Rückendeckung von Steinbrück

Lammertplag: Uni Bochum "wusste von nichts"

+
Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU)

Berlin - Nach den Plagiatsvorwürfen gegen Bundestagspräsident Norbert Lammert beginnt die Uni Bochum mit der Prüfung seiner Doktorarbeit. Die Hochschule beteuert aber: Wir wussten von nichts.

Bei den Plagiatsvorwürfen gegen Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) ist nun die Wissenschaft am Zug: Die Ruhr-Universität Bochum habe bereits ein Prüfungsverfahren in Gang gesetzt, sagte eine Sprecherin der Universität am Dienstag. Ein anonymer Blogger wirft Lammert vor, auf 42 Seiten seiner Arbeit seien Unregelmäßigkeiten zu finden. Politiker aller Parteien mahnten, keine Vorverurteilungen zu treffen.

Nach Angaben der Universität Bochum hatte der Rektor am Montag einen Anruf von Lammert erhalten, der von den Vorwürfen im Zusammenhang mit seiner Dissertation berichtet und um die Prüfung gebeten habe. „Bis zu diesem Anruf hat die Uni nichts von den Vorwürfen gewusst“, sagte die Sprecherin.

Hier geht's zur Webseite "lammertplag"

Unter dem Pseudonym des Plagiatsjägers der zurückgetretenen Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) wirft der anonymer Blogger „Robert Schmidt“ Lammert vor, auf 42 Seiten seiner Arbeit seien Unregelmäßigkeiten zu finden. „Einen erheblichen Teil der als verwendet angegebenen Literatur hat er ganz offenbar nicht gelesen; dies wird insbesondere anhand der Übernahme zahlreicher charakteristischer Fehler aus der Sekundärliteratur deutlich“, schreibt der Blogger auf der Internetseite lammertplag.wordpress.com.

Der Tageszeitung „Welt“ (Dienstag) schrieb der Netz-Aktivist in einer E-Mail: „An vielen Stellen der Arbeit wird eine gedankliche Eigenarbeit nur suggeriert.“ Lammert hatte die Dissertation mit dem Titel „Lokale Organisationsstrukturen innerparteilicher Willensbildung - Fallstudie am Beispiel eines CDU-Kreisverbandes im Ruhrgebiet“ 1974 an der Ruhruniversität Bochum eingereicht.

Steinbrück: "Lammert genießt meinen vollen Respekt"

Der Bundestagspräsident äußerte sich am Dienstag zunächst nicht. Er werde seinen nächsten öffentlichen Termin am 6. August in Bochum bei einer Wahlkampfveranstaltung wahrnehmen, gemeinsam mit Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU), hieß es aus seinem Berliner Büro. Lammert, der auch Spitzenkandidat der nordrhein-westfälischen CDU ist, hatte der dpa am Montagabend auf Anfrage ausrichten lassen, er habe „seine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen verfasst und sei von ihrer wissenschaftlichen Qualität überzeugt“. Unmittelbar nachdem ihm die Vorwürfe bekanntwurden, habe er die Ruhr-Universität Bochum um Prüfung gebeten.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat unterdessen vor einer Vorverurteilung Lammerts gewarnt. Herr Lammert genießt meinen vollen Respekt“, sagte Steinbrück am Dienstag in Berlin. „Es gilt die Unschuldsvermutung. Ich warne davor, wieder in eine Kommentarlage zu verfallen, die die Reputation und Integrität des Bundestagspräsidenten beschädigen kann“, sagte der 66-Jährige mit Blick auf die anonym erhobenen Vorwürfe gegen Lammert. Er werde sich dafür einsetzen, dass dies unterbleibe, sagte Steinbrück.

