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Drohende Gaskrise in Deutschland: Lindner befürchtet Stromlücke im Winter

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Von: Carolin Gehrmann

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Der Bundesfinanzminister mahnt, dass in der Krise besser mit Gas gewirtschaftet werden müsse. Weil er im Winter eine Stromlücke in Deutschland befürchtet, will er den längeren Verbleib in der Kernkraft.

Berlin – Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) sieht neben der Energie- und Gaskrise in Deutschland noch eine weitere Bedrohung in diesem Winter auf Bürgerinnen und Bürger zukommen, welche die Energiesicherheit im Land gefährden könne: eine Stromlücke. Das erklärte er am Dienstag, 26. Juli 2022, gegenüber dem Fernsehsender RTL/ntv. Während er die EU-Pläne, künftig beim Gas Einsparungen vorzunehmen, begrüßte, wies er jedoch auf die Gefahr hin, dass diese Entscheidung andere Probleme wie einen drohenden Strommangel nach sich ziehen könnte.

Gaskrise in Deutschland: Lindner begrüßt Einsparziele der EU – Probleme beim Strom

„Ja, wir müssen mit dem Gas jetzt besser wirtschaften. Das ist ein Beitrag dazu, auch länger eine krisenhafte Versorgungssituation durchhalten zu können“, sagte Lindner im Interview mit dem Sender. Als geeignete Maßnahmen, um den Gasverbrauch in Deutschland zu senken, nannte er zum einen die Optimierung der Einstellungen bei Gas-Heizungen.

Lindner: Wechsel ins Homeoffice, um öffentliche Gebäude nicht heizen zu müssen

Großes Einsparpotenzial läge aber auch in einem Wechsel ins Homeoffice über die Zeit von Weihnachten bis Neujahr in großen Behörden. Gebäude wie beispielsweise das Bundesministerium der Finanzen, so Lindner, müssten dann nicht beheizt werden. Somit könne man diese Mangellage im Energiebereich auch ohne die „teilweise etwas ulkigen Hinweise, wie etwa beim Duschen“, bewältigen, so Lindner.

Dieser Seitenhieb von Lindner war ganz klar an Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) gerichtet, der angesichts der Energiekrise die Bevölkerung darauf eingeschworen hatte, ihren Verbrauch im Alltag zu drosseln. Dabei hatte er mit dem Beispiel der morgendlichen Dusche veranschaulicht, dass er bei sich selbst bereits mit dem Sparen angefangen hatte.

Auch in einem anderen Punkt stellte sich der Bundesfinanzminister, der kürzlich auf der beliebten Ferieninsel Sylt geheiratet hatte und anschließend wegen des sogenannten Porschegates in die Schlagzeilen geraten war, mit seinen Aussagen deutlich gegen den Kurs Habecks. Der grüne Wirtschaftsminister hatte zuletzt ja immer wieder betont, dass er keine Stromkrise in Deutschland sehe. Seiner Ansicht nach drohe ausschließlich ein Mangel bei Gas und Wärme.

Abseits der Gaskrise: Lindner befürchtet Stromlücke durch elektrisches Heizen

Doch genau hier liegt laut Lindner das Problem: Russland hatte bei der Gas-Pipeline Nord Stream 1 zuletzt wegen angeblicher Reparaturen immer wieder am Hebel gedreht. Aktuell fließen nur noch 20 Prozent der möglichen Menge nach Deutschland. Wenn Russland die Gaslieferungen wirklich ganz kappt und die Menschen nicht mehr wie gewohnt mit Gas heizen können, dann könnten viele von ihnen möglicherweise auf elektrische Heizlüfter zurückgreifen.

„Wir sehen auf der anderen Seite, dass aufgrund der hohen Gaspreise Menschen veranlasst sein könnten, wieder mit Strom zu heizen und sich Heizlüfter anzuschaffen. Das könnte auf eine Stromlücke hinauslaufen, die uns möglicherweise länger als nur einige Monate beschäftigt“, erläuterte Lindner in dem Interview. Tatsächlich zeichnet sich in deutschen Baumärkten offenbar ein entsprechender Trend ab: Vielerorts seien Elektroöfen bereits vergriffen und auch Kaminholz würde sich so gut verkaufen wie sonst nie im Sommer. Das berichteten mehrere Baumarktketten auf Anfrage des WDR.

