Kommentar

50 Kilometer im Privatjet: Von der Leyen eine Klima-Heuchlerin?

Von Wien nach Bratislava in 19 Minuten? Ursula von der Leyen hat mit ihrem Flug für Empörung gesorgt. Der Aufschrei ist verständlich – aber falsch. Ein Kommentar.

Berlin – Geht‘s noch? Ein Flug von Wien nach Bratislava? In 19 Minuten per Privatjet? Klar: Der Kurzstreckentrip von Ursula von der Leyen (CDU) hat eine Welle der Empörung losgetreten. Wie kann eine EU-Kommissionspräsidentin in Zeiten des Klimawandels so eine ökologische Sünde begehen? Unfassbar, vor allem weil sich die Politikerin aus Niedersachsen zuletzt lautstark als Vorreiterin im Kampf gegen den Klimawandel inszenierte. Doch die zahlreichen Kritiker sollten sich einen Moment zurücknehmen – und vielleicht auch auf sich selber schauen.

Deutsche Politikerin:Ursula von der Leyen (CDU)
Aktuelles Amt:EU-Kommissionspräsidentin
Gehalt:25.500 Euro brutto im Monat
Privat:Verheiratet, sieben Kinder

Zugegeben, der Trip erscheint auf den ersten Blick äußerst unglücklich. Derzeit treffen sich Vertreter aus 200 Staaten bei der UN-Weltklimakonferenz (COP26) in Glasgow, um einen Ausweg aus der globalen Klima-Katastrophe zu suchen. Es gehe letztendlich um eine Überlebensfrage der Menschheit, hieß es. Wer das gesagt hat? Von der Leyen persönlich, die die EU-Kommission nach eigenem Bekunden zum Vorreiter in Sachen Klimaschutz machen will.

Klimaschutz: Von Wien nach Bratislava – Ursula von der Leyen (CDU) braucht für 50 Kilometer einen Privatjet

Insofern ist es schon verständlich, dass sich nun sehr viele Menschen aufregen. Den Deutschen verlangt der Klimaschutz mehr Anstrengungen im Alltag ab: hohe Benzinpreise, Verzicht auf Urlaubs- oder Fernreisen – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Doch die Deutschen sind für eine Veränderung ihres Lebensstils bereit, wie Umfragen zeigen. Doch sind es Politikerinnen und Politiker auch? Die Flugnummer von der Leyens nährt da natürlich ernsthafte Zweifel. Und sorgt für Frust.

Steht am Pranger wegen eines Kurzstreckenflugs im Privatjet: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU). (Montage von kreiszeitung.de)

Doch so einfach ist es nicht. Denn die Kommissionspräsidentin ist nicht aus Jux und Dollerei geflogen. Sie war in sieben Städten innerhalb von zwei Tagen unterwegs, um die Eindämmung der Corona-Pandemie voranzutreiben. Der Zwischenstopp in Bratislava hätte sich auch per Bahn einlegen lassen, klar. Doch am Abend musste sie weiter nach Riga, da wäre es sowieso mit dem Flugzeug weitergegangen.

Spitzenpolitiker absolvieren ein Mammutprogramm. Und manche Dinge dulden keinen Aufschub, nur weil die handelnden Personen tagelang auf dem Landweg unterwegs sind. Es ist eine alte Debatte, ob jeder Termin ein Vier-Augen-Treffen beinhalten muss. Schon früher sind häufig Treffen von Staats- und Regierungschefs kritisiert worden. Maximaler Aufwand, minimaler Nutzen, so heißt es. Doch spätestens seit der Corona-Pandemie hat sich auch die Zahl der Videokonferenzen enorm erhöht. Jede Ministerpräsidentenkonferenz fand online statt – in den Vor-Corona-Zeiten noch völlig undenkbar.

Klimawandel: Kurzstrecke mit Flugzeug – der Ärger über die Kommissionspräsidentin ist trotzdem falsch

Doch zur Wahrheit gehört auch: Nicht alles lässt sich über Videochats regeln. Erst recht nicht auf der internationalen Ebene. Dort geht es auch sehr viel um Stimmungen. Und um gegenseitiges Vertrauen, das zwischen Staats- und Regierungschefs und den EU-Spitzenpolitikern aufgebaut werden muss. Das ist der Unterschied.

Mit unserem Newsletter verpassen Sie nichts mehr aus ihrer Umgebung, Deutschland und der Welt – jetzt kostenlos anmelden!

Deshalb sollte man bei dem aktuellen Kurzstreckenflug von der Leyens durchaus einen anderen Maßstab anlegen. Sie ist nicht für einen Wochenendtrip von Hannover nach Köln gejettet. Und wenn? Wer hat sich nicht selber schon mal einen Kurzausflug gegönnt, der einen ökologischen Fußabdruck hinterlassen hat – wenn auch mit schlechtem Gewissen. Mit dem Abschwächen der Corona-Pandemie gingen die Fluggastzahlen sofort wieder stramm nach oben. Bei vielen war die Sehnsucht nach der Ferne größer als die neu entdeckte Liebe zur Heimat.

Natürlich muss es das Ziel sein, die Erderwärmung so schnell wie möglich zu stoppen. Und das geht nur mit drastischen Maßnahmen und eisernen Entschlossenheit. Doch viele Spitzenpolitiker arbeiten daran härter als viele glauben. Auch von der Leyen. Es mag sein, dass schon bald Kurzstreckenflüge unmöglich werden – für Otto-Normal-Verbraucher wie für Spitzenpolitiker. Nur von heute auf morgen lässt sich auch nicht alles ändern. Auch, wenn sich viele das zu Recht wünschen. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Frank Molter/Steve Reigate/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Meistgelesene Artikel

Hartz IV und Weihnachten: Für 2021 ein Bonus zum Fest?

Hartz IV und Weihnachten: Für 2021 ein Bonus zum Fest?

Hartz IV und Weihnachten: Für 2021 ein Bonus zum Fest?
Diese Politiker stehen auf der Kabinettsliste von Kanzler Scholz

Diese Politiker stehen auf der Kabinettsliste von Kanzler Scholz

Diese Politiker stehen auf der Kabinettsliste von Kanzler Scholz
Bürgergeld 2022: Wer bekommt was? So viel zahlt die Ampel aus

Bürgergeld 2022: Wer bekommt was? So viel zahlt die Ampel aus

Bürgergeld 2022: Wer bekommt was? So viel zahlt die Ampel aus
Hubertus Heil: Dieser Mann soll Hartz IV in Bürgergeld verwandeln

Hubertus Heil: Dieser Mann soll Hartz IV in Bürgergeld verwandeln

Hubertus Heil: Dieser Mann soll Hartz IV in Bürgergeld verwandeln

Kommentare