"Es muss eine Veränderung geben"

Merkel will Ökostrom-Reform

+
Angela Merkel begrüßt die Vorschläge von Bundesumweltminister Peter Altmaier.

Berlin - Die Energiewende steht an einer Weggabelung, die Baustellen sind enorm: Die Kanzlerin sieht daher akuten Reformbedarf, auch der CDU-Wirtschaftsrat macht Druck.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) setzt sich für eine rasche Reform im Bereich erneuerbare Energien ein. „Es muss eine Veränderung im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) geben“, sagte sie am Freitag bei einer Energietagung des CDU-Wirtschaftsrates in Berlin. Sonst sei das Zieldreieck aus „Preisverträglichkeit, Umweltfreundlichkeit und Versorgungssicherheit“ nicht zusammenhalten.

Durch einen Ökostrom-Anteil von inzwischen 25 Prozent habe sich die Lage grundlegend geändert, man müsse schauen wie die erneuerbare Energien vernünftig in das bestehende System integriert werden können. Notwendig sei auch eine „bessere Verzahnung der Netze in Europa“, um den Stromaustausch mit den Nachbarn zu verbessern. Die Vorschläge von Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU), die Ökostrom-Umlage zur Strompreis-Stabilisierung auf ihrem heutigen Niveau einzufrieren, nannte Merkel „wertvoll, wichtig und gut“.

Der Wirtschaftsrats-Vorsitzende Kurt Lauk betonte, notwendig sei mehr Abstimmung, mit den europäischen Nachbarn und vor allem mit den 16 Bundesländern. Der Bund brauche mehr Kompetenz - „damit die 16 Energiewenden zu einer Energiewende werden.“ Der Einspeisevorrang für erneuerbare Energien müsse zurückgeführt werden, sagte Lauk. Der Wirtschaftsrat legte ein neues Marktintegrationsmodell vor, mit dem sich Solar- und Windkraft stärker dem Wettbewerb stellen müssen. Der Staatsinterventionismus im Energiebereich müsse zurückgedrängt werden, forderte Lauk. Altmaiers Vorschläge nannte er sinnvoll, dies sei aber nur eine erste „Safety-Car-Phase“ bei den Strompreisen.