Fall Schavan: Auch diese Promis haben abgekupfert

Annette Schavan soll bei ihrer Doktorarbeit getäuscht haben. Die Uni Düsseldorf entzieht ihr am 5. Februar 2013 den Titel. Doch in Politik, Literatur und Musik wird seit jeher abgekupfert, was das Zeug hält. Hier eine Übersicht: © dpa
Im Februar 2011 stürzt der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg über seine Doktorarbeit. Darin hatte er kräftig abgeschrieben. © dpa
Der umstrittene Berliner Rapper Bushido wurde 2010 wegen Urheberrechtsverletzungen gerichtlich verurteilt: Er hatte in 13 Liedern Songfragmente der französischen Gothic-Band Dark Sanctuary ohne Erlaubnis verwendet. © dpa
Die Ex-Brosis-Sängerin und „Dschungelshow“-Teilnehmerin wollte ihre kurzzeitig wiedergewonnene Prominenz mit einem Stimmungslied in klingende Münze umwandeln. „Hol de Radio“ heißt das Traktat. Doch es war der Song eines anderen: Comedian Chris Boettcher. © dpa
In der klassischen Musik sind Plagiate nichts Ehrenrühriges, sondern eine gebräuchliche Stilform. In den Epochen des Barock und der Wiener Klassik wird dies „Parodie“ genannt. Johann Sebastian Bach „veredelte“ fremde Werke und eigene Werke. © ddp
Jungautorin Helene Hegemann („Axolotl Roadkill“) sah sich im vorigem Jahr mit dem Vorwurf des Plagiats konfrontiert, weil sie umfangreich aus dem Roman „Strobo“ des Berliner Bloggers Airen abgeschrieben hatte. Die 17-Jährige fand das „total legitim“. Immerhin: Sie würdigte den Textlieferanten in den folgenden Auflagen in der Danksagung. © dpa
Auch Dichterfürst Johann Wolfgang Goethe käme heute in Erklärungsnot, würde man den Schluss seines 1774 erschienenen Briefromans „Die Leiden des jungen Werther“ unter die Lupe nehmen. In der Beschreibung des Endes seines Helden, der sich mit einer Pistole eine Kugel in den Kopf jagte, verwertete Goethe einen Brief seines Wetzlarer Freundes Johann Christian Kestner. © dpa
Als berühmtestes Plagiat der Musikgeschichte gilt derweil „My Sweet Lord“ von Ex-Beatle George Harrison. Das Stück erschien 1970 auf dem Album „All Things Must Pass“. Es klang verdächtig nach dem Titel „He’s so fine“ der US-Mädchenband „The Chiffons“ von 1963. Der Prozess zog sich über viele Jahre hin und endete mit einem Vergleich. © dpa

Auch der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz (CDU), verteidigte Lammert. „Ich finde die Anonymität dessen, der etwas behauptet, immer fragwürdig“, sagte er der „Berliner Zeitung“ (Mittwoch). CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Mittwoch): „Ich kann mir gut vorstellen, wie belastend die Vorwürfe für Norbert Lammert gerade mitten im Bundestagswahlkampf sind.“ Er hoffe daher, dass die Attacken sich rasch als haltlos erwiesen.

Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, rief in der „Saarbrücker Zeitung“ (Mittwoch) ebenfalls zur Zurückhaltung auf. Erst müsse der Sachverhalt geklärt werden. „Auch für Politiker gilt zunächst einmal die Unschuldsvermutung.“ Die Bildungsexpertin der Linksfraktion, Petra Sitte, erklärte in der „Berliner Zeitung“: „Die Arbeit ist von 1974. Und es hat sich einiges geändert in der Wissenschaft. Es ist fraglich, ob die Maßstäbe von damals auch heute gelten.“

Der Deutsche Hochschulverband hält ebenfalls nichts von einer Vorverurteilung. Der Vorwurf des wissenschaftlichen Fehlverhaltens solle von der Uni Bochum gemäß der hohen Standards der wissenschaftlichen Sorgfalt in einem rechtmäßigen und ordnungsgemäßen Verfahren geprüft werden, sagte ein Sprecher der „Rheinischen Post“ (Mittwoch).

Plagiatsvorwürfe haben bereits eine ganze Reihe von Politikern zu Fall gebracht - etwa den damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), die Vizepräsidentin des Europaparlaments, Silvana Koch-Mehrin (FDP), und Schavan. Schavan klagt gegen den Entzug ihres Doktortitels.

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

So wird die Kartoffel zum Topmodel

So wird die Kartoffel zum Topmodel

Das BMW 2er GranCoupé im Test

Das BMW 2er GranCoupé im Test

Dank Haaland-Doppelpack: BVB bezwingt PSG und Tuchel

Dank Haaland-Doppelpack: BVB bezwingt PSG und Tuchel

Norbert Röttgen: "Es geht um Positionierung der CDU"

Norbert Röttgen: "Es geht um Positionierung der CDU"

Meistgelesene Artikel

Iran-Konflikt: Bekommt Trump die Quittung für krasse Fehlgriffe? Senat stimmt über Entmachtung ab

Iran-Konflikt: Bekommt Trump die Quittung für krasse Fehlgriffe? Senat stimmt über Entmachtung ab

Tiergarten-Mord: Düsterer Verdacht -  Russische Ex-Spezialagenten treten auf den Plan

Tiergarten-Mord: Düsterer Verdacht -  Russische Ex-Spezialagenten treten auf den Plan

Bernie Sanders: Ein linker Rebell will Donald Trump herausfordern

Bernie Sanders: Ein linker Rebell will Donald Trump herausfordern

Umfrage zu Sorgen in Deutschland: Kriegsangst wächst

Umfrage zu Sorgen in Deutschland: Kriegsangst wächst

Kommentare