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Krieg: Hunderte Deutsche noch in der Ukraine – „Ich will sie bei mir haben“

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Von: Jens Kiffmeier

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Russlands Krieg löst in der Ukraine Flucht und Vertreibung aus. Auch hunderte Deutsche sind noch im Konfliktgebiet. Doch warum? Und wie kommen sie raus?

Berlin – Krieg mitten in Europa? Das kann doch nicht sein! Das war der erste Gedanke von Ekatharina Weber an diesem frühen Donnerstagmorgen, an dem Russlands Präsident Wladimir Putin seine Drohung wahrmachte und seine Truppen mit einem Großangriff auf die Ukraine in Gang setzte. Auf den ersten Gedanken folgte sofort aber der zweite: Meine Familie muss da raus. Die Deutsch-Russin lebt in Berlin, hat aber noch Familie in der ostukrainischen Stadt Charkiw. „Ich will sie bei mir haben“, sagt sie am Telefon zu kreiszeitung.de. Sofort habe sie alle Hebel in Bewegung gesetzt. Doch bei der Organisation der Flucht stößt sie an lauter Grenzen.

Land in Europa:Ukraine
Fläche:603.548 km²
Bevölkerung:44,13 Millionen
Hauptstadt:Kiew

Krieg in der Ukraine: Viele Flüchtlinge in der EU und in Deutschland nach dem Angriff von Russland erwartet

Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine bereiten sich Deutschland und die Europäische Union (EU) auf eine neue Flüchtlingswelle vor. Die Bundesregierung bot den direkten Nachbarländern wie Polen bereits Unterstützung an. Man gehe zunächst davon aus, dass der von Russlands Präsident Wladimir Putin und seinen Verbündeten eskalierte Konflikt Flucht und Vertreibung innerhalb der Ukraine auslöse, teilte Bundesinnenministerin Nancy Faeser der Nachrichtenagentur dpa ab. Dennoch behalte man die Entwicklung genau im Auge und stehe zur Aufnahme von Flüchtlingen bereit.

Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine flüchten Menschen aus der Konfliktregion. Frauen, Männer und Kinder stürmen auf einem Bahnsteig zu einem wartenden Zug.
Bloß weg: Der Krieg in der Ukraine treibt Menschen tausendfach in die Flucht. © Vadim Ghirda/dpa

Die genaue Lage war an Tag eins des neuen Krieges in Europa aber für die Politik noch unklar. In der Hauptstadt Kiew, in der am Donnerstagnachmittag Luftalarm ausgelöst wurde, hatten sich bereits am Morgen lange Schlangen vor den Banken und den Geldautomaten gebildet, wie die dpa berichtete. Viele Menschen deckten sich mit Lebensmitteln und Trinkwasser ein. Doch auf den Ausfallstraßen bildeten sich lange Autoschlangen. Die Züge waren überfüllt.

Ukraine-Krieg: Neue Flüchtlingskrise? Die Zahlen schwanken – Warnung vor „humanitärer Katastrophe“

Die Prognosen der Flüchtlingszahlen sind sehr unterschiedlich. Die Vereinten Nationen schätzen in einem Worst-Case-Szenario die Zahl der Menschen, die in die Flucht getrieben werden könnten, auf bis zu fünf Millionen – ein Großteil aus der besonders hart umkämpften ostukrainischen Region. Doch ob das stimmt und wie viele Menschen davon am Ende in die EU strömen, vermag derzeit noch niemand verlässlich zu sagen. Im Gespräch mit kreiszeitung.de warnte der Leiter der SOS-Kinderdörfer, Serhii Lukashov, aber vor einer drohenden „humanitären Katastrophe“.

Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne), die den Angriff Russlands und das Vorgehen Putins auf das Schärfste verurteilte, rief vorsorglich alle Deutschen zur Ausreise aus der Ukraine auf. Auf der Krisenvorsorgeliste, auf der sich deutsche Staatsangehörige zu ihrer eigenen Sicherheit in Konfliktregionen online registrieren können, steht nach Auskunft des Auswärtigen Amtes eine hohe dreistellige Zahl. „Doch wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus“, sagte eine Sprecherin zu kreiszeitung.de.

Ukrainische Flüchtlinge: An der Grenze zwischen Polen und der Ukraine bereitet man die Aufnahme vor

Doch eine Ausreise wird immer schwieriger. Nachdem bereits vor zwei Wochen die Familien des deutschen Botschaftspersonals ausgeflogen worden waren, stellte das Auswärtige Amt die Arbeit der Botschaft nun komplett ein und zog die noch verbliebenen Diplomaten ab. Organisierte Transporte, mit denen jetzt noch in der Ukraine verbliebene Deutsche weggebracht werden könnten, seien nicht mehr möglich, heißt es auf der Homepage des Bundesministeriums. Sprich: Die Staatsangehörigen müssen sich selber zur Grenze nach Polen, der Slowakei, Ungarn oder Moldau durchschlagen. Dort stehe auch die deutsche Auslandsvertretung zur Unterstützung wieder bereit. Vor allem in Polen laufen die Vorbereitungen für die Bewältigung des Flüchtlingsansturms auf Hochtouren.

Flucht und Vertreibung: Der Ukraine-Konflikt sorgt in Deutschland für Panik und Entsetzen

Doch für Ukrainerinnen und Ukrainer ist die Reise nicht so einfach. Ekatharina Weber, die ihren richtigen Namen nicht veröffentlicht wissen will, ist ratlos. Die Deutsch-Russin mit Wurzeln in der Ukraine will gerne ihrer dort verbliebenen Familie – eine Cousine mit Mann und zwei Kindern – aus der Ferne helfen. Doch wie? Alleine die Abstimmung ist schwierig. Das Telefonnetz in der Ostukraine sei völlig überlastet, sagt sie. Seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 durch Russland lebten ihre Verwandten in ständiger Unsicherheit. „Es wurde ständig überlegt: Fährt man weg oder nicht“, sagt sie. Doch einfach so Haus und Hof verlassen? Die Freunde zurücklassen? Wer macht das schon gerne. Doch jetzt sei es vielleicht zu spät.

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Doch selbst, wenn sie sich bis an eine EU-Grenze durchschlagen sollten: Ganz einfach wird der Grenzübertritt nicht. Ukrainische Staatsbürger dürfen für 90 Tage ohne Visum in die EU einreisen. Voraussetzung: Sie haben einen biometrischen Reisepass. Doch laut der linken Bundestagsabgeordneten Clara Bünger ist dies bei nicht einmal der Hälfte der Ukrainern der Fall. Insofern scheitere die Flucht wahrscheinlich an ganz praktischen Gründen, kritisierte die Linken-Politikerin und forderte eine schnelle Anerkennung von Ukrainern als Kriegsflüchtlingen. Doch darüber muss die EU erst einmal in den kommenden Tagen entscheiden. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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