Immerhin erste Erfolge in Verhandlungen

Union und SPD in vielen Punkten noch uneins

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Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Chef Sigmar Gabriel haben sich auf eine Finanztransaktionssteuer geeinigt.

Berlin - Die ersten Ergebnisse der angehenden Koalitionäre hat die Spitzenrunde von Union und SPD abgesegnet. Die großen Brocken kommen aber noch: Bankenunion, Steuern, Rente, Mindestlohn oder Maut.

Nach einer ersten Einigung in der Europa-Politik ringen Union und SPD weiter um eine gemeinsame Linie in der Euro-Schuldenkrise. Nach einwöchigen Koalitionsverhandlungen zeichnet sich bisher keine Annäherung bei den geplanten Regeln zur Abwicklung maroder Banken sowie beim Umgang mit Altlasten der Krisenstaaten ab. Bis Mitte November - dem nächsten Treffen der Euro-Gruppe - wollen die angehenden Koalitionäre aber einen Kompromiss gefunden haben. Auch bei der Steuerpolitik zeichnte sich am Abend nach vierstündigen Verhandlungen der Arbeitsgruppe Finanzen keine rasche Einigung ab.

Die Spitzen von Union und SPD stimmten am Mittwoch in der großen Koalitionsverhandlungsrunde ersten Ergebnissen zur Europa-Politik zu: So will ein schwarz-rotes Regierungsbündnis Tempo machen bei der Einführung einer Finanztransaktionssteuer. Privatisierungen von Kommunalbetrieben auf Druck der Brüsseler Wettbewerbspolitik sollen verhindert werden. Die EU-Kommission soll sich zudem auf Kern-Themen konzentrieren.

„Wir haben uns darauf verständigt, die Finanztransaktionssteuer voranzutreiben“, sagte der Präsident des EU-Parlaments, Martin Schulz (SPD). Der CDU-Europaabgeordnete Herbert Reul sagte nach der zweiten Sitzung der großen Verhandlungsrunde mit mehr als 70 Politikern von CDU, CSU und SPD im Willy-Brandt-Haus, mit dem Bekenntnis der großen deutschen Parteien könne die seit längerem diskutierte Steuer auf Finanzgeschäfte neuen Schub bekommen. Deutschland und zehn weitere EU-Staaten wollen die Abgabe über eine verstärkte Zusammenarbeit einführen. Die Umsetzung hakt aber, auch wegen rechtlicher Bedenken.

Ihre Differenzen über die weitere Ausgestaltung der europäischen Bankenunion wollen Union und SPD bis Mitte November beilegen, sagte Reul, der mit Schulz die Koalitions-Unterarbeitsgruppe Banken leitet. Schulz zufolge gibt es beim Aufbau eines gemeinsamen Fonds zur Abwicklung maroder Banken in Europa und zur Finanzierung von Schieflagen noch keine Lösung. Auch einen von der SPD geforderten Schuldentilgungsfonds in der Euro-Zone lehnen CDU und CSU ab.

Die CSU will in den Verhandlungen auch über ein Insolvenzrecht für Staaten sowie ein Verfahren für einen Euro-Austritt diskutieren. Bei diesen Punkten seien jedoch nicht alle Partner „mit der gleichen Euphorie dabei“, sagte Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU).

Mittlerweile haben fast alle zwölf Arbeitsgruppen und vier Unterarbeitsgruppen ihre Beratungen aufgenommen. Nach und nach sollen Einzelergebnisse von der großen Runde abgesegnet werden, um nicht alles Ende November entscheiden zu müssen. Angestrebt wird, dass eine neue Regierung vor Weihnachten steht. Zuvor sollen noch die 470 000 SPD-Mitglieder über einen möglichen Koalitionsvertrag abstimmen. SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann sagte, wenn die Verhandlungen so weitergehen, können sie erfolgreich sein.

Zu weiteren Teilergebnissen gehört, dass mehr Branchen der Weg zu tariflichen Mindestlöhnen nach dem Arbeitnehmer-Entsendegesetz geebnet werden soll. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sieht darin noch keine Annäherung bei der zentralen Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro. „Da prallen die Positionen weiter aufeinander“, sagte sie vor der Sitzung. Branchenweise vereinbarte Mindestlöhne sollen künftig aber auch für Prkatikanten mit abgeschlossener Ausbildung gelten.

Strittig ist ferner die von der CSU verlangte Pkw-Maut für ausländische Wagen. In einer Stellungnahme erachtet es die EU-Kommission aber für möglich, eine Maut für alle Autos zu erheben und gleichzeitig einen Ausgleich für inländische Fahrer zu schaffen.

Die SPD will eine staatliche Abwrackprämie für alte Heizungen durchsetzen. Es gehe um ein „Austauschprogramm in Verbindung mit dem Handwerk“, heißt es in einem vorläufigen Eckpunktepapier. Für einkommensschwache Haushalte empfiehlt die SPD zur Dämpfung der hohen Energiekosten Mikrodarlehen. Das System zur Förderung erneuerbarer Energien soll bis Frühjahr 2014 radikal vereinfacht werden. Wind- und Solaranlagenbetreiber sollen sich stärker dem Wettbewerb stellen.

