Wohnungsmangel treibt Preise

Miete drückt eine Million Haushalte unter Hartz-IV-Niveau

Der Wohnraummangel gilt in gefragten Gegenden als Hauptgrund für Preissteigerungen. Foto: Arno Burgi/Archiv
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Der Wohnraummangel gilt in gefragten Gegenden als Hauptgrund für Preissteigerungen. Foto: Arno Burgi/Archiv
In begehrten Wohngegenden ein vertrauter Anblick: Wohnungssuche am Laternenpfahl. Foto: Oliver Berg
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In begehrten Wohngegenden ein vertrauter Anblick: Wohnungssuche am Laternenpfahl. Foto: Oliver Berg
Baustelle in Berlin: Wer in einer der großen Städte Deutschlands wohnt, gibt häufig mehr als ein Drittel seines Einkommens für die Warmmiete aus. Foto: Jörg Carstensen
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Baustelle in Berlin: Wer in einer der großen Städte Deutschlands wohnt, gibt häufig mehr als ein Drittel seines Einkommens für die Warmmiete aus. Foto: Jörg Carstensen
Wohnungsbesichtigung in Hamburg: Attraktive Innenstadtlagen sind kaum noch zu bezahlen. Foto: Axel Heimken
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Wohnungsbesichtigung in Hamburg: Attraktive Innenstadtlagen sind kaum noch zu bezahlen. Foto: Axel Heimken
Mietwohnung: Immer schwieriger zu bekommen - und zu bezahlen: Foto: DB Dieter Assmann
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Mietwohnung: Immer schwieriger zu bekommen - und zu bezahlen: Foto: DB Dieter Assmann
Hier wollen alle wohnen: Das inzwischen durchsanierte Szeneviertel Prenzlauer Berg in Berlin. Foto: Jens Kalaene
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Hier wollen alle wohnen: Das inzwischen durchsanierte Szeneviertel Prenzlauer Berg in Berlin. Foto: Jens Kalaene

Steigende Mieten und Wohnungsmangel machen Arme noch ärmer. Eine Studie kommt zum Ergebnis: Ausgerechnet Geringverdiener müssen überdurchschnittlich viel für die Miete ausgeben.

Berlin (dpa) - Die Miete drückt mehr als eine Million Haushalte in Deutschland einem Gutachten zufolge unter Hartz-IV-Niveau.

Wie aus der am Donnerstag veröffentlichten Untersuchung im Auftrag des Sozialverbands Deutschland hervorgeht, müssen Ärmere gemessen am Haushaltseinkommen außerdem deutlich mehr für das Wohnen ausgeben als Normalverdiener und Reiche. "Die Mietpreisentwicklung vertieft die soziale Spaltung in unserer Gesellschaft", kritisierte Verbandspräsident Adolf Bauer.

Die Hälfte der Miethaushalte in Deutschland wendet der Untersuchung zufolge mindestens 29 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Bruttokaltmiete auf. Bei Geringverdienern mit weniger als 1300 Euro Haushaltseinkommen liegt dieser Anteil bei 46 Prozent - also erheblich höher. Wer dagegen netto mehr als 4500 Euro im Monat zur Verfügung hat, muss nur noch 17 Prozent für das Wohnen ausgeben.

Das Gutachten stützt sich auf Daten aus den Jahren 2014 und 2015. Neuere Zahlen gebe es nur zu Angebotsmieten, also den Mieten, die Vermieter bei einem Umzug fordern, sagte Studienautor Stephan Junker, ein Berliner Sozialwissenschaftler. Ausschlaggebend für die Belastung der armen Haushalte seien aber vor allem die Bestandsmieten, also die Mieten der langjährigen Mieter.

BESONDERS HOHE MIETBELASTUNGEN haben der Studie zufolge nicht nur Arme, sondern auch Alleinerziehende, Rentner, Menschen mit Migrationshintergrund, mit geringem Bildungsgrad und auch Singles. Sie alle geben überdurchschnittlich viel für die Miete aus. Unklar sei, ob das allein am niedrigen Einkommen liege oder ob auch Diskriminierung eine Rolle spiele, sagte Junker. Besonders bei Mietern mit Migrationshintergrund gebe es dafür Hinweise.

FEHLENDER WOHNRAUM ist das Hauptproblem. Schätzungen zufolge werden in Deutschland weit mehr als 1,9 Millionen zusätzliche bezahlbare Wohnungen gebraucht. Das führe zum Beispiel dazu, dass viele Einkommensschwache zur Untermiete lebten, in unsicheren Verhältnissen mit oft befristeten Mietverträgen, heißt es in der Studie.

FAMILIEN IN ZU KLEINEN WOHNUNGEN: Bisher war vor allem bekannt, dass kleine Wohnungen für Singles, Rentner oder kleine Familien fehlen. Der Studie zufolge mangelt es aber auch an großen, bezahlbaren Wohnungen. Jeder vierte Haushalt lebe auf zu engem Raum, sagte Studienautor Junker. Kinder müssen sich Zimmer mit mehreren Geschwistern teilen, Eltern im Wohnzimmer schlafen, weil das Geld nicht für mehr Quadratmeter reicht.

REGIONALE UNTERSCHIEDE: Je nachdem, wo in Deutschland sie leben, wiegt die Mietbelastung für arme Familien unterschiedlich schwer. In Frankfurt geben sie demnach einen deutlich höheren Teil des Haushaltseinkommen dafür aus als in Iserlohn in Nordrhein-Westfalen.

WAS TUN? Der Sozialverband fordert vor allem mehr sozialen Wohnungsbau - dafür müsse der Bund deutlich mehr Geld in die Hand nehmen, sagte Bauer. Nach derzeitigem Stand will die Bundesregierung die Länder bis 2021 mit mindestens fünf Milliarden Euro unterstützen. Mehr als 100.000 neue Sozialwohnungen sollen entstehen.

Mehr Sozialwohnungen seien zwar wirksam, aber auch sehr teuer, gab das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) Köln zu bedenken. Viele Haushalte profitierten nämlich auch dann noch von der Förderung, wenn sie gar nicht mehr bedürftig seien. Besser seien deshalb direkte Transfers an einkommensschwache Haushalte wie das Wohngeld.

Auch der wohnungspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Chris Kühn, forderte mehr Wohngeld für Hartz-IV-Empfänger. Zugleich müsse aber auch die Mietpreisbremse besser werden, die Miete langjähriger Mieter dürfte nicht mehr so stark erhöht werden. Auch der Vorsitzende der Konferenz der Unions-Fraktionschefs in den Landtagen und im Bundestag, Mike Mohring, setzte sich für mehr Tempo bei der Mietpreisbremse ein. "Wenn immer mehr Menschen nach Abzug der Miete weniger als die Grundsicherung haben, muss das Thema mit höchster Priorität in der nächsten Sitzungswoche des Bundestages von den Regierungsfraktionen behandelt werden", forderte er.

Der Berliner Mieterverein will, dass Genossenschaften sowie städtische Wohnungsunternehmen und Vermieter, die ihre Wohnungen besonders günstig anbieten, gestärkt werden. Dass niedrige Einkommen nur wenig steigen, die Mieten dafür drastisch, sei "ein Beschleunigungsprogramm für die soziale Spaltung in diesem Land", kritisierte die Vorsitzende der Linken, Katja Kipping.

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