Stimmungsmache im Wahlkampf

Seehofer befeuert Angst vor Flüchtlingen: Experten sind entsetzt

Bis zu fünf Millionen Geflüchtete aus Afghanistan? Mit dieser Prognose hat Horst Seehofer (CSU) unter den Deutschen Panik geschürt. Experten sind entsetzt.

Berlin – Löst die Machtübernahme der radikal-islamistischen Taliban in Afghanistan eine neue Flüchtlingswelle nach Westeuropa aus? Angesichts der angelaufenen Evakuierung in Kabul ist die Sorge der Deutschen vor einem Ansturm von afghanischen Asylbewerbern jedenfalls spürbar größer geworden. So rechnen knapp zwei Drittel (62,9 Prozent) mit einer ähnlichen Situation wie im Jahr 2015. Das geht aus einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für die „Augsburger Allgemeine“ hervor. Doch Experten warnen vor Panikmache.

Deutscher Politiker:Horst Seehofer (CSU)
Geboren:4. Juli 1949 (Alter 72 Jahre), Ingolstadt
Privat:verheiratet, ein Kind
Aktuelles Amt:Bundesinnenminister

Tatsächlich haben die Taliban nach dem Abzug der internationalen Schutztruppen das Land am Hindukusch innerhalb weniger Wochen zurückerobert. Nun machen sie Jagd auf Ortskräfte, die jahrzehntelang den Westen bei ihrer militärischen und zivilen Aufbauarbeit unterstützt hatten. Die Lage ist mittlerweile chaotisch. Mit einer spät angelaufenen Rettungsaktion fliegen die USA zusammen mit ihren Verbündeten derzeit so viele Ortskräfte aus, wie es noch geht.

Lage in Afghanistan: Horst Seehofer (CSU) warnt vor fünf Millionen neuen Flüchtlingen

Wie viele Menschen es in den kommenden Tagen und Wochen aus Afghanistan herausschaffen, lässt sich kaum beziffern. Dennoch hatte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) viele Deutsche mit einer Prognose aufgeschreckt. So teilte er nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa den Fraktionschefs im Deutschen Bundestag mit, dass zwischen 300.000 bis fünf Millionen Afghaninnen und Afghanen die Flucht vor den Milizen ergreifen könnten. Einen konkreten Zeitraum nannte er demnach nicht. Unklar blieb auch, wohin der Großteil flüchten könnte. In der Vergangenheit hatten vor allem die Nachbarländer wie Iran oder Pakistan viele Flüchtlinge aufgenommen.

Warnt vor einer Flüchtlingswelle aus Afghanistan: Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU).

Mit seiner Einschätzung steht Seehofer dabei nicht alleine. Zuvor hatte auch Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) vor neuen Fluchtbewegungen gewarnt. Die Situation sei vergleichbar mit dem Jahr 2015, als wegen des syrischen Bürgerkriegs hunderttausende Menschen nach Deutschland geströmt waren, sagte der NRW-Ministerpräsident.

Bei vielen Deutschen verfehlen diese Warnungen ihre Wirkung nicht. Zwar ist es laut der Civey-Erhebung nicht überraschend, dass vor allem AfD-Wähler die größte Sorge vor einem erneuten Zustrom Geflüchteter haben. Aber auch Anhänger von Union und FDP gaben immerhin noch zu rund drei Vierteln an, eine ähnliche Flüchtlingssituation wie vor sechs Jahren zu befürchten, während unter Grünen-Wählerinnen und -Wählern das lediglich nur 38,8 Prozent so sehen. SPD-Politiker Karl Lauterbach warf Laschet deshalb bereits am Dienstag vor, die Stimmungslage für seinen Wahlkampf ausnutzen zu wollen.

Krieg in Afghanistan: Taliban machen Grenzen dicht – Forscher warnen vor Panikmache bei Asyldebatte

Migrationsforscher verurteilten das Vorgehen der Unionspolitiker ebenfalls. Dahinter stecke nichts weiter als Panikmache, kritisierte zum Beispiel Gerald Knaus. Die von Seehofer in den Raum gestellten fünf Millionen Flüchtlinge hält der Wissenschaftler jedenfalls für übertrieben. „Es ist erstaunlich, woher diese Zahl kommen könnte, die ist aus der Luft gegriffen“, sagte der Experte von der Denkfabrik „European Stability Initiative“ am Dienstagabend in der Sendung „RTL Direkt“.

Mittlerweile haben die Taliban die Grenzen zu den Nachbarländern dicht gemacht. Wie auf dieser Grundlage eine Massenflucht noch möglich sein sollte, sei ihm schleierhaft, sagte Knaus. Er warf Seehofer vor, ein „imaginäres Gespenst“ zu zeichnen, dass es in dieser Form überhaupt nicht gebe. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Rahmat Gul/dpa/picture alliance & Wolfgang Kumm/dpa/picture alliance

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