Peter Scholl-Latour

Der „Kriegsgott“ blickt auf Afghanistan

+
Ortstermin: Der Journalist Peter Scholl-Latour bereist seit Jahrzehnten die Welt. Das Bild zeigt ihn 2002 mit Peschmerga-Soldaten in Irakisch-Kurdistan. (Aus der TV-Doku: PHOENIX: Irak im Fadenkreuz. "Mit Peter Scholl-Latour durch das "Reich des Bösen")

München - Peter Scholl-Latour ist sich sicher: Der Krieg am Hindukusch ist für die Alliierten nicht zu gewinnen. Man wird verhandeln müssen. Und das wird nur funktionieren mit mehr Respekt vor dem Gegner – und den Menschen Afghanistans.

Lesen Sie dazu:

Altkanzler Schmidt kritisiert Afghanistan-Einsatz

Man nennt ihn den „Kriegsgott“ unter den Journalisten, und für den Münchner CSU-Politiker Peter Gauweiler ist Scholl-Latour „ein hervorragender Beobachter der Außenpolitik“. Und der nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, zu analysieren und den Mächtigen der westlichen Welt die Leviten zu lesen. Er spricht die Sprache der islamisch- arabischen Welt. Und er kennt sie alle: die Länder in Flammen und auch die Höllenhunde, die sie entzündet haben. Man hört ihm gespannt zu. Auch in München, wo er auf Einladung Gauweilers die Entwicklung in Afghanistan unter die Lupe nimmt.

Deutsche zunehmend im Visier der Aufständischen

In einer fremden Welt: Bundeswehrsoldaten auf Patrouille in Afghanistan.

Scholl-Latour macht sich große Sorgen um die Männer der Bundeswehr, um Soldaten, die „für einen Einsatz in der westdeutschen Tiefebene, aber nicht für Kämpfe in den Bergen des Hindukusch taugen“. Dass die Alliierten bisher die absolute militärische Herrschaft hatten, kam den im Norden des Landes stationierten Deutschen zugute, sagt Scholl-Latour. Doch diese Zeiten sind vorbei. Der Norden wird als Nachschub-Route für die im Süden isoliert kämpfenden Briten und Amerikaner immer wichtiger – und die Deutschen rücken immer deutlicher in das Visier der Aufständischen.

Der Krieg ist ein asymmetrischer geworden (ein Begriff, den die Israelis nach ihrem Scheitern im Libanon geprägt haben), wobei die Afghanen nur tun, was sie immer taten: Ist der Gegner stärker, ziehen sie sich in die Berge zurück, sehen sie eine Chance, greifen sie an. Wie das ausgehen kann, beschrieb bereits Theodor Fontane in seiner Ballade „Das Trauerspiel von Afghanistan“ nach dem ersten anglo- afghanischen Krieg (1838 – 1842): „Mit dreizehntausend der Zug begann, einer kam heim aus Afghanistan“.

„Eingeständnis des Scheiterns der Politik“

Die Grafik zeigt, wo im Norden Afghanistans die deutschen Truppen im Rahmen des ISAF-Einsatzes stationiert sind.

„Wenn heute darüber diskutiert wird, dass die Bundeswehr am Hindukusch mit stärkeren Waffen und Fahrzeugen ausgestattet werden muss, so ist das ein Eingeständnis des Scheiterns der Politik“, sagt Scholl-Latour. Aber musste es nicht so kommen? „Die Bundeswehr leidet darunter, dass sie als Defensivkraft ausgerichtet ist, was bei einem derartigen Einsatz Unsinn ist.“ Was nötig gewesen wäre, durfte nicht getan werden: „Die Deutschen hatten nie die Möglichkeit, offensiv vorzugehen.“ Möglich, dass stärkere Waffen mehr abschrecken und besser gepanzerte Fahrzeuge mehr Schutz bieten, dafür aber taugen sie nicht für Einsätze in den Bergen. Benötigt würde eine Hubschrauber-Flotte für rasche und effektive Schläge, doch die gibt es nicht.

