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„Ein Haufen Gesindel“: Putins Armee kämpft gegen das Ende

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Von: Jens Kiffmeier

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Zerfressen von Korruption: Putins Armee verliert im Ukraine-Krieg an Boden. Und die nächste Gegenoffensive kommt. Für Experten ist der Untergang logisch.

Moskau – Vernichtendes Urteil: Nach der erfolgreichen Gegenoffensive der Ukraine sehen Fachleute den Untergang Russlands näher kommen. So stellte der frühere Nato-Admiral James Foggo den Truppen von Präsident Wladimir Putin kürzlich ein desolates Zeugnis aus. „Das ist keine professionelle Armee da draußen“, zitierte das Handelsblatt den US-Militär, der 2018 eines der größten Manöver in der Geschichte der westlichen Militärallianz geleitet hatte. „Es sieht aus wie ein Haufen undiszipliniertes Gesindel.“ Für die Experten kommt die Entwicklung aber nicht überraschend. Dahinter steckt eher ein langer Prozess von Versagen und Korruption, an dessen Ende Russland den Preis einer Niederlage bezahlen könnte.

Ukraine-Krieg: Putins Armee nach Gegenoffensive im desolaten Zustand – Endet der Krieg noch 2022?

Tatsächlich ist Russland im Ukraine-Krieg stark in die Defensive geraten. Nach einer überraschenden Gegenoffensive erzielen die ukrainischen Truppen jeden Tag mehr und mehr Geländegewinne. Nachdem Präsident Wladimir Putin bereits zu Beginn des Feldzuges seine ursprünglichen Kriegsziele aufgeben musste, gerät jetzt auch die abgespeckte Strategie ins Wanken. Nach der gescheiterten Kiew-Eroberung und der Besetzung der kompletten Ukraine, könnte Russland auch aus den besetzten Gebieten im Donbass wieder vertrieben werden. Seit ein paar Tagen halten sich hartnäckig die Spekulationen, wonach der Krieg vielleicht noch im Jahr 2022 endet.

Ukraine-Krieg: Der Frontverlauf in der aktuellen Übersicht

Ukraine-Krieg: Armee von Wladimir Putin hat fünftgrößten Wehretat der Welt – doch Korruption hat Truppe ausgedünnt

Auf dem Papier erscheint die Armee Russlands als eine der schlagkräftigsten der Welt. Mit 61,7 Milliarden Euro verfügt die Truppe über den fünftgrößten Wehretat, wie das Stockholmer Forschungsinstitut Sipri berichtet. Jedoch werden dem Bericht zufolge zwei Drittel erst gar nicht im offiziellen Haushalt ausgewiesen. Experten gehen davon aus, dass das Geld durch Korruption in verschiedenen Taschen landet – mit verheerenden Folgen, die sich nun im Ukraine-Krieg offen zeigen: Trotz gegenteiliger Darstellung des Kreml erscheint ein Großteil des militärischen Geräts veraltet oder mit billigen Bauteilen verschraubt zu sein.

„Russlands Rüstungsindustrie ist bis heute nicht in der Lage, moderne Waffen in Serie zu produzieren“, beklagt ein Moskauer Wehrexperte, der aus Furcht vor Verfolgung nicht namentlich zitiert werden wollte, im Handelsblatt. In verlassenen russischen Panzern seien billige Funkgeräte aus China gefunden worden. Viele Bauteile seien mitunter bis zu 30 Jahre alt. Auf dem Schlachtfeld seien „zumeist Panzer und Artilleriegeschütze aus den 1960er- bis 1980er-Jahren zu sehen“, sagte der Wehrexperte. Alte Panzer sollen teilweise mit Ersatzteilen aus Küchengeräten repariert worden sein.

Steht mit seinen Truppen im Ukraine-Krieg unter Druck: Russlands Präsident Wladimir Putin.
Steht mit seinen Truppen im Ukraine-Krieg unter Druck: Russlands Präsident Wladimir Putin. © Kostiantyn Liberov/Sergei Bobylev/dpa/Montage/

Hohe Verluste und schlechte Moral im Ukraine-Krieg: Russlands Armee kämpft mit alten Kampfpanzern und Deserteuren

Neben den technischen Problemen gesellen sich auch noch moralische dazu. Die Truppenteile, die in der Ukraine zum Einsatz kommen, setzen sich aus Freiwilligen zusammen, da ohne eine Generalmobilmachung die Wehrpflichtigen offiziell nicht herangezogen werden dürfen. Doch die Söldner kommen oft aus armen russischen Teilrepubliken, die mit zunehmenden Verlusten schnell wieder desertieren. Ganze Truppen sollen fluchtartig die Region verlassen und dabei eigene Panzer zerstört haben. Geblieben sind oftmals ehemalige Strafgefangene oder Kriminelle, die zuletzt vor allem durch Kriegsverbrechen auffielen.

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Russlands Präsident Wladimir Putin stellt das mit seiner Politik zunehmend vor ein Problem. Denn bei der Suche nach Ersatz für die gefallenen Soldaten oder die vielen Deserteure ist er immer stärker auf Alternativen angewiesen. Der Kreml konzentriere sich zunehmend darauf, schlecht vorbereitete Freiwillige in irregulären improvisierten Einheiten zu rekrutieren, statt sie als Reserve oder Ersatz für reguläre russische Truppen einzusetzen, schrieben die Analysten des Institute for the Study of War (ISW) mit Sitz in Washington laut der Nachrichtenagentur dpa. Dabei würden immer stärker Strafgefangene eingesetzt, hieß es weiter.

Die Folge: Die Bildung solcher improvisierten Einheiten werde zu weiteren Spannungen, Ungleichheit und einem Mangel an Geschlossenheit unter den Truppenteilen führen. Angesichts ihrer kurzen Ausbildung verfüge Russlands Armee dann nur noch über „wenig effektive Kampfkraft“.

Ende vom Ukraine-Krieg in Sicht? Militärexperte rechnet bald mit Niederlage von Russland

Der Ukraine macht dies Hoffnung. Rückt für das geschundene Land dadurch ein Kriegsende in Sicht? Der deutsche Militärexperte Carlo Masala hält das durchaus für möglich. Es sähe „übel aus für die Russen“, prophezeite er kürzlich in der Süddeutschen Zeitung. Wenn sich Putins Truppen nicht schnell neu formiere, sei ein Ende des Krieges noch im Jahr 2022 möglich.

Ukraine-Krieg: Offensive im Donbass soll kommen – Laut Selenskyj endet der Krieg mit vollständiger Rückeroberung

Die Ukraine jedenfalls will alles daran setzen. So kündigte Präsident Wolodymyr Selenskyj eine neue Offensive auf das von russischen Truppen besetzte Gebiet an. Niemand solle sich durch die Stille täuschen lassen, verkündete er in seiner Video-Botschaft. Vielmehr sei es die Vorbereitung auf die nächste Angriffswelle im vollen Gange, deren Ziel die Rückeroberung von Mariupol, Melitopol und Cherson sei. Am Ende des Krieges werde man aber die gesamte Ukraine befreit haben, einschließlich der Krim, stellte er klar. „Denn die gesamte Ukraine muss frei sein.“  

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