, die Europäer mit der Aussicht zu erschrecken, diesen Winter in ihren Häusern zu erfrieren.“

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Von dieser Angst dürfe sich der Westen jedoch nicht leiten und täuschen lassen. „Europa steht möglicherweise ein schwieriger Winter bevor. Aber das ist der notwendige Preis für die letzten acht Jahre der Gleichgültigkeit und Untätigkeit. Wir müssen diesen Winter überstehen: Wenn wir jetzt Putins Bedingungen nachgeben, dann wird Europa in 6-8 Jahren mit ziemlicher Sicherheit einen nuklearen Winter erleben“, schreibt Volkov auf Twitter und warnt damit davor, sich von Putins Gas-Karte nicht in Angst und Schrecken versetzen zu lassen.

„Putins militärisches Wagnis ist gescheitert – jetzt gilt es, ihn zu zerquetschen“

Außerdem hält der Russe „ernsthafte militärische Errungenschaften“ der Ukraine „nicht nur an und für sich für notwendig, sondern auch, um die öffentliche Meinung in Europa zu handhaben“. Auf diese Weise würde die Öffentlichkeit weiterhin an die Möglichkeit eines ukrainischen Sieges glauben und eher dazu bereits sein, „die Zähne zusammenzubeißen und durchzuhalten“.

Als dritten Punkt ruft Volkov auf Twitter in Erinnerung, dass Putin nicht freiwillig zu den Mitteln von kalter Erpressung greife. Sein militärisches Wagnis sei gescheitert und er verliere in Russland schnell an Unterstützung. „Er erkennt auch, dass er nur 2-3 Monate hat, um einen Waffenstillstand zu für ihn günstigen Bedingungen zu erreichen“, so Nawalnys Berater. „Das werden wohl die schwierigsten 2-3 Monate, aber dann wird Putin verlieren. Natürlich hat er schon verloren, aber jetzt gilt es, ihn zu zerquetschen, ihn nicht wegkriechen zu lassen. Seinem letzten Schlag standzuhalten“, schließt Volkov seinen Twitter-Post ab.

Ist Putin krank? Spekulationen um Krebserkrankung sind „Wunschdenken“

Ob Putin tatsächlich diese Strategie verfolgt und einen Waffenstillstand erzwingen will, wird die Zeit zeigen. An den Spekulationen um Putins Gesundheitszustand, nach denen der Kreml-Chef wohl tödlich krank ist und nur noch wenige Jahre zu leben hat – scheiden sich aber nach wie vor die Geister. „Einige der Kommentare, dass es ihm nicht gut geht oder dass ihn sicherlich jemand ermorden oder ausschalten wird, sind meiner Ansicht nach Wunschdenken“, sagte der britische Generalstabschef Tony Radakin dem Sender BBC.

Er und seine Kollegen sähen als professionelle Militärs „ein relativ stabiles Regime in Russland“. Außerdem habe laut Radakin niemand an der Spitze die Motivation, Präsident Putin herauszufordern. Gewaltigen Mut bewies hingegen die Journalistin Marina Owsjannikowa, die Putin öffentlich als „Mörder“ bezeichnete.

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