Scholl-Latours Fazit ist vernichtend: In Afghanistan kämpfen deutsche Truppen, die dafür nicht ausgebildet sind. Truppen, die sich nur selten aus ihren Festungen in Kundus, Masari- Scharif und Feyzabad herauswagen – und wenn, dann nur in gepanzerten Fahrzeugen: „90 Prozent der deutschen Soldaten bekommen von Afghanistan nur die Strecke zwischen dem Flugplatz und ihrem Lager zu sehen.“

Also war es, wie Gauweiler sagt, „ein fataler Fehler, dass wir uns in diesen Bürgerkrieg eingemischt haben“? Für Peter Scholl-Latour ist das Ja als Antwort auf diese Frage zwingend. Denn bisher hat sich die Lage stets nur verschlechtert – und dass Deutschland am Hindukusch verteidigt wird, ist „nur Augenwischerei“ (Gauweiler). Und die Milliarden, die dieser Einsatz verschlingt – der für den CSU-Politiker nur dazu dient, „innerhalb des Nato-Bündnisses eine gute Figur abzugeben“ –, seien zum Fenster hinausgeworfen.

Taliban verhindern Schulbesuch von Mädchen

Sicher, es wurden Schulen für Mädchen gebaut, aber viele dieser Schulen können nicht besucht werden, weil die Taliban wieder das Sagen haben und dies verhindern, klagt Scholl-Latourl. Ein deutliches Zeichen für den zunehmenden Einfluss der Taliban sieht der Grandseigneur unter den journalistischen Beobachtern auch darin, dass in Afghanistan immer mehr Frauen wieder streng verhüllt ausgehen. Zudem: Der afghanischen Polizei, die auch von deutschen Experten ausgebildet wird, ist nicht zu trauen. Sie genießt laut Scholl-Latour einen miserablen Ruf, viele ihrer Mitglieder sind als Plünderer und Wegelagerer verrufen.

„Gefälschte Präsidentschaftswahlen“

Nicht zu vergessen die erst vor wenigen Wochen inszenierten und „gefälschten“ Präsidentschaftswahlen. Gewonnen haben die, die vorher schon feststanden und „am besten bezahlt haben“. „Wir im Westen regen uns darüber auf, was sich Ahmadinedhinterschad und die Mullahs im Iran geleistet haben“, betont Scholl-Latour. „Aber das war nichts im Vergleich zu dem, was in Afghanistan geschah.“ Auch hier ist sein Fazit ernüchternd: „Unsere Formel Demokratie ist diskreditiert.“

Scholl-Latour versteht bis heute nicht, warum niemand in der Nato auf den Gedenken gekommen ist, sich vor dem Angriff mit Moskau über einen Krieg auszutauschen, den die Sowjets einst in Afghanistan „mit Bravour geführt“ – und grandios verloren haben. So manche Fehleinschätzung hätte mit Sicherheit vermieden werden können.

„Am 11. September war kein Afghane beteiligt“

Inzwischen hat der amtierende US-Präsident Obama, dem Druck der Ereignisse Rechnung tragend, das Schwergewicht der US-Aktivitäten vom Irak nach Afghanistan verlegt (wobei nicht vergessen werden sollte, dass der Irak-Krieg nicht zu Ende ist, sich dort noch immer 140.000 US-Soldaten im Einsatz befinden). Scholl-Latour stimmt dies skeptisch, denn begründet wird der Kurswechsel damit, dass am Hindukusch die Terroraktionen vom 11. September 2001 ihren Ursprung hatten. „Das ist falsch, denn an diesen Anschlägen war kein Afghane beteiligt. Die meisten Terroristen waren Saudis.“ Er räumt ein, dass die Taliban ein unmenschliches Regime geführt haben. „Aber es war auch nicht unmenschlicher als das der mit dem Westen verbündeten Saudis.“ Man muss auch sehen, dass die Russen nach ihrem Abzug ein gewaltiges Chaos und Machtvakuum hinterlassen hatten, das die Taliban mit Unterstützung des Westens und Pakistans gefüllt haben.

Peter Gauweiler: Der CSU-Politiker war Gastgeber des Abends.