Der 18. Deutsche Bundestag in Zahlen und Fakten

Dem 18. Deutschen Bundestag gehören 631 Abgeordnete an. © dpa
Nach dem amtlichen Endergebnis des Bundeswahlleiters bildet die CDU/CSU mit 311 Sitzen die stärkste Fraktion, gefolgt von der SPD mit 193 Sitzen. Die Linke bekommt 64 Sitze, die Grünen schicken 63 Abgeordnete in den Bundestag. © picture alliance / dpa
Im neuen Bundestag sitzen 402 Männer und 229 Frauen. Der Frauenanteil liegt mit 36,3 Prozent etwas höher als vor vier Jahren. 2009 zogen 204 Frauen und 418 Männer in den Bundestag ein (Frauenanteil: 32,8 Prozent). © dpa
401 Parlamentarier wurden wiedergewählt, 230 sind neu ins Parlament eingezogen. © dpa
Der jüngste Abgeordnete ist Mahmut Özdemir von der SPD, geboren am 23. Juni 1987. Die jüngste weibliche Abgeordnete ist Emmi Zeulner von der CSU, sie wurde am 27. März 1987 geboren. © dpa
Der älteste Abgeordnete ist Heinz Riesenhuber von der CDU, geboren am 1. Dezember 1935. Er hat als Alterspräsident die konstituierende Sitzung mit der Wahl des Bundestagspräsidenten und seiner Stellvertreter geleitet. © dpa
Die jüngste Fraktion stellen die Grünen, ihre Abgeordneten waren am Tag der Bundestagswahl (22. September) im Schnitt 46,32 Jahre alt. Die älteste Fraktion bildet die Linke mit 50,61 Jahren. Es folgen die Fraktionen der CDU (50,29), der SPD (49,98) und der CSU (47,46). Der Altersschnitt aller Abgeordneten lag am Wahltag bei 49,58 Jahren. © dpa
Die mit Abstand größte Berufsgruppe sind die Dienstleister: 576 der 631 Abgeordneten zählen dazu, darunter 343, die der Bundeswahlleiter als „Abgeordnete, administrativ entscheidende Berufstätige“ zusammenfasst. Auch Berufe im Rechts- und Vollstreckungswesen - etwa Richter oder Notare - sind mit 54 stark vertreten. © picture-alliance/ dpa
Wenig repräsentiert sind dagegen technischen Berufe wie Ingenieure oder Mathematiker (20), Berufe in der Land-, Tier- und Forstwirtschaft sowie im Gartenbau (zusammen 11) und die Fertigungsberufe, zu denen auch Handwerker zählen (6). Im Bundestag sitzen außerdem 2 Bergleute. © picture alliance / dpa
Die Zahl der Abgeordneten aus Einwandererfamilien ist nach Angaben des Mediendienstes Integration von 21 auf 34 gestiegen. Das entspricht einem Anteil von rund 5,4 Prozent an der Gesamtzahl der 631 Abgeordneten (2009: rund 3,4 Prozent). © dpa-mm

Union und SPD weiter uneins über künftige Steuerpolitik

In den Koalitionsverhandlungen von Union und SPD zeichnet sich keine rasche Einigung über die künftige Steuerpolitik eines schwarz-roten Regierungsbündnisses ab. Es gebe bisher keine Annäherung in den strittigen Punkten, verlautete am späten Mittwochabend in Berlin aus Verhandlungskreisen nach fast vierstündigen Beratungen der Arbeitsgruppe Finanzen.

Die Union lehnt Steuererhöhungen zur Finanzierung auch der eigenen Wahlsprechen ab. Hier gebe es weiter Dissens, hieß es. Bei steuersystematischen Fragen bewegten sich beide Seiten mühsam aufeinander zu. Die SPD hatte eine stärkere Belastung von Spitzenverdienern und Vermögenden gefordert, um mehr Investitionen zu finanzieren. Sie erwartet von der Union Finanzierungsvorschläge.

CDU/CSU wollen unter anderem die sogenannte Kalte Progression eindämmen, also die schleichende Steuererhöhung nach einem Lohnplus. Dies würde den Staat Milliarden kosten und erfordert die Zustimmung auch der Länder. Diese werden auf eine Gegenfinanzierung oder Kompensation der Mindereinnahmen pochen.

Bayern dürfte einen neuen Anlauf nehmen, damit die Länder die Hoheit über die Erbschaftsteuer erhalten. Diese könnten dann selbst über die Höhe des Steuersatzes entscheiden. Die Union will ferner das Kindergeld und den Kinderfreibetrag anheben.

Themen der Arbeitsgruppe Finanzen waren zudem der Kampf gegen Steuerbetrug sowie Steuertricksereien. Das am Widerstand der rot-grünen Ländermehrheit gescheiterte Steuerabkommen mit der Schweiz soll nach dem Willen der Union wieder auf den Tisch kommen.

Der rheinland-pfälzische Finanzminister Carsten Kühl (SPD) sagte vor den Beratungen: „Wir müssen entschlossen gegen Steuermissbrauch und aggressive Steuergestaltung vorgehen. Dazu gehört für mich auch, das Steuerrecht zu vereinfachen.“

dpa

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