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Eskalation oder Kriegsende? Warum die Teilmobilmachung Putin kaum hilft

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Von: Jens Kiffmeier

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Teilmobilmachung und Drohung mit Atomkrieg: Wladimir Putin demonstriert Stärke. Doch ob den Ukraine-Krieg damit drehen kann? Experten sehen ein Ende in Sicht.

Berlin/Moskau/Kiew – Russland holt zum Gegenschlag aus, der Westen reagiert kühl: Trotz der Teilmobilmachung von 300.000 Reservisten und einer Drohung mit einem Atomkrieg sieht die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) Russland weiterhin in der Defensive. Die nächsten Wochen seien entscheidend, ob der Krieg in der Ukraine beendet werden könnte, sagte sie im ZDF. Man sei bemüht, den Druck auf Wladimir Putin aufrechtzuerhalten und so viele Menschenleben wie möglich zu retten. Tatsächlich sehen viele Militärexperten Russland am Rande einer Niederlage.

Ukraine-Krieg: Ende in Sicht? Experten halten das trotz Teilmobilmachung für möglich

Seit zwei Wochen wird immer wieder über ein baldiges Ende im Ukraine-Krieg spekuliert. Nach heftigen Verlusten und erheblichen Rückschlägen bei der Eroberung der Ostukraine reagierte Präsident Wladimir Putin aber deutlich und verkündete die Teilmobilmachung von 300.000 Reservisten, die nun an die Front im Ukraine-Krieg geschickt werden sollen. Man sei zu allem bereit und werde auch vor einem Einsatz von Atomwaffen nicht zurückschrecken, warnte er in einer Rede im Staatsfernsehen. Doch trotz der aktuellen Drohung sehen Fachleute weiterhin ein Ende in dem Konflikt in Sicht.

Ukraine-Krieg: Nach der Offensive verschiebt sich der Frontverlauf – der Überblick

Alleine die Ankündigung der Teilmobilmachung reicht demnach nicht aus für eine Kehrtwende. „Eine große Anzahl schlecht ausgebildeter und schlecht motivierter Soldaten ist kein großer Vorteil“, analysierte Rob Lee vom Foreign Policy Research Institute in der Bild und bestätigte damit auch eine Einschätzung der US-Denkfabrik „Institute of Study of War“. Die Schaffung von Kampfeinheiten über Nacht sei nahezu unmöglich, heißt es in einer Studie. Die russische Kampfkraft könne nicht schnell dadurch erhöht werden, dass gefallene Soldaten durch Reservisten ersetzt werden sollten, die jahrelang nicht gedient hätten und unmotiviert seien. Dies verlange an Ausbildern. Die jedoch seien nicht mehr so einfach verfügbar, hieß es weiter.

Baldiges Kriegsende noch 2022: Militärexperte sieht Russlands Verluste als zu hoch an

Russland hat in den vergangenen Wochen herbe Verluste hinnehmen müssen. Unbestätigte Zahlen gehen von bis zu 60.000 toten Soldaten aus. Mithilfe von westlichen Waffenlieferungen hatte die Ukraine die Truppen Putins in weiten Landesteilen zurückgedrängt. In der Folge waren Bataillone desertiert und hatten fluchtartig die Ukraine verlassen. „Es sieht übel aus für die Russen“, sagte Carlo Masala von der Bundeswehr-Universität in München der Süddeutschen Zeitung. Sollte sich Russland nicht schnell neu formieren können, sei das Kriegsende noch in diesem Jahr nicht unwahrscheinlich.

Rekrutiert er mit der Teilmobilmachung sein letztes Aufgebot vor dem Kriegsende? Russlands Präsident Wladimir Putin.
Russlands Präsident Wladimir Putin: Rekrutiert er mit der Teilmobilmachung sein letztes Aufgebot vor dem Kriegsende? © Uncredited/dpa

Ukraine-News: Personalmangel und Verluste bei Panzern lassen Krieg vielleicht zu Ende gehen

Doch die Neuaufstellung fällt Russland offenbar immer schwerer. Neben dem Mangel an Soldaten plagt die Truppe von Putin auch zunehmend ein Materialengpass. Ob Kampfpanzer, Haubitzen oder Artilleriesysteme – allein in den Tagen der erfolgreichen Gegenoffensive der Ukraine soll Russland nach Berechnungen von Forbes Kriegsgerät im Wert von 700 Milliarden US-Dollar verloren haben. Diese Verluste könne der Kreml nicht einfach ausgleichen, sagte der Militärexperte von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), Christian Mölling, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Denn dem Land würden mittlerweile große Bauteile und Eletronik fehlen – dank der Sanktionen des Westens.

Wann endet der Krieg in der Ukraine? Teilmobilmachung wird als Zeichen der Schwäche von Putin gewertet

Vor diesem Hintergrund halten die Analysten auch zunächst an ihrer Einschätzung fest, dass der Krieg in der Ukraine durchaus noch in diesem Jahr enden kann. So bewertet das britische Verteidigungsministerium, das seit Beginn des Konflikts ein tägliches Lagebild erstellt, die Drohung eines Atomschlags für einen Bluff und die Teilmobilmachung als Zeichen der russischen Schwäche. „Der Schritt ist praktisch ein Eingeständnis, dass Russland seinen Vorrat an willigen Freiwilligen für den Kampf in der Ukraine erschöpft hat“, schrieb die Behörde laut der Nachrichtenagentur dpa.

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Die Einberufungen dürften zudem sehr unbeliebt in der Bevölkerung sein, hieß es weiter. In der Hoffnung, dringend benötigte Kampfkraft zu generieren, gehe Präsident Wladimir Putin „ein beträchtliches politisches Risiko“ ein. Bereits am Mittwoch gingen Tausende Menschen in Moskau und St. Petersburg auf die Straße – trotz angedrohter Repressalien. Dass die Sicherheitsbehörden die Demonstranten gleich nach der Festnahme an die Front schicken will, dürfte in der Bevölkerung die Wut auf Putin weiter steigen lassen.

Ukraine-Krieg: In Deutschland sieht man den Krieg in der Ukraine auf ein Ende zulaufen

In Deutschland beobachtet man die Entwicklung weiterhin sehr genau. Neben Baerbock äußerte auch Oppositionschef Friedrich Merz die Hoffnung, dass ein „Kipppunkt“ in dem Ukraine-Krieg erreicht sein könnte. Es sei nicht unwahrscheinlich, dass Putin die Zustimmung im Land vermutlich nicht halten könne, sagte der Unionspolitiker zu RTL. Es sei nun wichtig, dass Deutschland diese Entwicklung unterstütze und der Ukraine mehr Panzer aus Bundeswehr-Beständen zur Verfügung stellen sollte. Nur so sei es möglich, den Krieg schnell zu beenden.

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