Trotz Hilferuf

Joe Biden: Retter von US-Präsident sitzt in Afghanistan fest

Unfassbar: Er rettete Joe Biden einst bei einem Afghanistan-Besuch das Leben. Doch noch immer steckt die Ortskraft im Taliban-Regime fest – trotz Hilferuf.

Washington/Kabul – Es war ein flehender Hilferuf aus Afghanistan: „Hallo Herr Präsident: Retten Sie mich und meine Familie. Vergessen Sie mich nicht.“ Mohammed, 49 Jahre alt, Dolmetscher für die US-Truppen am Hindukusch, sendete den Appell über das Wallstreet Journal direkt an Joe Biden. Seit Tagen flogen die Amerikaner nach der überraschenden Machtübernahme der radikal-islamistischen Taliban tausende Menschen aus Kabul aus – doch Mohammed war mit seiner Familie nicht dabei. Dabei hatte er einst Biden aus einer Notlage befreit. Doch vom Weißen Haus bekommt er vorerst nur Durchhalteparolen zu hören.

US-Politiker:Joe Biden
Geboren:20. November 1942 (Alter 78 Jahre), Scranton, Pennsylvania, Vereinigte Staaten
Privat:verheiratet, vier Kinder
Aktuelles Amt: US-Präsident

Lage in Afghanistan: Ortskraft rettet US-Präsident Joe Biden aus Schneesturm vor den Taliban

Die Geschichte wirft erneut ein Schlaglicht auf die prekäre Lage der Ortskräfte in Afghanistan. Mohammed, dessen richtiger Name in der Zeitung zu seiner eigenen Sicherheit nicht genannt wird, unterstützte jahrelang die US-Mission am Hindukusch. Stationiert war er am Stützpunkt in Bagram, als dort im Jahr 2008 ein Notruf einging: Wegen eines Schneesturms mussten zwei Black-Hawk-Hubschrauber in einem abgelegenen Tal notlanden. Pikanterweise befanden sich an Bord drei US-Senatoren auf Afghanistan-Besuch: John Kerry, Chuck Hagel und – der heutige US-Präsident Joe Biden.

Wurde im Jahr 2008 in Afghanistan von einer Ortskraft aus einem Schneesturm gerettet: US-Präsident Joe Biden. (Montage kreiszeitung.de)

Mohammed rückte mit einem Rettungstrupp in gepanzerten Humvees-Geländewagen aus, um die Reisegruppe um den heutigen US-Präsidenten Biden aus der misslichen Lage zu befreien. Am Einsatzort hatten sich schon zahlreiche Afghaninnen und Afghanen versammelt. Dem Zeitungsbericht zufolge übersetzte Mohammed, hielt Wache und hielt teilweise zu aufdringliche Zuschauer mit einem Signalhorn auf Distanz.

Eine Heldentat?

Vielleicht.

Aber jedenfalls ein Einsatz, der ihm rückblickend viel Ärger einbringen könnte.

Letzter US-Soldat hat Afghanistan verlassen – 2008 war Rettungstruppe noch mit Humvees ausgerückt

Nach der Machtübernahme der Taliban machen Milizen im ganzen Land mittlerweile Jagd auf die Unterstützer der westlichen Besatzungsmächte. Berichte, wonach die Häuser der Ortskräfte gestürmt werden, mehren sich. Bereits vor dem angekündigten Abzug hatte Mohammed eigenen Angaben zufolge um eine Ausreise ersucht – jedoch vergeblich, weil er an der Bürokratie scheiterte. Jetzt muss er sich zusammen mit seiner Frau und seinen vier Kindern vor der Rache der Taliban verstecken.

Vom Weißen Haus in Washington gab es bislang nur ein paar warme Worte.

Retter von Präsident Joe Biden in Afghanistan wird mit warmen Worten und Durchhallteparolen abgespeist

„Unsere Botschaft an ihn lautet zunächst: Danke, dass Sie in den letzten 20 Jahren an unserer Seite gekämpft haben“, sagte Regierungssprecherin Jen Psaki bei einer Pressekonferenz, als sie direkt auf den Fall angesprochen wurde.

„Wir werden Sie herausholen, wir werden Ihren Dienst ehren, und wir sind entschlossen, genau das zu tun“, fügte sie noch hinzu.

US-Abzug in Afghanistan: Bild von General Chris Donahue geht um die Welt – Geheimer Deal mit Taliban

Doch inwieweit dies noch gelingen könnte, bleibt abzuwarten. Am Montag bestieg General Chris Donahue eine Militärtransportmaschine und verließ als letzter US-Soldat afghanischen Boden*. Zwei Wochen lang hatten die US-Truppen zuvor zusammen mit ihren Verbündeten noch in einer hektisch aufgebauten Luftbrücke Tausende ausländische Staatsangehörige und ehemalige Ortskräfte vom Flughafen Kabul aus in die Freiheit ausgeflogen.

Doch Mohammed hatte kein Glück. Er schaffte es nicht von Bagram aus in die afghanische Hauptstadt.

Auf dem Weg waren zu viele Kontrollpunkte der Milizen.

Die Rettung der Ortskräfte heizt den Bundestagswahlkampf auf. Alle Informationen dazu erhalten Sie in unserem Newsletter.

Nach US-Regierungsangaben wurden bei der Evakuierung insgesamt mehr als 123.000 Menschen noch gerettet. Offenbar half den USA dabei auch ein Deal mit den neuen Machthabern in Kabul*. So sollen laut Medienberichten die Taliban nach einer Absprache mit dem US-Geheimdienst gezielt Ausreisewillige zu den US-Truppen eskortiert haben – und das offenbar ohne Wissen der deutschen Bundesregierung.

Denn die Bundeswehr konnte im gleichen Zeitraum kaum ihre eigenen Ortskräfte retten. Die Begründung: Diese seien nicht an den Taliban vorbeigekommen.

Schlechte News aus Afghanistan: Joe Biden muss sich in einer Rede für Evakuierung rechtfertigen

Doch das sind am Ende politische Ränkespiele. Sie helfen Mohammed nicht weiter. Ihm bleibt nur – wie allen anderen Ortskräften auch – die Hoffnung. Die Hoffnung, dass die USA ihre aufgebauten Kanäle zu den neuen Herrschern offenhalten. Zumindest das hat Biden, der wegen des US-Abzugs und dem damit verbundenen Afghanistan-Desasters innenpolitisch massiv unter Druck steht*, ihnen jetzt öffentlich in einer Rede zugesichert.

„Wir werden weiter daran arbeiten, noch mehr gefährdeten Menschen zu helfen, das Land zu verlassen. Wir sind noch lange nicht fertig.“ Das bleibt zu hoffen. Denn gestern bezeichnete US-Präsident Joe Biden in einer Pressekonferenz den Einsatz und die Evakuierung aus Afghanistan als „großen Erfolg“.

Mohammed und die restlichen Ortskräfte, die immer noch in Afghanistan festsitzen und um ihr Leben fürchten, sehen das sicherlich ein bisschen anders. * kreiszeitung.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Manuel Balce Ceneta/dpa/picture alliance & Khwaja Tawfiq Sediqi/dpa/picture alliance

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