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Leitzinserhöhung der EZB: Bedeutung und Auswirkungen in Deutschland

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Von: Carolin Gehrmann

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Die hohe Inflationsrate im Euroraum fordert die Europäische Zentralbank zum Handeln. Ihre Entscheidung, die Leitzinsen nach langer Zeit wieder zu erhöhen, fiel deutlicher aus als erwartet. Mit welchen Auswirkungen zu rechnen ist.

Frankfurt a. M. – Der Kurs der Europäischen Zentralbank ist klar: 2022 steht ganz unter dem Zeichen der Inflationsbekämpfung. Deshalb hat die EZB die Leitzinsen nach elf Jahren der Niedrigzinspolitik wieder erhöht – eine Zeitenwende in der Geldpolitik in der Europäischen Währungsunion. Angesichts einer aktuellen Inflationsrate von 8,6 Prozent im Euroraum wie zuletzt hatte sie auch keine andere Wahl.

EZB: Zinserhöhung 2022 – Die aktuelle Inflationsrate hatte Handeln der Notenbank erfordert.

Nach der Ankündigung im Juni, die Zinswende einleiten zu wollen, hat der EZB-Rat am Donnerstag, den 21. Juli, seine Entscheidung verkündet, die Leitzinsen um 0,5 Prozentpunkte anzuheben. Viele Ökonomen hatten laut der Nachrichtenagentur Reuters nicht mit einem so deutlichen Schritt gerechnet, jedoch gleichzeitig darauf gedrängt, dass ein größerer Schritt nötig sei, um die Inflationsrate in Deutschland in Richtung der „gesunden“ zwei Prozent, die die Notenbank anstrebt.

Die EZB-Ökonomen selbst haben ihre Inflationsprognose in Deutschland für das Jahr 2022 inzwischen auf 7,3 Prozent erhöht, wie das Handelsblatt schreibt. Im April hatten sie noch eine erwartete Teuerungsrate von 6 Prozent angegeben. Die Europäische Zentralbank steht im Gegensatz zu anderen Notenbanken unter besonderem Druck, bei der Zinspolitik das richtige Maß zu finden. Der Grund: Innerhalb der Eurozone gibt es zwar eine gemeinsame Währung, aber die Wirtschaftskraft der einzelnen Mitgliedsstaaten ist teils sehr unterschiedlich.

Die Sorge der Währungshüter: Erhöhen sie die Leitzinsen zu stark, könnten die wirtschaftlich schwächeren Staaten zu stark darunter leiden. Ihre Wirtschaft und das Bankensystem könnte zusammenbrechen und damit der Euro als gesamte Währung. Dieses Szenario muss um jeden Preis vermieden werden.

Da die Inflation aber derzeit in Höhen klettert, die man so nicht erwartet hatte – in Estland liegt sie bei rund 20 Prozent, in Spanien und Griechenland hat sie auch schon den zweistelligen Bereich überschritten – ist man dieses Risiko bewusst eingegangen und hat die Leitzinsen erhöht. Und das hat auch Auswirkungen auf den Alltag der Menschen.

EZB - Christine Lagarde
Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), muss mit der Erhöhung der Leitzinsen allen Länder des Euroraums gerecht werden. © Daniel Roland/AFP Pool /dpa

EZB erhöht Leitzinsen: Welcher Zins betrifft Banken und welcher Privatpersonen?

Wichtig zu wissen ist, dass es nicht nur den einen Leitzins gibt, wie viele glauben, sondern die Erhöhung umfasst gleich drei verschiedenen Zinsinstrumente, welche die EZB in der Hand hat. Diese Zinsen betreffen jeweils unterschiedliche Bereiche der Volkswirtschaft und wirken daher auch ganz unterschiedlich und an anderer Stelle. Aber welcher Zins greift eigentlich direkt bei Privatpersonen und welcher bei Banken – was dann indirekt natürlich auch wieder Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft hat.

Im Grunde hat die EZB also gleich über drei Zinstypen entschieden. Welche sind das im Einzelnen?

Leitzins: Welche Bedeutung hat die Erhöhung? Hauptrefinanzierungsfazilität hat direkte Auswirkungen auf Kredite.

