Politologin im Exklusiv-Interview

„Die Wahl von Friedrich Merz ist nicht gerade ein Sieg für Frauen“

Mit dem Ende der Ära Merkel wird langsam offensichtlich, was schon lange bittere Realität ist: Frauen sind in Politik und Gesellschaft noch immer unterrepräsentiert. Ein Interview.

Berlin – Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat bei der Auswahl seiner Bundesminister auf eine Sache ganz besonders geachtet: Parität. Nicht umsonst hat er bei der Vorstellung seines Kabinetts immer und immer wieder betont, dass gleich viele Frauen und Männer es in die erste Reihe der Bundespolitik geschafft haben. Scholz will ein Kanzler der Gleichberechtigung sein.

Name: Prof. Dr. Barbara Holland-Cunz
Geburtstag: 10. Juni 1957 (64 Jahre)
Position: Politikwissenschaftlerin (Schwerpunkt Frauenforschung)

Die Tatsache, dass lediglich ein Drittel der Bundestagsabgeordneten in dieser Legislaturperiode weiblich ist, spricht allerdings wieder eine andere Sprache. Die Sprache der Unterrepräsentanz von Frauen. Und das ist nicht etwa ein Thema der Bundespolitik, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Aber warum ist die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen eigentlich so schwer erreichbar? 

Exklusiv-Interview: Politikwissenschaftlerin erzählt von Hürden und Chancen von Frauen in der Politik

Die Politikwissenschaftlerin Barbara Holland-Cunz hat sich in ihren Forschungen an der Justus-Liebig-Universität Gießen auf Frauen in der Politik konzentriert. Im Interview mit www.kreiszeitung.de erzählt sie, wie sich die Situation für Frauen verändert hat, was Feminismus eigentlich bedeutet und was die Politik für mehr Frauenrechte tun sollte.

Wenn wir über Frauenrechte sprechen, dann ist schnell die Rede von Feminismus. Auch Sie bezeichnen sich selbst als „stolze Feministin“. Wie definieren Sie Feminismus?
Ich würde sagen, Feminismus ist eine soziale Bewegung für den größeren Teil der Menschheit mit den übergeordneten Zielen von Freiheit und Gleichheit. Feminismus ist damit die größte herrschaftskritische Bewegung der Geschichte.
Könnten Sie kurz erläutern, was genau Sie mit „herrschaftskritisch“ meinen?
Die Herrschaft von Männern über Frauen ist ein fundamentales System und vermutlich älter als Rassismus, Klassenherrschaft, Antisemitismus und alle anderen Unterdrückungs-Strukturen. Aber sie alle gehören ins patriarchale System, gegen das Feministinnen ankämpfen.
Feministinnen verfolgen also im Grunde ähnliche Ziele. Innerhalb von feministischen Strömungen kommt es aber trotzdem immer wieder zu Machtkämpfen und Meinungsverschiedenheiten. Woran liegt das?
Es geht für Feministinnen um sehr viel. Frauen arbeiten seit über zwei Jahrhunderten für Gleichberechtigung und wissen um ihre Situation und die strukturell sehr begrenzten Möglichkeiten, das gesellschaftliche und politische Leben aktiv mitzugestalten. Und für viele ist es leider einfacher, gegen Mitstreiterinnen zu kämpfen, als dem gesamten Patriarchat den Kampf anzusagen
Friedrich Merz ist neuer Chef der CDU.

Politikwissenschaftlerin Holland-Cunz: „Es ist von Zeit zu Zeit ziemlich unerträglich eine Feministin zu sein“

Das klingt ein bisschen so, als hätten es Feministinnen auch im 21. Jahrhundert nicht wirklich leicht…
Ich nenne mich selbst schon vier Jahrzehnte stolz Feministin, also entschuldigen Sie meine Deutlichkeit, aber es ist von Zeit zu Zeit ziemlich unerträglich eine Feministin zu sein. Es ist mehr als prekär, dass in unserer Gesellschaft Frauen oft nur auf Kosten von anderen Frauen erfolgreich sein können. Dabei sollte das gemeinsame Ziel uns eigentlich dazu ermächtigen, auch etwas an der Situation zu ändern.
Parität wird gerne als der große Weg zur Gleichberechtigung genannt – ist das mehr Utopie als ein realistisches Ziel?
Parität ist ein notwendiges Ziel für jede funktionierende Demokratie. Ich fürchte aber, dass es noch eine lange Weile dauern wird, bis wir das auch erreichen – manche Studien gehen von fast 500 Jahren aus. Es läuft also auf einen schier endlosen Kampf hinaus, bei dem Feministinnen weder den Mut noch die Geduld verlieren dürfen.
Gleichberechtigung ist ja eigentlich ein sehr nachvollziehbares Ziel. Warum ist es überhaupt so schwierig, das System in diese Richtung zu verändern?
Der Punkt ist: Die Herrschaft des männlichen Geschlechts hat alle Epochen überdauert und sich als eine ultrastabile Gesellschaftsform erwiesen. Und wir Frauen werden ja auch entsprechend sozialisiert: Wir sollen lieb und freundlich sein, möglichst nicht auffallen und niemandem Umstände bereiten. Wenn Sie mich fragen, passt das auffallend gut mit dem Machtanspruch von Männern zusammen.

