Politikstil und Kommunikation

Laschet vs. Merkel: Machen Frauen anders Politik als Männer?

Bundeskanzlerin Merkel zeigte sich kürzlich in den Hochwassergebieten sichtlich mitfühlend, während Kanzlerkandidat Laschet patzte. Liegt das Krisenmanagement weiblichen Politikern eher?

Berlin – Als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)* kürzlich die Hochwassergebiete im Westen Deutschlands* besuchte, hat sie scheinbar mühelos bewiesen, warum sie so lange dieses Land regiert hat. Sie sprach den Betroffenen Mut zu, zeigte sich mitfühlend und zog hinsichtlich des Klimawandels schnell die richtigen Schlüsse aus der Katastrophe. Ganz anders zeigte sich allerdings ihr Parteikollege und Kanzlerkandidat Armin Laschet*. Der sorgte mit einem unbedachten Lacher im Krisengebiet für Schlagzeilen und verliert aktuell an Zustimmung in der Wählerschaft. 

Ein Kontrast, den man sich besser nicht hätte ausdenken können. Was wird uns wohl erwarten, wenn statt Merkel nach der Bundestagswahl am 26. September 2021 womöglich seit 16 Jahren das erste Mal wieder ein Mann dieses Land lenken wird? Und ist das Geschlecht als solches überhaupt ein Kriterium, das die Art der Politik beeinflusst? Auf den ersten Blick könnte man das fast meinen. 

Corona-Pandemie: Liegt das Krisenmanagement weiblichen Politikern eher?

Im direkten Vergleich sind nämlich vor allem die Länder gut durch die Coronavirus-Pandemie* gekommen, in denen Frauen den höchsten Regierungsposten bekleiden, dazu zählen vor allem Neuseeland, Island, Norwegen und Dänemark. Der ehemalige US-Präsident Donald Trump, Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro und Großbritanniens Premierminister Boris Johnson hingegen standen immer wieder für ihre teilweise leichtsinnige und engstirnige Corona-Politik in der Kritik. 

Studien zeigen allerdings, dass das nicht zwangsläufig am Geschlecht der Politiker liegt, sondern vielmehr an ihrer Position. So steht in den USA etwa die Wirtschaft immer ganz oben auf der Präsidenten-Agenda. Ein Thema, das aktuell eher die amtierende Vize-Präsidentin Kamala Harris durchsetzt und nicht etwa der US-Präsident Joe Biden*. Die mächtigste Frau der USA ist ohnehin eher für ihre strikte Law-and-Order-Politik bekannt, statt für Empathie. 

Merkel vs. Laschet – Kommunikationspapst Friedemann Schulz von Thun über statusbewusste Frauen und sensible Männer

Auch der deutsche Kommunikationspapst Friedemann Schulz von Thun verrät im Gespräch mit kreiszeitung.de, dass der Politikstil erstmal nichts mit dem Geschlecht zu tun hat: „Das gemeinsame Merkmal „Frau“ macht keinen Plus- und keinen Minuspunkt. Es gibt inzwischen viele Frauen, die statusbewusst, selbstbehauptend, auftrumpfend kommunizieren, manchmal sogar mit einer Ausstrahlung von kaltschnäuziger Arroganz.“ Genauso gebe es „inzwischen viele Männer, auch in der Politik, die nachdenklich, sensibel und dialogisch kommunizieren.“ 

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet informieren sich im Stadtteil Iversheim über die Lage im Hochwassergebiet.

Geschlechterforscherin Margreth Lünenborg von der FU Berlin plädierte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk dafür, das historisch etablierte Denken über rosa Mädchen und blaue Jungen zu überdenken: „Ich hoffe doch schwer, dass wir gesellschaftlich so miteinander unterwegs sind, zu kapieren, in welcher Weise genau diese Zuschreibungen gesellschaftlich gemacht sind und nicht biologisch determiniert sind oder irgendwie vom Himmel fallen.“ 

Unterschiede zwischen Mann und Frau: Ein Griff in die Klischee-Schublade

Die klassische Rollenverteilung begleitet uns auch in der heute eigentlich so aufgeklärten Zeit noch von Kindheit an. Mädchen und Frauen sind die sensiblen Kümmerer, während Männer eher als durchsetzungsstarke Versorger gesehen werden. Klar, das ist ein tiefer Griff in die Klischee-Schublade – aber eben in vielen Bereichen noch Realität. Und das spiegelt sich auch unweigerlich in der politischen Agenda wieder. 

Männer und Frauen sind nicht gleich, aber es gleicht eben auch kein Mann einem anderen und keine Frau einer anderen. Sie unterscheiden sich in Vorgeschichte, Grundwerten, Idealen und so vielen weiteren Dingen. Bundestagsabgeordnete Elisabeth Motschmann (CDU) betont in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, die Vorteile der grundlegenden Unterschiede von Männern und Frauen: „Wir sind unterschiedlich, und diese Unterschiedlichkeit gehört eben in jeden Besprechungsraum, in jede Verhandlung, die Politik, in jedes Feld der Gesellschaft.“

Merkel und Co.: Wie weiblich ist der Deutsche Bundestag eigentlich?

Um von Diversität zu profitieren, muss sie allerdings auch stattfinden. Und ein Blick in den Deutschen Bundestag zeigt, dass wir an diesem Punkt noch nicht angekommen sind. Nur 31 Prozent der Bundestagsabgeordneten sind weiblich, in ganz Deutschland gibt es lediglich zwei Ministerpräsidentinnen. Die Politik ist also ein sehr männlich dominiertes System. Die meisten Frauen engagieren sich dabei in den Parteien im linken Spektrum. 

Wie eine Politik aussieht, die weiblich orientiert ist, das können wir also trotz 16 Jahren mit Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht wirklich beurteilen – und sie regiert das Land ja auch nicht im Alleingang, sondern gemeinsam mit überwiegend männlichen Kollegen. 

Geschlecht, Partei oder Inhalte: Worauf es bei Politikern wirklich ankommt

Einen Politiker auf sein Geschlecht zu reduzieren oder ihn danach zu beurteilen, das ist in Zeiten von genderneutraler Sprache und Diversität in der Gesellschaft ohnehin überholt. Die Kanzlerkandidaten Olaf Scholz (SPD), Armin Laschet (CDU) und Annalena Baerbock (Grüne)* müssen deshalb vor allem durch Inhalte punkten. Denn in der Politik sollte es immer darum gehen, wofür ein Mensch steht. Und dabei kann ein Mann die Anliegen von Frauen, Familien und LGBTQ-Menschen* genauso vertreten, wie jede Frau auch – und umgekehrt. Laut Friedemann Schulz von Thun kommt es vor allem auf eine Sache an: „Wir dürfen die Hoffnung für eine menschenwürdige Politik nicht auf das Geschlecht richten, sondern nur auf den reifen Menschen.“ * kreiszeitung.de und 24hamburg.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Wolfgang Rattay

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