Rote Rosen am Ende einer Ära

Merkel, wer hat den Farbfilm vergessen?

Mit Rosen und Farbfilm wird Angela Merkel mit einem Großen Zapfenstreich aus ihrer Kanzlerschaft verabschiedet. Dabei setzt sie auf DDR-Nostalgie. Ein Kommentar.

Berlin – Wenn am Abend die letzten Töne beim Großen Zapfenstreich verklingen werden, beginnt das offizielle Ende einer Ära: Angela Merkel (CDU), seit 16 Jahren Bundeskanzlerin und unermüdlich für Deutschland im Einsatz, zieht sich von der Spitze der deutschen Politik zurück. Zwei Wochen mehr und sie hätte die Rekordamtszeit von Helmut Kohl übertrumpft. Es waren 16 turbulente Jahre, in denen „Angie“*, wie sie seit dem Wahlkampf 2005 öfter genannt wurde, die Geschicke des Landes lenken musste. Auch wenn es nicht immer einfach war, können sich viele Deutsche ein Leben ohne Merkel an der Spitze kaum vorstellen.

Bundeskanzlerin:Angela Merkel
Geboren:17. Juli 1954 (Alter 67 Jahre), Hamburg
Größe:1,65 m
Partei:Christlich Demokratische Union Deutschlands

Die Krisenkanzlerin navigierte Deutschland mit einer ausgeprägten Unaufgeregtheit durch unruhige Fahrwasser, sei es 2008 die Finanz- und Bankenkrise oder wenige Jahre später der Ukraine-Krieg. Auch wenn sie während der Flüchtlingskrise oder der Corona-Pandemie eine andere Agenda verfolgte, jeder erinnert sich an das berühmte „Wir schaffen das*“ oder ihre Aussagen über das „alternativlose“ Vorgehen gegen das Covid-19-Virus, blieb die Kanzlerin ohne echten Skandal – ein seltenes Bild in Zeiten, in denen andere Politiker ihrer Partei wegen nicht ganz so unauffälliger Lobbyarbeit auffielen.

Rote Rosen, Farbfilm und Kirchenlied: Diese Lieder wünscht sich Merkel zum Zapfenstreich

Umso überraschender ist nun Angela Merkels Musikwahl für ihren Zapfenstreich: Nachdem sich andere Politiker mit „Smoke on the Water“ von Deep Purple oder dem Machoklassiker „My Way“ von Frank Sinatra von der großen Politikbühne verabschiedeten, studierte das Stabsmusikkorps der Bundeswehr drei Musikstücke für die Kanzlerin ein, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In Beisein von Bewaffneten, Fackelträgern und Musikern soll die Kanzlerin am Abend mit dem Schlager „Für mich soll‘s rote Rosen regnen“ von Hildegard Knef, dem Kirchenlied „Großer Gott, wir loben dich“ von Ignaz Franz und dem DDR-Klassiker „Du hast den Farbfilm vergessen“ von Nina Hagen verabschiedet werden.

Für die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) soll es rote Rosen regnen. (kreiszeitung.de-Montage)

Dass die scheidende Kanzlerin als Tochter eines Pfarrhaushaltes ein ökumenisches Kirchenlied wählt, verwundert da am wenigsten. Doch mit dem Farbfilm-Hit von 1974 rechneten wohl die wenigsten – sogar die Künstlerin glaube zunächst den Nachrichten nicht. Auch wenn der verstorbene Liedtexter Kurt Demmler inzwischen wegen seiner zweifelhaften Vergangenheit als geächtet gilt, ist Merkels Wahl wahrscheinlich eine Hommage an sich selbst: Nina Hagen besingt in dem Lied die Weite von Hiddensee, einem Sehnsuchtsziel der DDR-Bürger und Teil von Merkels Heimatwahlkreis im Nordosten der Bundesrepublik.

„Du hast den Farbfilm vergessen“: Nina Hagens Klassiker ist Hymne der DDR

Statt Farbfilm alles nur in Schwarz-Weiß: Als Kind der DDR weiß Angela Merkel um die Bedeutung und Strahlkraft des Hits. Zwar handelt das Lied auf den ersten Blick von einem idyllischen Urlaub, doch die Erinnerungen können nur in monochromen Farben festgehalten werden. Mit einer großen Portion Ironie besingt Nina Hagen in Wahrheit die Tristesse des Ostens, spielt auf das Milieu der DDR an und spricht die Sehnsucht der Bürger nach mehr Farbe im Leben aus.

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Merkels Abschied fällt in eine denkbar ungünstige Zeit. Wegen der Corona-Pandemie findet die Zeremonie ohne Empfang und mit deutlich weniger Gästen als gewöhnlich statt. Auch soll bei der 2G-Plus-Veranstaltung bereits nach 20 Minuten alles wieder vorbei sein. 20 Minuten für 16 Jahre Kanzlerschaft – eigentlich ein schlechter Deal für die jahrelangen Mühen von „Angie“. Doch eigentlich passt es auch wieder zu ihr: Merkel war noch nie ein Fan von großen Veranstaltungen – besonders nicht, wenn sie im Mittelpunkt stand.

Großer Zapfenstreich: Angela Merkel hinterlässt kein einfaches Erbe

Die Bundeskanzlerin hinterlässt kein einfaches Erbe: Ihre eigene Partei kehrt noch die Scherben nach der verlorenen Bundestagswahl zusammen, der Populismus nimmt weiter zu und Deutschland steht vor weitgreifenden Veränderungen. Die Kanzlerin galt jahrelang als Konstante, der nun unruhige Zeiten folgen könnten. Oder um es mit Hagens Worten zu sagen: „Nun glaub uns kein Mensch, wie schön‘s hier war“ – vielleicht wird man das in einigen Jahren auch über die Kanzlerschaft von Angela Merkel sagen. *kreiszeitung.de und merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Hendrik Schmidt/dpa/imago

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