Exklusiv-Interview

Klingbeil greift Laschet an: „Merkels Fußspuren sind für ihn zu groß“

Scharfmacher und Organisator: SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil putzt die Fehler von Olaf Scholz aus. Ein Gespräch über vertane Chancen und überschätzte Gegner.

Hannover – 90 Tage. Mehr nicht. Dann ist Bundestagswahl. Und dann will Olaf Scholz* (SPD) Bundeskanzlerin Angela Merkel* (CDU) beerben. Allerdings erschien es zuletzt wenig hilfreich, dass der Vizekanzler die Preise für Butter, Brot und Benzinpreise nicht kennt – obwohl er im Bundeskabinett zuvor eine Erhöhung der CO2-Steuer munter mitbeschlossen hatte. Lars Klingbeil, 43, Niedersachse und SPD-Generalsekretär dürfte in diesem Moment das Herz in die Hose gerutscht sein.

Deutscher Politiker:Lars Klingbeil (SPD)
Geboren:23. Februar 1978 (Alter 43 Jahre), Soltau
Ehefrau: Lena-Sophie Müller (verheiratet seit 2019)
Aktuelle Ämter:Bundestagsabgeordneter und Generalsekretär der SPD

Denn der Norddeutsche ist der Mann, der in der Parteizentrale den Wahlkampf organisiert. Im Exklusiv-Interview mit kreiszeitung.de spricht er über die Entfremdung zwischen Politik und Wähler, heimliche Merkel-Sympathien und die Herausforderung im Wahlkampf mit Corona-Superspreading-Events. Zeit für ein Gespräch:

Am Dienstag spielt Deutschland gegen England bei der Fußball-EM in London in einem vollen Stadion. Wie begeistert sind Sie darüber?
Als Fußballfan freue ich mich, dass die Europameisterschaft läuft und durch den Sport bessere Stimmung und dieses gewisse Sommergefühl aufkommen. Aber wenn die Zuschauerränge in den Stadien voll sind und nicht die Regeln für Masken und Mindestabstände eingehalten werden, dann finde ich das befremdlich.
Sieht in Armin Laschet den falschen Nachfolger von Bundeskanzlerin Angela Merkel (beide CDU): SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil.
Es scheint jedenfalls unfair, wenn Fußballfans durch Risikoländer für die Delta-Virusvariante reisen und Deutschland dann im Herbst auf einen neuen Lockdown zusteuert, oder? 
Zumindest kann ich den Unmut verstehen, der bei Eltern aufkommt, wenn sie die vollen Stadien sehen und sich gleichzeitig Jens Spahn hinstellt und sagt: Nach den Ferien geht es aber wieder los mit Wechselunterricht. Das halte ich für ein Problem.  
Immerhin hat der Gesundheitsminister vor Reisen in Delta-Gebiete gewarnt. Reicht das oder müsste er mehr tun?
Politik kann immer nur auf Grundlage des aktuellen Infektionsgeschehens handeln. Die Zahlen rechtfertigen es nicht, dass man Restaurants geschlossen hält oder Menschen nicht zusammenkommen lässt. Würde man trotzdem härtere Regeln beschließen, würde das juristisch vor den Gerichten sofort zerschossen. Insofern ist es richtig zu Besonnenheit aufzurufen. Niemand hat Lust auf einen neuen Lockdown.
Aber teilen Sie die Einschätzung, dass die vierte Infektionswelle im Herbst anrollt?
Ich muss da auf die Meinung der Experten vertrauen. Im Moment fühlen sich Lockerungen richtig an. Aber wir müssen verdammt vorsichtig bleiben. Corona ist noch nicht vorbei.  

Niemand erbringt eine Heldentat, wenn er Maske trägt.

Lars Klingbeil (SPD) zur Forderung nach einem Ende der Maskenpflicht.
Aber wie lässt sich verhindern, dass wir uns im Herbst dann doch plötzlich wieder im Lockdown und die Schüler im Wechselunterricht befinden?
Schnelles Impfen bleibt die oberste Priorität. Da muss weiter Druck gemacht werden. Ich würde mich übrigens freuen, wenn auch Kinder und Jugendliche ein Angebot bekommen würden*. Und zudem müssen wir die Ferien nutzen, um uns auf eine mögliche weitere Welle vorzubereiten.  
Was heißt das konkret?
Die Situation ist ja keine Überraschung. Eigentlich hat man zwischen dem ersten und zweiten Lockdown gesehen, was getan werden muss. Neben dem Impfen müssen wir Luftfilter in die Klassenräume einbauen. Zugleich muss in vielen Schulen über den Sommer die technische Ausstattung noch weiter verbessert werden. Und drittens sage ich: Lasst uns alle die Masken weiter tragen, solange noch nicht ausreichend geimpft ist.
Sind sie gegen eine allgemeine Aufhebung der Maskenpflicht, die immer stärker gefordert wird?
Ich finde, dass es niemandem etwas abverlangt, dass er im Bus, in der Bahn oder im Supermarkt eine Maske trägt. Das ist eine Frage der Solidarität mit den Ungeimpften, zu denen insbesondere junge Menschen gehören. Die Maske stört doch nicht. Niemand erbringt da eine Heldenleistung, wenn er sie noch ein paar Wochen länger trägt. 
Organisator des SPD-Wahlkampfes: SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil.
Die Corona-Krise hat ja viele Schwächen im Land offengelegt. Insbesondere bei der Digitalisierung der Schulen hat sich das Land nicht mit Ruhm bekleckert. Sie selber sind als Bundestagsabgeordneter seit Jahren damit befasst. Woran hapert es?
Der Bund gibt über den Digitalpakt Milliarden für die Ausstattung der Schulen aus. Doch leider hatten wir mit Anja Karliczek eine CDU-Bildungsministerin, die das Thema verpennt hat. Das Ziel stand im Koalitionsvertrag, doch die Umsetzung brauchte wahnsinnig viel Zeit. Das hat leider auch mit der Ambitionslosigkeit der Ministerin zu tun. 
Warum kümmert sich die SPD nicht darum?
Das tun wir. Wir wollen künftig jedes Jahr 50 Milliarden Euro investieren, zum Beispiel in Digitalisierung oder Klimaneutralität. Das haben wir in unserem Zukunftsprogramm für die Bundestagswahl sehr genau festgelegt und das ist auch gegenfinanziert. In diesen Zukunftsbereichen liegt ein enormes Potenzial, wenn wir es richtig machen. Dann kann Deutschland Weltmarktführer bei neuen Technologien und Produkten sein.
Warum in der Zukunft? Wo lag der Bremsklotz in der Vergangenheit?
Ich habe sehr viel Respekt für Angela Merkel und ihre Leistung in den letzte 16 Jahren für Deutschland. Doch bei aller Sympathie: Die ganz großen Ambitionen, das Land zu verändern, die hatte Merkel in der Koalition zuletzt nicht mehr. Wir dürfen uns mit dem Status Quo nicht mehr zufriedengeben.

