Weil die Balkanroute versperrt ist

Flüchtlingsroute über Mittelmeer „frequentiert wie nie“

mittelmeer-flucht-dpa
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Angesichts der versperrten Balkanroute versuchen immer mehr Flüchtlinge die gefährliche Überfahrt über das zentrale Mittelmeer nach Europa.

Berlin - Die Flüchtlingsroute über die Türkei und Griechenland ist weitgehend versperrt. Aber auf der gefährlicheren Bootspassage von Nordafrika nach Europa kommen immer mehr Migranten.

Immer mehr Flüchtlinge treten die gefährliche Überfahrt über das zentrale Mittelmeer nach Europa an. „Mittlerweile kommen aus Libyen 13- bis 14-mal mehr Flüchtlinge nach Italien als Migranten aus der Türkei nach Griechenland“, sagte Frontex-Chef Fabrice Leggeri den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Dienstag). „Die zentrale Mittelmeerroute ist so stark frequentiert wie noch nie.“ Die Zahl der illegalen Grenzübertritte zwischen Libyen und Italien übersteige in diesem Jahr die aller anderen illegalen Grenzübertritte in die EU.

Nach Frontex-Angaben vom Dienstag sind bis Ende Mai zwar etwa so viele Flüchtlinge über Nordafrika nach Italien gekommen wie im Vorjahr. Im Mai allerdings sei die Zahl der Ankömmlinge doppelt so hoch wie im April gewesen. „Es gibt keine Veränderungen bei den Flüchtlingsgruppen selbst“, sagte Frontex-Sprecherin Ewa Moncure. „Die Flüchtlinge, die aus Nordafrika aufbrechen, kommen aus den Staaten am Horn von Afrika, Sudan, Westafrika.“

Syrer, die verstärkt nach Nordafrika als Fluchtweg ausweichen, könnten bisher nicht beobachtet werden, sagte sie. Seit Mitte März gilt ein EU-Türkei-Flüchtlingspakt. Er sieht vor, dass alle Flüchtlinge und Migranten, die nach dem 20. März 2016 aus der Türkei zu den griechischen Inseln übergesetzt haben, in die Türkei zurückgeschickt werden können.

„Wenn die Migrationsströme aus Westafrika in Richtung Libyen anhalten, dann müssen wir mit etwa 300.000 Menschen rechnen, die in diesem Jahr aus Westafrika in die nördlichen Maghreb-Staaten fliehen, um dann weiter nach Europa zu reisen“, warnte Leggeri. Zudem entwickele sich Ägypten zum immer wichtigeren Startpunkt für Schlepperboote nach Europa. Die Odyssee von dort übers Meer sei besonders gefährlich und dauere oft länger als zehn Tage.

Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) sind in den ersten fünf Monaten mehr als 190.000 Menschen über das Mittelmeer geflohen. Davon knapp 156.000 nach Griechenland und 34.000 nach Italien. 1375 Menschen gelten als vermisst oder tot.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) warf der EU vor, durch ihre Kooperation mit den diktatorisch geführten Regierungen Äthiopiens und des Sudan die Massenflucht aus dem Horn von Afrika zu schüren. „Die EU setzt auf einen Schmusekurs mit Äthiopien und dem Sudan und ignoriert so die Fluchtursachen“, kritisierte der GfbV-Afrikareferent Ulrich Delius.

Der CDU-Europapolitiker Elmar Brok verteidigte die geplanten Flüchtlingsabkommen der EU mit Afrika, die auch ein Beitrag zur Bekämpfung von Schleppern seien. Die Alternative sei, dass Deutschland „noch ein paar Millionen Flüchtlinge aus Schwarzafrika“ aufnehme, warnte er im SWR. Er wolle verhindern, dass Menschen auf der Flucht stürben. Brok forderte, die EU müsse noch viel mehr Geld in die Hand nehmen und eine andere Handelspolitik betreiben.