Wie sicher ist unsere Stromversorgung? Fragen & Antworten

Der Bericht der Bundesnetzagentur zur Lage der Stromnetze löst Sorgen aus. Die Zahl der Eingriffe in die Netze habe sich mehr als verdreifacht. Die Lage sei „kritisch“, heißt es darin. Doch was bedeutet das? © dpa
Ein europaweiter Stromausfall wie zuletzt 2006 nach der Abschaltung einer Starkstromleitung für ein Kreuzfahrtschiff an der Ems ist der Alptraum jedes Netzplaners. Damals saßen rund zehn Millionen Menschen im Dunkeln, es gab Chaos, Überfälle, steckengebliebene Aufzüge und hohen Schaden. Wenn nun die Bundesnetzagentur vor einer „kritischen Lage“ für die deutschen Netze warnt, löst das Sorgen aus. © dpa
Wie kommt es eigentlich zu einem Netzausfall? © dpa
Kleinere Netzausfälle zum Beispiel durch Vögel in Hochspannungsleitungen oder technische Störungen gehören zum Alltag der Stromversorgung. Der Bericht der Bundesnetzagentur spricht von fast 207 000 Unterbrechungen über drei Minuten Länge im vergangenen Jahr. Sie stellen aber meist keine größere Gefahr dar. © dapd
Wie reagieren die Netzbetreiber? © dapd
Die Netzbetreiber leiten Strom um, wenn er an bestimmten Stellen fehlt, rufen Reserveleistung ab und schalten bei größeren Störungen Kraftwerke ganz oder teilweise an und ab. Dabei helfen Computerprogramme. Der größte deutsche Hochspannungsnetzbetreiber Amprion hat seine rund 11 000 Kilometer Netz zum Beispiel in 1031 Teile zerlegt. Alle 15 Minuten erfasst der Rechner für diese Netzabschnitte Störungen und Reaktionsmöglichkeiten. © dpa
Sind Eingriffe in die Netze also gefährlich? © dpa
Prinzipiell nicht. Das ist Alltag in den Netzzentralen. Allerdings ist dieser Alltag deutlich stressiger geworden, berichten Fachleute. Die Eingriffe seien wesentlich häufiger, umfangreicher und es habe auch mehr kritische Situationen gegeben. © dpa
Was verstehen Netzbetreiber denn unter kritisch? © dpa
Wenn die schnell bereitstehende Primär- und Sekundärleistung nicht ausreicht und auch die sogenannte Minutenenergie, die innerhalb von 15 Minuten aktivierbar ist, das Problem nicht löst, müssen ganze Reservekraftwerke hochgefahren werden. Das Überschreiten der Minutenreserve sei bereits kritisch, sagte ein Amprion-Sprecher. Richtig schwierig wird es, wenn das Netz durch weitere negative Faktoren an die Kapazitätsgrenze gerät, wie zuletzt bei eisigen Temperaturen im Februar dieses Jahres. © dpa
Wie groß ist eigentlich der Sicherheitsspielraum der Netze? © dpa
Dazu äußern die Betreiber sich ungern, da Störungen ja jederzeit lokal von einer überlasteten Leitung entstehen und sich blitzschnell ausbreiten können, wie das Beispiel des Ems-Blackouts zeigt. Als Richtwert gilt aber 130 Prozent Belastbarkeit - also 30 Prozent Sicherheitspuffer. © dpa
Und wo und wann ist es besonders gefährlich? © dpa
Zwischen 18.00 und 22.00 Uhr, wenn der Stromverbrauch am höchsten ist, die Sonne nicht mehr scheint und der Wind meist abflaut. Regional ist nach der Abschaltung der Atomkraftwerke Süddeutschland die kritische Region. Wenn dort abends hohe Verbräuche entstehen, kann es zu Einbrüchen kommen. © dpa
Aber das müsste man doch vorhersagen können? © dpa
In den meisten Fällen ja. Die Stromtransporte des Folgetages müssen bis 14.00 Uhr angemeldet werden. Da zeichnen Engpässe sich in der Regel ab. Aber plötzliche Leitungsstörungen können trotzdem immer passieren. © dpa
Was ist jetzt mit unserer Versorgungssicherheit? © dpa
Die Netzbetreiber haben sich bereits mehr „Kaltreserve“ an zusätzlicher Kraftwerkskapazität in Süddeutschland und in Österreich gesichert, als nach den Berechnungen nötig sein wird. Doch absolute Sicherheit gibt es nicht und das Black-Out-Risiko ist durch die Energiewende eindeutig gewachsen. © dpa

Altmaier deutete an, dass vor dem Energie-Spitzentreffen der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten am 21. März kein Gesetzentwurf zu seinen Plänen in den Bundestag eingebracht wird. „Danach müssen dann Nägel mit Köpfen gemacht werden.“ Die Pläne für ein Einfrieren der Umlage sollen ab August gelten. Aber SPD, Grüne und Linke können dies im Bundesrat blockieren. Nach der Bundestagswahl soll es dann in jedem Fall eine umfassende EEG-Reform geben. Anders als Lauk betonte Altmaier aber, dass die Vorfahrt für Ökostrom im Stromnetz „auf absehbare Zeit“ nicht zur Disposition gestellt werde.