Wenn vom Leitzins gesprochen wird, meinen die meisten die sogenannte Hauptrefinanzierungsfazilität. Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 lag er bei null Prozent. Im Juli haben die Währungshüter der EZB diesen Zins nun deutlich erhöht: von null auf 0,5 Prozent. Er legt fest, wie hoch der Zinssatz ist, zu dem sich Banken über einen längeren Zeitraum Geld von der EZB leihen können. Sich frisches Geld zu beschaffen wird für Geschäftsbanken nun also wieder teurer, nachdem es lange Zeit kostenfrei für sie war.

Das könnte sich wiederum auf Kredite von Privatpersonen und Unternehmen auswirken, die sich bei einer Bank Geld leihen wollen, da die Banken die gestiegenen Kosten in der Regel direkt an ihre Kunden weitergeben. Dies ist von der EZB nicht nur mit einkalkuliert, sondern ausdrücklich erwünscht, weil sie über diesen Hebel erreichen will, dass die Nachfrage sinkt und Anbieter so weniger Spielraum haben, die Preisschraube weiter nach oben zu drehen.

Der Hauptrefinanzierungsfazilität kommt also im Kampf gegen die Inflation eine entscheidende Rolle zu: Sie dient letztlich auf direktem Weg dazu, die Geldentwertung zu stoppen. Deshalb steht sie auch meist im Fokus der Medien, wenn es um Entscheidungen der EZB geht.

Vor allem, weil er auch direkt mitbestimmt, wie teuer Kredite für das Haus im Grünen oder Eigentumswohnungen für Privatpersonen werden. Hier ist in der nächsten Zeit also mit höheren Gebühren zu rechnen.

Was bedeutet die Zinserhöhung der EZB für die Märkte? Spitzenrefinanzierungssatz jetzt bei 0,75 Prozent.

Das zweite wichtige Instrument der EZB ist der Spitzenrefinanzierungssatz. Er legt die Kosten fest, zu denen sich Banken sehr kurzfristig Geld von der EZB leihen können, zum Beispiel über Nacht. Er lag seit März 2016 bei 0,25 Prozent und wurde nun ebenfalls um 0,5 Prozentpunkte angehoben. Damit ist er jetzt auf dem Stand von 0,75 Prozent.

Die Notenbank regelt über dieses Instrument, wie die Geschäftsbanken kurzfristig mit liquiden Mitteln ausgestattet sind. Wenn der Satz niedrig ist, erhöht sich tendenziell die Geldmenge in den Märkten, Nachfrage und Geldumlaufgeschwindigkeit ziehen an, die Inflation nimmt zu. Ist der Satz hingegen höher, so wie jetzt, kehrt sich das Ganze um. Die Inflation wird dementsprechend abgebremst – so das Kalkül der Währungshüter um EZB-Chefin Christine Lagarde.

Zinserhöhung der EZB: Auswirkungen und Folgen der Entscheidung. Einlagefazilität nicht mehr im Minusbereich

Die sogenannte Einlagefazilität ist das dritte zinspolitische Instrument, auf das die jetzige Erhöhung greift. Sie stellt das Pendant zur Spitzenrefinanzierungsfazilität dar und legt fest, wie viele Zinsen darauf entfallen, dass Banken ihr überschüssiges Geld über Nacht bei der EZB „parken“. Seit 2019 betrug dieser Satz minus 0,5 Prozent. Wenn er im positiven Bereich liegt, erhalten Banken für diese Übernacht-Anlage Geld. Wenn er negativ ist, so wie zuletzt der Fall, dann mussten Banken dafür bezahlen, sie wurden also sozusagen von der EZB bestraft, weil sie ihr überschüssiges Geld nicht in Form von Krediten an Privatpersonen oder Unternehmen weitergegeben haben.