Ein gesunder Junge ist an Bord eines Schiffs der italienischen Marine zur Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer zur Welt gekommen. Der kleine François Manuel an Bord der „Bettica“ geboren, wie die Marine mitteilte. Mutter und Kind seien „bei bester Gesundheit“. Die Eltern aus Kamerun waren von den Rettungskräften gerettet worden.

dpa

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UN: Wir leben in einer Ära der Vertreibung

Und nun? Ein Bootsflüchtling sitzt ratlos an der französisch-italienischen Grenze bei Menton. Foto: Sebastien Nogier
Und nun? Ein Bootsflüchtling sitzt ratlos an der französisch-italienischen Grenze bei Menton. Foto: Sebastien Nogier © Sebastien Nogier
Ein Flüchtlingsjunge aus Burundi hat Schutz unter einem Moskitonetz gesucht. Foto: Dai Kurokawa
Ein Flüchtlingsjunge aus Burundi hat Schutz unter einem Moskitonetz gesucht. Foto: Dai Kurokawa © Dai Kurokawa
Flüchtlinge in einem Schlauchboot vor der italienische Insel Lampedusa. Foto: Darrin Zammit Lupi/MOAS.EU
Flüchtlinge in einem Schlauchboot vor der italienische Insel Lampedusa. Foto: Darrin Zammit Lupi/MOAS.EU © Darrin Zammit Lupi
Zunkunft ungewiss: Noch immer campieren gestrandete Flüchtlinge an der Mittelmeerküste von Ventimiglia an der italienisch-französischen Grenze. Foto: Luca Zennaro
Zunkunft ungewiss: Noch immer campieren gestrandete Flüchtlinge an der Mittelmeerküste von Ventimiglia an der italienisch-französischen Grenze. Foto: Luca Zennaro © Luca Zennaro
Ein erschöpfter Flüchtling schläft zwischen Felsen in Italien. Foto: Luca Zennaro
Ein erschöpfter Flüchtling schläft zwischen Felsen in Italien. Foto: Luca Zennaro © Luca Zennaro
Die Zahl der Asylsuchenden steigt weiterhin an. Foto: Patrick Pleul/Archiv
Die Zahl der Asylsuchenden steigt weiterhin an. Foto: Patrick Pleul/Archiv © Patrick Pleul
Seit Wochen spielt sich in Südostasien ein ähnliches Flüchtlingsdrama ab wie im Mittelmeer. Foto: Myanmar Information Ministry
Seit Wochen spielt sich in Südostasien ein ähnliches Flüchtlingsdrama ab wie im Mittelmeer. Foto: Myanmar Information Ministry © Myanmar Information Ministry/Han
Die Bundeswehr beteiligt sich im Mittelmeer mit zwei Schiffen an der Seenotrettung. Die Soldaten haben nach Bergungsaktionen bereits mehrere Schleuserboote versenkt. Foto: Bundeswehr/PAO Mittelmeer
Die Bundeswehr beteiligt sich im Mittelmeer mit zwei Schiffen an der Seenotrettung. Die Soldaten haben nach Bergungsaktionen bereits mehrere Schleuserboote versenkt. Foto: Bundeswehr/PAO Mittelmeer © PAO/Mittelmeer
Versteck im Armaturenbrett: Mit allen Mitteln versuchen afrikanische Flüchtlinge, ihre von Bürgerkriegen zerrissenen zu verlassen. Foto: Guardia Civil
Versteck im Armaturenbrett: Mit allen Mitteln versuchen afrikanische Flüchtlinge, ihre von Bürgerkriegen zerrissenen zu verlassen. Foto: Guardia Civil © Guardia Civil
Auf dem Mittelmeer nimmt ein Schiff der italienischen Marine afrikanische Flüchtlinge auf. Foto: Alessandro Di Meo/Archiv
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In den vergangenen Tagen hat es alarmierende Berichte über Tausende von Flüchtlingen in teils nicht seetüchtigen Booten in der südostasiatischen See gegeben. Foto: Stringer
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