1. Startseite
  2. Politik

Heidi Reichinnek will als Linken-Vorsitzende „den Finger in die Wunde legen“

Erstellt:

Von: Alexander Eser-Ruperti

Kommentare

Heidi Reichinnek will die Linkspartei als Parteivorsitzende erneuern. Geht es nach ihr, war die Notwendigkeit linker Opposition selten so groß, wie aktuell.

Berlin – Die Erneuerung der Linken haben sich viele Funktionärinnen und Funktionäre der Partei derzeit auf die Fahnen geschrieben. Eine von ihnen ist Heidi Reichinnek: Die 34-jährige gebürtige Merseburgerin und Linken-Landesvorsitzende von Niedersachsen hat große Pläne. Sie will als Parteivorsitzende die Spaltung ihrer Partei überwinden, denn „die Partei braucht alle Mitglieder, es müssen alle eingebunden werden“. Zuerst einmal steht jedoch der Parteitag in Erfurt an – dort muss sie sich unter anderem gegen Janine Wissler durchsetzen. Eine Doppelsitze mit dieser hält sie nur für „wenig sinnvoll.“

Linken-Kandidatin auf Parteivorsitz: Heidi Reichinnek ist einem Flügel der Partei nur schwer zuzuordnen

Mit Heidi Reichinnek kandidiert die frauenpolitische Sprecherin der Linken-Bundestagsfraktion und Linken-Landesvorsitzende von Niedersachsen auf den Parteivorsitz. Die 34-Jährige ist die jüngste Bundestagsabgeordnete ihrer Partei, sie will für den Wandel stehen, den die Linke so dringend benötigt. Einem Flügel ist Reichinnek laut Spiegel-Informationen nur schwer zuzuordnen: Sie gilt als Vertraute der Fraktionsvorsitzenden Amira Mohamed Ali, die eher dem Flügel um Wagenknecht angehört. Zugleich gilt Reichinnek laut Spiegel allerdings auch als Teil des gemäßigten, reformerischen Flügels um Dietmar Bartsch.

Zu sehen ist Heidi Reichinnek, wie sie im Bundestag spricht. Reichinnek kandidiert auf den Parteivorsitz der Linken. (Symbolbild)
Heidi Reichinnek kandidiert auf den Parteivorsitz der Linken. (Symbolbild) © Bernd von Jutrczenka

Heidi Reichinnek im Interview: Verantwortung übernehmen und „gute Dinge“ herausholen

Zur Frage, ob ihre Partei wieder ein klareres, fundamentaler oppositionelles Profil brauche, sagte sie der Kreiszeitung kürzlich: „Es geht immer um eine Frage: haben wir in der Regierung die Möglichkeit, unsere Kernthemen umzusetzen, Erfolge zu erringen, ohne unsere Ideale zu verkaufen? Na, dann müssen wir diese Verantwortung übernehmen und gute Dinge herausholen. In Berlin wurde in der letzten Legislatur für alle Schulkinder der ÖPNV kostenlos und es gibt gratis Mittagessen an Schulen.“

Diese Erleichterungen würden Eltern um tausende Euro entlasten, so Reichinnek. „Wenn uns das nicht möglich ist, wenn wir Dinge mittragen müssen, die unseren Werten widerstreben, dann müssen wir eine kämpferische Opposition sein, die den Finger in die Wunde legt und mit Anträgen und Anfragen die Themen auf den Tisch zieht, die die anderen Parteien am liebsten ignorieren würden.“

Heidi Reichinnek über Wagenknecht: „Jeder Aufruf hat etwas Gutes“

Innerhalb der Linkspartei sind die Meinungen zu Sahra Wagenknecht gespalten. Das Lager um Wagenknecht hatte erst kürzlich einen Aufruf initiiert, der zur Erneuerung der Partei beitragen soll. Reichinnek steht nicht auf der Liste der Unterstützer – möchte sich jedoch auch nicht als Gegnerin verstanden wissen. Im Gespräch mit der Kreiszeitung sagt Reichinnek über Wagenknecht und deren Initiative: „Jeder Aufruf hat etwas Gutes – in diesem Fall gibt es auch Punkte, die ich teile, z. B. den Fokus auf Nichtwählende. Genau so gab es andere Aufrufe, bei denen ich Inhalte teile, z. B. auch mehr mit Bewegungen zu kooperieren. Ich stehe aus guten Gründen unter keinem Aufruf – denn die Partei braucht alle Mitglieder, es müssen alle eingebunden werden.“

Heidi Reichinnek Twitter: Übergewinnsteuer-Forderung und scharfe Kritik an Saskia Esken und der SPD

Zuletzt hatte es immer wieder Diskussionen über eine Übergewinnsteuer für Mineralölkonzerne gegeben, die Gewinne mit der Krise sind nur schwer vermittelbar. Innerhalb der Ampelkoalition unter Kanzler Olaf Scholz (SPD) gehen die Meinungen dazu auseinander: Während Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) einer solchen Sondersteuer offen gegenübersteht, gilt etwa Finanzminister Christian Lindner als entschiedener Gegner. Auf Twitter erklärt Heidi Reichinnek unmissverständlich, wie sie zu dem Thema steht.

Über Saskia Esken und die SPD hat die Linken-Abgeordnete dabei nur wenig Gutes zu sagen. Sie schreibt auf dem Mediendienst: „Liebe SPD, liebe Saskia Esken, bitte macht Politik statt Sharepics. In der Bundesregierung zu sein, bedeutet, Verantwortung zu tragen. Großkonzerne auf Twitter anbetteln hilft nicht. Übergewinnsteuer jetzt!“ Für ihre eigene Partei will Reichinnek indes selbst Verantwortung übernehmen – als Vorsitzende.

Heidi Reichinnek: „Wann war eine linke Partei wichtiger als jetzt?“

Die Linke befindet sich im freien Fall, Reichinnek bewirbt sich in eine Zeit des Niedergangs der Linkspartei, die Umfragewerte sind nach wie vor katastrophal. Das soll sich ändern, besonders in der aktuellen Zeit sei linke Opposition eigentlich von besonderer Bedeutung, so Reichinnek. Sie sagt: „Wann war eine linke Partei wichtiger als jetzt?“ Um wieder anschlussfähig zu werden, muss sich laut der 34-Jährigen einiges ändern, sie befindet, die Linke sei „träge“ und „selbstfixiert“ geworden.

Mit unserem Newsletter verpassen Sie nichts mehr aus ihrer Umgebung, Deutschland und der Welt – jetzt kostenlos anmelden!

Zur Bedeutung einer linken Opposition führt Reichinnek aus: „Ohne uns wäre die Opposition eine Mischung aus CDU, CSU und AfD. Ohne uns säße im Bundestag keine linke Opposition mehr. Die Inflation frisst die Löhne auf, die Regierung dealt mit Katar, beschließt ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für Aufrüstung, aber erklärt im gleichen Atemzug, für soziale Themen wäre kein Geld da. Diese angeblich progressive Regierung lässt in vielen, vielen Fällen Menschen mit kleinem Geldbeutel im Stich.“

Da müsse die Linke treiben, da müssen sie kontrollieren, sagt Reichinnek weiter. „Von links sind im Parlament nur wir Korrektiv und die Stimme aller, die sich in den Bewegungen engagieren. Und eben auch die aller, die keine Stimme haben.“ Der Parteitag in Erfurt wird zeigen, in welcher Rolle sich Heidi Reichinnek zukünftig an der Erneuerung der Linken beteiligen wird – möglicherweise als Parteivorsitzende.

Auch interessant

Kommentare