Nach der Erhöhung der Leitzinsen um 0,5 Prozent liegt die Einlagefazilität nun also bei null und fällt damit ganz weg. Die Zeit der Minuszinsen für Übernachtanlagen ist damit vorbei. Das gilt auch für Sparer: Für Bankguthaben auf Girokonten dürften eigentlich keine sogenannten „Verwahrentgelte“ oder „Strafzinsen“ mehr anfallen, wie es zuletzt bei vielen Geldinstituten Usus war. Die Banken hatten den negativen Einlagezins nämlich häufig an ihre Kunden weitergegeben.

Einlagezins fällt durch EZB-Leitzinserhöhung weg. Sparer müssen für Bankguthaben keine Verwahrentgelte mehr zahlen.

Dieser Wegfall dieser für viele Kunden leidigen Gebühr dürfte aber insgesamt nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein angesichts der galoppierenden Inflation. Selbst wenn Sparen in Zukunft wieder etwas lukrativer wird – umgerechnet bleibt den meisten am Ende trotzdem weniger, weil das Geld immer stärker an Wert verliert, selbst wenn nominal vielleicht ein höherer Betrag dasteht.

Erhöhung der Leitzinsen – die drei Zinstypen im Überblick:

1. Hauptrefinanzierungsfazilität: Zinssatz, zu dem sich Banken längerfristige Kredite bei der EZB aufnehmen können. Von null Prozent auf aktuell 0,5 Prozent angehoben. Kredite werden teurer, die Nachfrage sinkt und damit auch die Preise. Das Inflationsgeschehen beruhigt sich.

2. Spitzenrefinanzierungssatz: Zinssatz, zu dem sich Banken kurzfristig Geld von der EZB leihen können, etwa über Nacht. Aktuell auf dem Stand von 0,75 Prozent (angehoben von 0,25). Bei niedrigem Satz ist die Geldmenge in den Märkten hoch und damit auch die Nachfrage. Die Inflation nimmt Fahrt auf.

3. Einlagefazilität: Gebühr bzw. Zins, den Banken zahlen müssen, wenn sie ihre überschüssigen liquiden Mittel bei der EZB „parken“. Wird in der Regel über „Verwahrentgelt“ für Bankguthaben an die Bankkunden weitergegeben. Dieser liegt nun bei null Prozent (vorher minus 0,5 Prozent). Die Gebühren fallen für Sparer künftig weg.

EZB Leitzinserhöhung hat auch Auswirkungen auf den Haushalt und den Wohnungsbau.

Da die Erhöhung der Leitzinsen über die hier vorgestellte Hauptrefinanzierungsfazilität die Kosten für Kredite bestimmt, hat sie nicht nur Auswirkungen darauf, wie teuer in Zukunft die Finanzierung von Wohnungen wird, die als Privateigentum genutzt werden. Nein, dadurch dass auch die Bauzinsen in Folge der Entscheidung steigen werden, wird das auch den kommunalen Wohnungsbau teurer machen, wie tagesschau.de berichtet.

Damit sind indirekt also auch Menschen betroffen, die gar nicht mit dem Gedanken spielen, sich eine Immobilie anzuschaffen, sondern darüber hinaus auch diejenigen, die zur Miete leben wollen oder müssen. Oliver Wittke, der Hauptgeschäftsführer des Zentralen Immobilienausschusses, sagte in diesem Zusammenhang, dies sei ein Rückschlag „in dem Bestreben, mehr bezahlbaren Wohnraum in Deutschland zu schaffen.“

Auch für den Bundeshaushalt sieht es nun wesentlich schlechter aus: Trotz steigender Schulden war die Zinslast aufgrund der Niedrigzinspolitik über lange Zeit gering. Der Bundesfinanzminister Christian Lindner sprach im Zuge der EZB-Entscheidung nun von einer „Steilwand“, die sich vor dem Bundeshaushalt aufbaue, wie tagesschau.de schreibt.

Die Europäische Zentralbank hatte ihr Vorgehen seit längerem angekündigt. Dass die Entscheidung nun deutlicher ausfiel als erwartet, kam zwar überraschend, es hatte sich jedoch abgezeichnet. Für die restlichen Monate des Jahres 2022 ist mit weiteren schrittweisen Zinserhöhungen vonseiten der Notenbank zu rechnen. Dieses hatte sie im Juni nach ihrer Sondersitzung angekündigt.

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