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Preis für Erdgas und Öl: Ukraine-Krieg entfacht Beben – „Winter wird hart“

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Von: Jens Kiffmeier

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Explosion bei Energiekosten: Der Ukraine-Krieg lässt die Preise für Öl und Erdgas. Ein Embargo als Sanktion gegen Russland kann sich Deutschland nicht leisten.

Berlin – Klares Nein zum geforderten Embargo wegen des Ukraine-Krieges: Angesichts von schwindelerregenden Steigerungen bei den Energiekosten lehnt die Bundesregierung einen Lieferstopp von Erdgas und Erdöl aus Russland ab. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) rechtfertigte am Montag das Ausklammern dieser Sanktion gegen das Treiben von Präsident Wladimir Putin. Energie aus Russland sei von essenzieller Bedeutung für das tägliche Leben hierzulande, stellte der Kanzler klar. Leider könne die Versorgung Europas mit Energie „im Moment nicht anders gesichert werden“. Während die Ankündigung bei vielen Deutschen Bedauern und in der Ukraine für Entsetzen auslöste, sucht die Ampel-Koalition weiter händeringend nach einem Ausweg aus dem Dilemma.

Ukraine-Krieg: Wegen Explosion beim Gaspreis scheut Deutschland ein Embargo von Russland

Zuvor hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wegen des Angriffskriegs von Russland auf sein Land schärfere Sanktionen gegen Russland gefordert. Nötig ist aus Sicht der Ukraine, um den russischen Präsidenten Wladimir Putin in die Knie zu zwingen, vor allem ein vollständiger Boykott russischer Exporte und damit auch der Verzicht auf Erdöl und Erdgas. „Man kann es Embargo nennen oder auch einfach Moral, wenn man sich weigert, den Terroristen Geld zu geben“, fasste Selenskyj die Linie zusammen.

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) redet. Im Hintergrund ist eine Erdgas-Leitung zu sehen.
Will die Abhängigkeit von Russsland bei Erdgas schnell lösen: Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). (kreiszeitung.de-Montage) © Axel Heimken/Michael Kappeler/dpa

In der vergangenen Woche hatte die Europäische Union (EU) eine Reihe von Sanktionen gegen Russland, Putin und seine Oligarchen-Freunde erlassen. Aber einen Stopp von Importen von Öl und Erdgas hatte die EU gescheut. Neben des Ausschlusses Russlands aus dem Transaktionssystem Swift gilt ein Boykott im Rohstoffhandel als schärfste Waffe gegen Putin. Denn die russische Wirtschaft hängt zu einem Großteil von den Exporten ab. Umgekehrt bezieht aber auch die EU rund 40 Prozent ihres Gas- und Öl-Bedarfs aus dem Putin-Reich.

Öl, Erdgas, Benzin: Preise steigen rasant und setzen Dax unter Druck

Wie groß das Problem für Deutschland und die übrigen EU-Länder ist, konnte am Montag beobachtet werden. Bereits vor dem Ukraine-Krieg war der Preis für Erdgas und Erdöl stark unter Druck. Doch nun löst die Krise in Osteuropa zusätzliche Turbulenzen aus und ließ am Montag den Erdgaspreis auf Rekordstand steigen. Am wichtigen niederländischen Handelspunkt TTF wurde eine Megawattstunde zeitweilig für 345 Euro gehandelt, was einem Plus von rund 60 Prozent entsprach. Ähnlich dynamisch ist die Entwicklung beim Öl- und beim Spritpreis. Der deutsche Leitindex Dax geriet dadurch ordentlich auf Talfahrt.

Vor diesem Hintergrund will sich die EU unabhängiger von Russland machen. Doch das geht nicht ad hoc. Am Donnerstag will Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) ein Paket mit Maßnahmen präsentieren, mit denen in den Mitgliedsländern die alternativen Energien schneller und besser gefördert werden können.

Parallel dazu sucht Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) händeringend nach kurzfristigen Alternativen für den deutschen Markt. Das Frühjahr und den Sommer werde man mit den Energiereserven gut bestehen können, sagte der Minister im ZDF. „Aber der anstehende Winter bereitet mir noch ein bisschen Sorgen“, gestand Habeck.

Krieg in der Ukraine: Robert Habeck (Grüne) will Deutschland unabhängiger von Putin machen – zur Not mit Flüssiggas

Um einem drohenden Engpass bei einem von Präsident Wladimir Putin verhängten Lieferstopp aus Russland begegnen zu können, stellt sein Ministerium gerade alles auf den Prüfstand. Dabei gibt es offensichtlich keine Denkverbote: längere Betriebszeiten für die Atomkraftwerke in Deutschland oder Einkauf von Flüssiggas in den USA – alles ist möglich. Insbesondere das Flüssiggas hatten die Grünen in den vergangenen Jahren stark bekämpft, weil es umweltpolitisch als schmutzige Alternative gilt. Denn in den USA wird Flüssiggas mit dem umstrittenen Fracking aus dem Boden gewonnen, um es anschließend mit Tankern um die Welt zu fahren. Doch nun sollen in Deutschland nach dem Willen der Ampel-Koalition zwei LNG-Terminals gebaut werden.

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Einen anderen Ausweg gibt es offenbar nicht. Zumindest sieht ihn auch Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) nicht. Sie könne versichern, dass Habeck „mit Hochdruck“ an dem Problem arbeite, sagte sie am Sonntagabend im ZDF, wo sie sich auch über Nato-Waffenlieferungen äußerte. Doch der oftmals geforderte Öl- und Erdgas-Boykott müsse wohlüberlegt und vorbereitet sein, mahnte sie. „Ein kompletter Importstopp auf Öl, Gas, Kohle“, sagte sie, „muss auf Monate tragen.“ Ihre Zweifel, ob die Deutschen dazu wirklich bereit sind, wenn sie an der Zapfsäule über zwei Euro bezahlen sollen, behielt sie für sich. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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