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Rückeroberung von Cherson: Endet der Ukraine-Krieg jetzt für Putin?

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Von: Jens Kiffmeier

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Erfolgreiche Gegenoffensive: Der Fall von Cherson ist für Putin im Ukraine-Krieg eine Niederlage. Rückt damit das Ende in Sicht? Experten sind unsicher.

Cherson – Brisante Niederlage: Nach der Rückeroberung von Cherson durch die Ukraine rätselt der Westen über die Auswirkungen für Wladimir Putin. So steht nach Einschätzung der Nato Russlands Präsident nun erheblich unter Druck. Sollte sich der Truppenrückzug aus der strategisch wichtigen Stadt bestätigen, sei dies zweifelsfrei ein großer Erfolg für die ukrainische Armee, sagte der Generalsekretär der westlichen Militärallianz, Jens Stoltenberg. Man müsse schauen, wie sich aktuell die Lage entwickelte. Die Spekulationen über ein rasches Kriegsende oder mögliche Verhandlungen nahmen jedenfalls wieder Fahrt auf.

Ukraine-Krieg: Wann endet er? Nach der Rückeroberung von Cherson rückt ein Ende näher in Sicht

Seit Tagen hatte sich die Rückeroberung angekündigt. Nachdem die Gegenoffensive der Ukraine im Krieg gegen Russland in den vergangenen Wochen immer größere Fortschritte gemacht hatte, konzentrierten sich die Kämpfe nun auf die Region um Cherson. Am Mittwoch hatte die Truppe von Präsident Wladimir Putin dann den Abzug aus der Stadt bekannt gegeben. Insgesamt sollen jetzt wieder zwölf Ortschaften zurück in die Hand der Ukraine gefallen sein, wie der Oberkommandierende Walerij Saluschnyjmitteilte. Inwieweit damit ein Ende des Krieges in Sichtweite rückt, bleibt aber abzuwarten.

Russlands Präsident Wladimir Putin mit Anzug und Jacke vor einem zerstörten russischen Panzer in der Provinz Cherson
Beendet er nach der Niederlage von Cherson den Ukraine-Krieg? Russlands Präsident Wladimir Putin steht unter Druck. © Maksim Blinov/Celestino Arce Lavin/dpa/Montage

Ukraine-Krieg: Cherson ist empfindliche Niederlage für Putin – Russland erleidet hohe Verluste bei Gegenoffensive

Der Kreml selber räumte den Rückzug ein, nicht jedoch eine Niederlage. Man habe sich nur zurückgezogen, um Neugruppierungen der Truppen nach der Gegenoffensive zu ermöglichen, hieß es in den offiziellen Verlautbarungen. Nach US-amerikanischen Geheimdienstinformationen sollen Putins Truppen im Ukraine-Krieg hohe Verluste erlitten haben. Die Rede war dabei von weit mehr als 100.000 Todesopfern, die nun teils mittels der angekündigten Teilmobilmachung von 300.000 Reservisten wieder ausgeglichen werden muss.

Komplett aufgeben will Russland die verlorene Region um Cherson tatsächlich offenbar nicht. Um Zeit zu gewinnen und den Vormarsch der Ukraine zu verzögern, sollen russische Einheiten auf der Flucht die Infrastruktur wie Brücken und Straßen zerstören sowie das Land verminen. Insgesamt gibt die russische Armee nun rund 4800 Quadratkilometer auf.

Der Verlust der Region werde Russland wahrscheinlich sein strategisches Ziel verwehren, eine russische Landbrücke bis zur Hafenstadt Odessa aufzubauen, zitierte die Nachrichtenagentur dpa die britischen Geheimdienste. Gleichzeitig eröffnet die Eroberung der Ukraine weitere strategische Vorteile. So können die westlichen Abwehrsysteme weiter in die feindlichen Linien verschoben und die besetzen Gebiete im Süden stärker attackiert werden.

Kriegsende bis Jahresende erklärt? Experten sind sich aktuell nach dem Fall von Cherson nicht sicher

Bereits vor der Rückeroberung von Cherson hatten Experten deshalb über ein mögliches Ende des Ukraine-Krieges spekuliert. „Für die Russen sieht es übel aus“, hatte der deutsche Militärexperte Carlo Masala bereits vor Wochen gemutmaßt und ein Kriegsende zum Jahreswechsel nicht mehr gänzlich ausgeschlossen.

Doch andere Beobachter sind da skeptischer. Der australische Militärexperte Mick Ryan gab zu bedenken, dass Russland bei einem verkleinerten Territorium durchaus seine Truppenstärken besser neu formieren könne. Diese Konsolidierung könnte den „Krieg auch verlängern“, twitterte er. Ähnlich äußerte sich der deutsche Fachmann Erich Vad. Eine Wende im Militärgeschehen sehe er derzeit noch nicht, sagte der frühere Berater von Kanzlerin Angela Merkel zu merkur.de und warnte vor einer Eskalation. Beide Seiten erlitten große militärische Verluste und befänden sich in einer Phase des „Unentschieden“.

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In der ukrainischen Regierung hielt man sich wegen der vielen Unwägbarkeiten vor großem Siegestaumel zurück. Er warne vor zu viel Euphorie, ließ Präsident Wolodymyr Selenskyj verbreiten. In einem Telefonat mit dem neuen britischen Premier Rishi Sunak habe er der westlichen Politik deutlich gemacht, dass man Vorsicht walten lassen müsse, bis über der Stadt Cherson tatsächlich wieder die ukrainische Flagge gehisst sei. Dennoch sei der Rückzug ein Zeichen der Schwäche der russischen Offensive und demonstriere den starken Fortschritt der ukrainischen Truppen.

Ukraine-Krieg: Nach Cherson will die Nato Putin vielleicht Verhandlungen über Waffenstillstand anbieten

Vor diesem Hintergrund scheint es in der Nato sogar Überlegungen zu geben, Putin Verhandlungen anzubieten. Darüber berichtete die ukrainische Prawda. Durch die strategische Bedeutung von Cherson sei die Ukraine nun dauerhaft in einer Position der Stärke. Dies ermögliche möglicherweise ein Zeitfenster für Gespräche, hieß es unter Berufungen auf Stimmen aus Brüssel und Washington.

In Kiew wird man das jedoch nicht gerne hören. Lösungen, die auf eine Teilabtretung von ukrainischen Gebieten zielte, um den Krieg zu beenden, lehnte die Selenskyj-Regierung bislang kategorisch ab. Der Krieg ende, so der Präsident, nur mit dem vollständigen Abzug der russischen Truppen, hieß es bislang stets. Putin verliere den Ukraine-Krieg auf dem Schlachtfeld. Mit der Eroberung von Cherson ist Kiew dem Kriegsziel zumindest ein Stück weit näher gekommen.

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