Lindner: Abschied von der Strategie nehmen, mit Gas Strom zu produzieren, bis ausreichend Solar- und Windstrom vorliegt

Eine mögliche Lösung für diesen Missstand sieht Habeck in einem Weiterbetrieb der verbliebenen deutschen Atomkraftwerke – und zwar bis 2024. „Wir werden über eine längere Zeit nicht die alte Strategie verfolgen können, mit Gas Strom zu produzieren, bis wir hinreichend viel Solar- und Windstrom haben“, führte Lindner aus. Auf Braunkohle zu setzen, sei wegen der Folgen für das Klima aber auch keine Option.

Stromlücke verhindern: Vorbehaltlose Prüfung eines möglichen Weiterbetriebs der Kernkraftwerke in Deutschland

Ein möglicher Weiterbetrieb der Kernkraftwerke müsse seiner Ansicht nach angesichts der drohenden Stromlücke vorbehaltlos geprüft werden: „Es geht nicht um viele Jahre, aber möglicherweise müssen wir uns mit dem Gedanken anfreunden, auch im Jahr 2024 etwa noch Kernenergie zu brauchen.“ Wegen der Gaskrise und einem möglichen drohenden Gasnotstand befürchten Fachleute außerdem, dass in naher Zukunft die Strompreise explodieren könnten. Ein weiteres Argument für die Befürworter eines vorübergehenden Verbleibs in der Atomkraft, dem sogenannten Streckbetrieb.

Christian Lindner bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Bruno Le Maire
Christian Lindner ist besorgt, dass Deutschland im Winter eine Stromlücke drohen könnte. (Symbolbild) © Britta Pedersen/dpa

Innerhalb der Ampelkoalition gibt es sowohl Befürworter als auch Gegner dieses Kurses. Zuletzt hatte sich die Bundesregierung jedoch einen Türspalt offengehalten, um im Notfall in der umstrittenen Technologie zu verbleiben. Das Ende der Atomkraft war bereits 2011 mit dem Atomausstiegsgesetz beschlossen worden. Die letzten drei verbliebenen Meiler in Deutschland sollen eigentlich Endes des Jahres vom Netz gehen.

Die Bundesregierung, allen voran das grün geführte Wirtschaftsministerium, war lange nicht von ihrem klaren Kurs abgewichen: Ein Weiterbetrieb der Atomkraftwerke sei ausgeschlossen. Inzwischen ist diese Politik angesichts der Gas- und Energiekrise aber aufgeweicht. Aktuell läuft ein weiterer Stresstest, der zur Grundlage in der Frage nach der Sicherheit der Energieversorgung in Deutschland werden soll. Auf die Ergebnisse will auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zunächst warten, ehe man zu einer Entscheidung komme – auch über die Atomlaufzeiten.

Umweltministerin: Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir von Ausstieg aus der Atomkraft aus

Ein Sprecher von Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) sagte jedoch noch am 26. Juli gegenüber der Tagesschau: „Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir davon aus, dass Deutschland aus der Atomkraft aussteigt.“ Die Anforderungen für einen Weiterbetrieb wären sehr hoch, zudem gebe es viele Sicherheitsfragen. Diese seien ausschlaggebend.

Parteigenossin und Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) sagte am Sonntagabend bei Anne Will jedoch: „Wenn es dazu kommt, dass wir eine wirkliche Notsituation haben, dass Krankenhäuser nicht mehr arbeiten können, wenn eine solche Notsituation eintritt, dann müssen wir darüber reden, was mit den Brennstäben ist.“ Hier besteht also auch noch innerparteilich Klärungsbedarf. Die Zeit allerdings drängt. Der Gashahn könnte von russischer Seite jederzeit zugedreht werden.

FDP: AKW-Laufzeitverlängerung ist auch eine Frage der europäischen Solidarität

Der Kurs FDP in dieser Debatte ist klar: FDP-Fraktionschef Christian Dürr sieht in der AKW-Laufzeitverlängerung der drei verbliebenen Kernkraftwerke auch eine Frage der europäischen Solidarität. „Nicht nur Deutschland steht vor einer schweren Energiekrise, sondern ganz Europa“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur dpa. Hier müsse man den europäischen Partnern womöglich auch weiterhin zur Seite stehen. Aktuell exportiert Deutschland Strom nach Frankreich, da dessen Atomkraftwerke technisch bedingt nicht in vollem Umfang laufen.

Energiekrise: Möglicherweise sogar Reaktivierung bereits stillgelegter Meiler

Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) geht sogar noch einen Schritt weiter: Er kann sich vorstellen, auch stillgelegte Atommeiler wie Grohnde, Brokdorf und Gundremmingen C zu reaktivieren. Sie waren erst Ende 2021 abgeschaltet worden. Bayern ist bei seiner Energieversorgung stärker auf Kernkraft angewiesen als andere Bundesländer

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