Energiewende: Diese Probleme sind noch zu lösen

Kanzlerin Angela Merkel  macht die Energiewende stärker zur Chefsache. Doch noch zeigen sich vielen offenen Fragen, die dringend geklärt werden müssen, damit der Atomausstieg auch klappt. © dpa
ÖKOSTROM BOOMT: Bei der Produktion von Wind- und Solarenergie purzeln die Rekorde. Von Januar bis April gab es beim Windstrom ein Plus von 25 Prozent im Vergleich zu den ersten vier Monaten 2011. Bei der Solarenergie waren es sogar 30 Prozent mehr: Der Ökoenergieanteil am Strommix liegt bereits bei rund 20 Prozent. © dpa
Doch während überall neue Wind- und Solarparks entstehen, kommen die Netze an ihre Grenzen. Wenn viel Geld für die Förderung ausgegeben wird, die Anlagen dann aber mangels Netzen abgeschaltet werden müssen, sei das volkswirtschaftlicher Unsinn, sagt Umweltminister Peter Altmaier. Es fehlt bisher der Schlüssel für die Speicherung überschüssigen Stroms. © dapd
NETZAUSBAU LAHMT: Rund 4500 Kilometer an neuen Höchstspannungsleitungen fehlen, dazu zehntausende Kilometer an Verteilnetzen, über die der meiste Ökostrom transportiert wird. Die Netzbetreiber müssen sich verstärkt vorhalten lassen, nicht genug zu investieren und so die Energiewende zu torpedieren. Hier ist die Politik gefragt. © dpa
Vor allem müssen wegen der Anschlussprobleme des Betreibers Tennet rasch Lösungen gefunden werden, damit die extrem teuren Windparks in der Nordsee ihren Strom auch wegbekommen. © dpa
KRAFTWERKE FEHLEN: Wenn tatsächlich bis 2022 die restlichen neun Atommeiler vom Netz sollen, müssen neue Kraftwerke mit einer Leistung von mindestens 10 000 Megawatt her. Das sollen vor allem hochmoderne Gaskraftwerke und weniger klimaschädliche Kohlemeiler sein. Die bisherigen Atomländer Bayern und Baden-Württemberg wollen so nicht zu abhängig von Windstrom aus dem Norden und Osten werden. © dpa
Und man braucht sie, wenn kein Wind weht und es Nacht ist. Aber angesichts des Ökostromwachstums fehlt eine Garantie für genug Betriebsstunden. Daher wird ein eigener Strommarkt für solche konventionellen Kraftwerke erwogen, damit sie eine Absatzgarantie haben. © dpa
KOSTEN DROHEN AUSZUUFERN: Ob bei Netzkosten, Ökoenergieförderung oder möglichen Zuschüssen für neue Kraftwerke - die Energiewende dürfte viel teurer werden als gedacht. Das Energiesparen wird aber vernachlässigt. Zudem fehlen wegen eines Preisverfalls im Handel mit EU-Verschmutzungsrechten in den nächsten Jahren bis zu fünf Milliarden Euro. © dpa
Hier ist die Regierung gefragt, mittelfristige Kostenprognosen zu erstellen. Sonst drohen bei den Strompreisen starke Steigerungen und ein Verlust der Akzeptanz. Die Industrie warnt bereits vor einer Deindustrialisierung. Erwogen wird daher eine Senkung der Stromsteuer. Oder der Staat könnte stärker mit Milliardenzuschüssen eingreifen, wird gefordert. © dpa
KOORDINATION FEHLT: Das Mammutprojekt muss dringend zentral und übergreifend koordiniert werden, weil alles miteinander zusammenhängt. Mit einem Masterplan, der über Jahre reicht, könnte auch Investitionssicherheit hergestellt werden. Jedes Bundesland hat bisher ein Energiekonzept, hinzu kommen Hunderte kommunale Pläne. Der Bund muss stärker regeln, dass der Ausbau erneuerbarer Energien auf die Netze abgestimmt wird. © dpa

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

„Wer ist diese Mannschaft, die da gegen Gladbach spielt?“ Netzreaktionen zu #SVWBMG

„Wer ist diese Mannschaft, die da gegen Gladbach spielt?“ Netzreaktionen zu #SVWBMG

Ohne eigenes Auto mobil auf dem Land

Ohne eigenes Auto mobil auf dem Land

Italiens Topattraktionen öffnen wieder

Italiens Topattraktionen öffnen wieder

Leipzig schwächelt im Titelkampf - Nächster Schalke-Dämpfer

Leipzig schwächelt im Titelkampf - Nächster Schalke-Dämpfer

Meistgelesene Artikel

Berliner CDU-Abgeordneter gestorben - er wurde nur 51 Jahre alt

Berliner CDU-Abgeordneter gestorben - er wurde nur 51 Jahre alt

G7-Gipfel: Trotz Corona-Krise – Donald Trump plant persönliches Treffen 

G7-Gipfel: Trotz Corona-Krise – Donald Trump plant persönliches Treffen 

Corona-Neuinfektionen: Eine bayerische Stadt reißt Obergrenze deutlich - auch zwei weitere Orte liegen darüber

Corona-Neuinfektionen: Eine bayerische Stadt reißt Obergrenze deutlich - auch zwei weitere Orte liegen darüber

CDU-Chefin AKK wird gegenüber Parteikollegen deutlich: „Hände weg vom Mindestlohn“

CDU-Chefin AKK wird gegenüber Parteikollegen deutlich: „Hände weg vom Mindestlohn“

Kommentare