Und nun? Der neue Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Afghanistan, General McChristal, will Kollateralschäden – damit sind getötete Zivilisten gemeint – verstärkt vermeiden. Das soll das Vertrauen der Bevölkerung in die Isaf-Kräfte steigern, dürfte nach Meinung Scholl-Latours aber die eigenen Verluste erhöhen. Vor allem dann, wenn die USA wie von Obama erwogen einen erneuten Kurswechsel vollziehen und verstärkt gezielte Angriffe gegen Rebellen im benachbarten Pakistan fliegen. Für den Islam-Experten stellt sich schon jetzt die Frage, wie lange die pakistanische Armee es zulassen wird, dass Asif Ali Zardari, der amtierende Präsident des einzigen islamischen Landes mit Atomwaffen, brutal gegen Glaubensbrüder vorgeht.

Konflikt könnte auch Russland erfassen

Die Lage am Hindukusch verschärft sich täglich. Die Strahlkraft des Konflikts ist enorm und könnte rasch auch die ehemaligen GUS-Staaten mit muslimischer Bevölkerung und damit auch Russland erfassen. Da der Koran es zudem verbietet, dass Ungläubige sich auf islamischem Gebiet aufhalten, wird es letztlich auch nicht viel nützen, die Herzen der Afghanen zu gewinnen, solange diese religiöse Schranke besteht. Abgesehen davon kann es laut Scholl-Latour auch nicht Aufgabe einer Armee sein, Gesellschaftsstrukturen zu verändern; das müsse von innen heraus geschehen.

Was also wie tun, zumal laut Clausewitz die schwierigste von allen Strategien der Rückzug ist? Für Peter Scholl-Latour gibt es nur einen Weg: das Gespräch suchen. Mit den Mächtigen des Landes und auch mit dem Gegner, dem „man mit Respekt begegnen sollte“, denn „was auch immer die Taliban sein mögen, feige sind sie nicht“.

Deutscher Pass zur Sicherheit im Safe

Übrigens: An einen Sieg will man auch in der Regierung des afghanischen Präsidenten Karsai nicht so recht glauben. Außenminister Spanta, der einst für die Grünen im Aachener Stadtrat saß, hat seinen deutschen Pass sicher im Safe der deutschen Botschaft in Kabul liegen. Nur für alle Fälle.

Von Werner Menner

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Leidenschaft reicht nicht: Fehlstart nach Hummels-Eigentor

Leidenschaft reicht nicht: Fehlstart nach Hummels-Eigentor

Bescheidener Auftritt: DFB-Frauen nur 0:0 gegen Chile

Bescheidener Auftritt: DFB-Frauen nur 0:0 gegen Chile

Biathlon: Der Kader der deutschen Damen für die Saison 2021/22

Biathlon: Der Kader der deutschen Damen für die Saison 2021/22

Biathlon: Der Kader der deutschen Herren für die Saison 2021/22

Biathlon: Der Kader der deutschen Herren für die Saison 2021/22

Meistgelesene Artikel

Hartz IV: 100 Euro als Freizeitbonus – das muss man wissen

Hartz IV: 100 Euro als Freizeitbonus – das muss man wissen

Hartz IV: 100 Euro als Freizeitbonus – das muss man wissen
Höhere Pendlerpauschale? Ökonomen verteufeln Laschet-Plan

Höhere Pendlerpauschale? Ökonomen verteufeln Laschet-Plan

Höhere Pendlerpauschale? Ökonomen verteufeln Laschet-Plan
Lockerung der Maskenpflicht: Niedersachsen und Weil stellen sich gegen Spahn

Lockerung der Maskenpflicht: Niedersachsen und Weil stellen sich gegen Spahn

Lockerung der Maskenpflicht: Niedersachsen und Weil stellen sich gegen Spahn
Lebenslauf: Baerbock zerknirscht – „Wollte mich nicht toller machen“

Lebenslauf: Baerbock zerknirscht – „Wollte mich nicht toller machen“

Lebenslauf: Baerbock zerknirscht – „Wollte mich nicht toller machen“

Kommentare