Ein Niedersachse für Berlin

Lars Klingbeil ist norddeutsch durch und durch. Klingbeil, der 1978 im niedersächsischen Soltau geboren wurde, stammt aus der Familie eines Bundeswehrsoldaten und wuchs in Munster auf. Nach dem Abschluss seines Studiums der Politikwissenschaften in Hannover, wurde er bereits im Jahr 2005 kurzzeitig Bundestagsabgeordneter. Seit 2009 sitzt er dauerhaft als Direktkandidat für den Wahlkreis Rothenburg I – Soltau-Fallingbostel im Parlament. 2017 wurde er zum Generalsekretär gewählt und 2019 im Amt bestätigt.

Eines hat Merkel aber stets geschafft: Ihre Koalitionspartner kleinzuhalten und in den Umfragen nach unten zu drücken. Sind sie froh den Merkel-Klotz am Bein loszuwerden?
Angela Merkel hatte eine ganz geschickte Strategie. Sie hat immer abgewartet, wie die Mehrheiten sind und hat dann die Erfolge der anderen für ihre eigene ausgegeben. Die Kanzlerin stand über allen und hat geglänzt, das ist wahr. Und ja daran haben wir auch geknabbert. Doch das ist jetzt vorbei. Und wir haben mit Olaf Scholz den Richtigen für die Zeit nach Merkel.
Jetzt bekommen Sie es mit Armin Laschet zu tun. Wie gefährlich ist er für die SPD?
 Die Fußstapfen von Merkel sind für Laschet zu groß. Er hat in der Pandemie-Bekämpfung oft daneben gelegen.
Und doch liegt er in den Umfragen weit vor SPD-Kandidat Olaf Scholz.
Im Moment dreht sich noch alles um die Frage nach dem Impfen und um den vielleicht ersten Urlaub seit Corona. Doch nach den Ferien wird der Wahlkampf Fahrt aufnehmen. Und bei der Frage, wer Merkel im Kanzleramt folgen soll, haben wir mit Olaf Scholz die besten Argumente. Olaf Scholz ist vernünftig, er ist erfahren und er kann das. Natürlich ist die SPD noch nicht da, wo ich sie gerne hätte. Aber wir werden noch ordentlich zulegen.
Soll für eine alte stolze Partei den Bundestagswahlkampf gewinnen: SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil.
Doch ihr Zugpferd lahmt. Zuletzt machte Olaf Scholz keine gute Figur, weil er nicht wusste, was ein Liter Benzin kostet. Rutscht einem Generalsekretär da nicht das Herz in die Hose?
Letztendlich war es eine ehrliche Antwort. Das Wichtige ist doch, dass man politisch die Debatte darüber führt, wie wir den CO2-Preis sozial gerecht machen und wie wir eine klimaneutrale Zukunft gestalten. Und darauf haben wir mit Olaf Scholz und seinen Zukunftsmissionen die besten Antworten. 
Doch können Sie verstehen, dass vielen Deutschen es als abgehoben vorkommt, wenn der Kanzlerkandidat nicht auf die Preise von Butter und Benzin schaut?
Mich treibt eher die politische Debatte um. Die Entfremdung zwischen Berlin und dem ländlichen Raum nimmt zu. Das beschäftigt mich auch als Abgeordneter für die Lüneburger Heide seit Jahren. Die Lebensrealitäten sind einfach andere und das muss Politik im Blick haben. Eine Spritpreiserhöhung von 16 Cent sollte man nicht so einfach herbeireden, wie die Grünen dies tun. Bei mir im Wahlkreis rund um Soltau und Rotenburg kann man das Auto nicht so einfach stehen lassen. Das bedeutet für die Pendler wahnsinnige Kostensteigerungen. * kreiszeitung.de, 24hamburg.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Fredecio Gamberini/dpa & Britta Pedersen/dpa

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