Politikwissenschaftlerin Holland-Cunz: „Die Frauenquote ist eine notwendige Maßnahme“

Aber gab es denn in den vergangenen Jahren auch positive Entwicklungen für Frauen?
Mit einem optimistischen Blick haben wir große Fortschritte in Sachen Bildung, Vereinbarkeit und Gewaltfreiheit gemacht und es sogar geschafft, dass immerhin ein Drittel der Bundestagsmandate an Frauen geht. Nüchtern betrachtet sind das allerdings nur Peanuts auf dem Weg zu echter Gleichheit.
Mittlerweile scheinen sich aber immer mehr Frauen gegen dieses System zu stellen und für mehr Teilhabe und Sichtbarkeit zu kämpfen. Teilen Sie diese Ansicht?
Tatsächlich. Ich beobachte gerade eine neue Generation von jungen Frauen, die sehr klug, engagiert und selbstbewusst sind. Während wir uns früher zwischen Familie und Beruf entscheiden mussten,  wollen junge Frauen heute zu Recht beides. Und sie sind oft auch bereit, für ihre Ziele zu kämpfen.
Starke Frauen finden sich auch an der Spitze der Klimabewegung oder in verantwortungsvollen Bereichen der Politik. Was machen die mächtigen Frauen in Deutschland anders?
Nicht wenige Frauen in Führungspositionen strahlen Ernsthaftigkeit und Ruhe aus. Nehmen Sie zum Beispiel Angela Merkel, Malu Dreyer oder Manuela Schwesig – sie alle gehen souverän mit Problemen um und sind dafür bekannt, kompromissorientiert und nicht populistisch zu agieren. Sie sind nicht eitel oder drängen ständig ins Rampenlicht, sondern hören ihrem Gegenüber genau zu und arbeiten an strukturierten Lösungen.
Trotzdem sind Frauen in Führungspositionen noch immer die Ausnahme. Die Frauenquote wird immer wieder als mögliche Lösung für dieses Problem diskutiert. Eine gute Idee?
Die Frauenquote ist eine notwendige, aber keine hinreichende Maßnahme. Ich denke nicht, dass sie quasi automatisch zu einer besseren Welt führen wird. Quoten führen aber dazu, dass Frauen endlich angemessen repräsentiert werden.

Politikwissenschaftlerin Holland-Cunz: „Die Wahl von Friedrich Merz ist nicht gerade ein Sieg für Frauen“

Der neue CDU-Chef Friedrich Merz hat angeblich versprochen, eine Frauenquote für seine Partei einzuführen. Was halten Sie von der neuen Speerspitze der Union?
Die Wahl von Friedrich Merz ist nicht gerade ein Sieg für die Frauen in der Partei, aber die lassen sich nicht so schnell unterkriegen. Die ehemalige Kanzlerin Angela Merkel hat zwar in ihren 16 Jahren nicht unbedingt große Sprünge bei der Gleichstellung erreicht, aber sie hat eine große symbolische Kraft durch ihre bloße Existenz. Es gibt mittlerweile viele starke Frauen in der CDU und ich setze jetzt einfach mal auf das rebellische Potenzial der Frauenunion.
Nicht nur in der CDU sind Frauen noch immer in der Unterzahl. Wie kann man das – abgesehen von der Frauenquote – ändern?
Es braucht zwingend menschenfreundlichere Strukturen in der Politik. Es ist schlicht nicht machbar, dass Frauen, die auf kommunaler Ebene starten am Ende Familie, Beruf und Ehrenamt unter einen Hut kriegen müssen. Und da geht Familie dann eben oft vor. Außerdem brauchen Frauen eine persönlichere Ansprache. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass sich Frauen, die direkt gefragt werden, eher engagieren als Frauen, die nur auf einen allgemeinen Aufruf reagieren. Hier können alle Parteien wesentlich mehr tun als bisher.
Woran liegt es, dass Frauen nicht von sich aus selbstbewusst das Zepter in die Hand nehmen?
Das liegt vor allem an der Tatsache, dass Frauen sich selbst häufig weniger zutrauen. Während Männer sich den Aufgaben meistens gewachsen fühlen und sich sogar überschätzen, neigen Frauen dazu, sich eher zu unterschätzen. Und da sind wir wieder beim Thema Sozialisation: Frauen lernen früh, bescheiden und demütig zu sein und müssen das erst mühsam verlernen.
Feministen werden oft als anstrengend und unangenehm empfunden, vor allem von Männern. Ist Feminismus eigentlich reine Frauensache oder ist es eigentlich ein Thema beider Geschlechter?
Als junge Frau hätte ich wahrscheinlich geantwortet, dass Feminismus ein reines Frauenthema ist. Heute sehe ich das anders: Wir brauchen männliche Mitstreiter, um irgendwann wirklich Freiheit und Gleichheit für alle erreichen zu können.

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Rubriklistenbild: © Michael Sohn

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