Bundesländer warten

Evakuierung in Afghanistan: Niedersachsen und Bremen stehen in den Startlöchern

Verzweiflung in Afghanistan: Massenhaft fliehen Menschen vor den Taliban. Die Evakuierung läuft. Bremen und Niedersachsen machen sich bereit für einen Ansturm.

Berlin/Kabul – Panik und Todesangst in Kabul: Die Machtübernahme der radikal-islamistischen Taliban hat in Afghanistan eine Flüchtlingswelle ausgelöst. Tausende Menschen, darunter Botschaftsangehörige und Ortskräfte, stürmten den Flughafen in der afghanischen Hauptstadt. Dabei kam es zu Tumulten.

Land am Hindukusch:Afghanistan
Bevölkerung:38,04 Millionen (2019)
Fläche:652.860 km²
Hauptstadt:Kabul

Dies seien die „bittersten Stunden“ für das Land am Hindukusch, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und versprach eine unbürokratische Hilfe für die Flüchtlinge. In Niedersachsen und auch in Bremen zeigte man sich auf Anfrage von kreizeitung.de offen für die Aufnahme von Geflüchteten.

Angesichts der dramatischen Situation in Afghanistan sei jetzt nicht die Zeit, über Verteilungsschlüssel zwischen den Ländern zu sprechen, sagte Bremens Integrationssenatorin Anja Stahmann (Grüne) der Nachrichtenagentur dpa. „Jetzt geht es um die Rettung von Menschen, die in Lebensgefahr sind, weil sie uns vor Ort unterstützt haben. Dazu sind wir auch moralisch verpflichtet.“

Lage in Afghanistan: Evakuierung der Ortskräfte läuft nach Taliban-Machtergreifung an

Zuvor hatte sich die Lage in Afghanistan in der Nacht von Sonntag auf Montag dramatisch zugespitzt. So bauten die USA zusammen mit ihren westlichen Verbündeten eine Luftbrücke zwischen Kabul und den Anrainerländern auf, um Botschaftspersonal, internationale Hilfskräfte und Ortskräfte aus dem Bürgerkriegsland herauszufliegen. Auch die Bundeswehr schickte mehrere Einheiten zur Unterstützung. Am Morgen waren unter anderem Fallschirmjäger und zwei Transportflugzeuge vom Fliegerhorst im niedersächsischen Wunstorf aufgebrochen.

Flucht aus Afghanistan: Wer kann, versucht am Flughafen in Kabul noch ein Flugzeug zu ergattern.

Unterdessen spielten sich dramatische Szenen am Flughafen in der afghanischen Hauptstadt ab. Tausende Afghaninnen und Afghanen stürmten die Rollfelder und klammerten sich verzweifelt an die startenden Maschinen*. Unter den Flüchtlingen befinden sich viele Ortskräfte, die jahrelang den internationalen ISAF-Einsatz unterstützt haben und die nun die Racheaktionen der radikal-islamistischen Milizen fürchten müssen.

Nach Angaben von Merkel identifizierte die Bundesregierung bereits vor Monaten rund 2500 Ortskräfte, die für Deutschland tätig gewesen sein sollen. Bei 600 davon wisse man derzeit aber nicht, ob sie bereits in Drittstaaten seien. Weitere 2000 Menschen habe die Bundesregierung erfasst, die ebenfalls ausreisen sollten, wie etwa Menschenrechtler und Anwälte. Insgesamt rechne man mit bis zu 10.000 Menschen, so die Kanzlerin, da zu den Ortskräften auch ihre Familienmitglieder hinzugerechnet werden müssten.

Aufnahme von Flüchtlingen: Niedersachsen und Bremen rüsten sich gegen Ansturm

Für Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) steht eine Hilfe außer Frage. Diese Menschen befänden sich in „akuter Lebensgefahr“, twitterte der Sozialdemokrat und warf Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) zu spätes Eingreifen vor. Es sei ein „unwürdiges, gefährliches Ende eines langen, wichtigen Einsatzes“, schrieb er. Bereits bei der vergangenen Innenministerkonferenz hatte der Niedersachse auf stärkere und schnellere Hilfen für die Ortskräfte gedrungen.

Wie das niedersächsische Innenministerium auf Anfrage von kreiszeitung.de mitteilte, wurden in Niedersachsen in diesem Jahr bereits 80 Ortskräfte mit ihren Familienangehörigen aufgenommen, insgesamt habe es sich um 405 Personen gehandelt (Stand: 12. August 2021). 63 weitere Ortskräfte würden noch erwartet. Zudem hatte das Bundesinnenministerium Ende Juli noch mit 3000 Menschen gerechnet, die sich noch in Afghanistan befanden, grundsätzlich zur Ausreise berechtigt waren und über den Königssteiner Schlüssel auf die Bundesländer verteilt werden sollten. Inwieweit diese Zahlen noch stimmen, war am Montag jedoch unklar.

Schlechte News aus Afghanistan: Kritik an Bundesregierung – Kommt Hilfe per Flugzeug zu spät?

Das Bundesinnenministerium, das erst Ende der vergangenen Woche zögerlich die Abschiebung von Afghaninnen und Afghanen zurück an den Hindukusch gestoppt hatte, sicherte nun am Montag unkomplizierte Hilfe zu. Menschen, die angesichts der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan evakuiert werden, sollen nach dem Willen der Bundesregierung auch nach Deutschland weiterreisen dürfen. Dafür sollen zur Not die benötigten Visa auch erst nach der Ankunft in Deutschland ausgestellt werden, teilte eine Sprecherin von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) mit.

Aus Sicht der Linkspartei kommt diese Einsicht aber viel zu spät. Ähnlich wie Bremens Integrationsministerin warf auch Linken-Parteichefin Susanne Hennig-Wellsow der Bundesregierung Tatenlosigkeit vor und zu spät nach dem Nato-Truppen-Abzug reagiert zu haben. „An die Bundesregierung: Holt jetzt die Leute raus!“, schrieb die Politikerin erbost bei Twitter. Nur so könne sie noch eine humanitäre Katastrophe abwenden. Auch ein ehemaliger Nato-Soldat zeigte sich angesichts der aktuellen Lage in Afghanistan fassungslos. * kreiszeitung.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © dpa/picture-alliance

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