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Teuer-Schock im Supermarkt: Ärmere Deutsche verkneifen sich Mahlzeiten

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Von: Jens Kiffmeier

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Die Lebensmittelpreise explodieren: Trotz Entlastungspaket 2022 trifft der Teuer-Schock viele Deutsche. Ärmere verzichten schon aufs Essen. Was kann man tun?

Berlin – Billiges Toast statt teures Rinder-Steak: Wegen der explodierenden Lebensmittelpreise schnallen viele Deutsche offenbar den Gürtel enger – und sparen beim Essen. So sollen 16 Prozent der Bürgerinnen und Bürger sogar auf eine reguläre Mahlzeit am Tag verzichten, wie aus einer Insa-Umfrage hervorgeht. Das ist jeder Sechste. Sozialverbände schlagen deswegen Alarm und fordern ein neues Entlastungspaket. Kommt jetzt die Senkung der Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse? Die Ampel-Koalition zögert noch.

Trotz Entlastungspakets 2022: Lebensmittelpreise explodieren in Deutschland – Inflation sorgt für Preisauftrieb

Doch der Handlungsdruck in der Politik ist groß. Denn die Inflation liegt mit 7,9 Prozent auf Rekordniveau. Einen ähnlich hohen Preisauftrieb verzeichneten die Statistiker zuletzt im Jahr 1974. In Folge der aktuellen Verteuerung explodieren vor allem die Lebensmittelpreise. So stiegen die Preise für Nahrungsmittel innerhalb eines Jahres um mehr als elf Prozent – trotz des beschlossenen Entlastungspakets 2022.

Aufgrund der hohen Lebensmittelpreise müssen viele Deutsche den sprichwörtlichen Gürtel enger schnallen
Aufgrund der hohen Lebensmittelpreise müssen viele Deutsche den sprichwörtlichen Gürtel enger schnallen. © imago

Das trifft vor allem die ärmeren Schichten in Deutschland. Wie die Bild-Zeitung unter Berufung auf die Insa-Umfrage berichtet, verzichten vorwiegend Haushalte mit einem Nettoeinkommen von unter 1000 Euro auf eine Mahlzeit am Tag. Unter allen Befragten ändern die Deutschen zudem ihr Einkaufverhalten. So gehen 41 Prozent bereits in günstigeren Supermärkten einkaufen, während 42 Prozent etwa durch einen Verzicht auf Fleisch und Fisch sparsamer kochen.

Wieso steigen die Lebensmittelpreise? Ukraine-Krieg macht die Produktion wegen Energiekosten teuer

Doch wieso steigen die Lebensmittelpreise überhaupt? Schuld sind vor allem die Energiekosten. Nachdem die Preise für Benzin, Diesel, Strom und Gas schon unter Druck standen, befeuerte der Ukraine-Krieg den Preisschub zusätzlich. Weil die Beschaffung von Energie, Rohstoffen und anderen Vorprodukten teurer und komplizierter wird, verteuert sich auch die Produktion der Lebensmittel. Die Erzeuger geben das Plus dann an die Verbraucher weiter. Hinzu kommt, dass einige Waren wie Weizen oder Sonnenblumenöl zu einem Großteil in der Ukraine produziert wird und knapper wird.

Steigende Lebensmittelpreise in Deutschland: Landwirtschaftsminister Cem Özdemir sucht Antworten

Experten rechnen durchaus noch mit weiteren Preissteigerungen bei den Lebensmitteln. Landwirtschaftsminister Cem Özedemir reiste deswegen am Freitag zu Gesprächen in die Ukraine. Bei einem Treffen mit seinem Amtskollegen wollte er ausloten, um blockierte Getreideexporte, die wegen einer Seeblockade durch Russland nicht ausgeliefert werden können, über alternative Landrouten durch die Bahn transportiert werden könnten. Doch ob diese Maßnahme ausreicht, bleibt abzuwarten. Denn die Preise stiegen kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs bei den Lebensmitteln in allen Segmenten, wie diese Übersicht des Nachrichtensenders n-tv aus dem März 2022 zeigt:

Welche Lebensmittel werden 2022 teurer? Liste zeigt Überblick über die Produkte

Hohe Preise bei Lebensmittel: Verbände fordern neues Entlastungspaket – Kommt die Senkung der Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse?

Doch was kann man tun? Der Sozialverband VdK hat in dieser Hinsicht eine klare Meinung. So forderte Präsidentin Verena Bentele von der Bundesregierung ein weiteres Entlastungspaket. „Die Zahlen zeigen, dass die Menschen extrem unter den gestiegenen Preisen leiden“, warnte sie im Gespräch mit der Bild. Es sei jetzt wichtig, die Mehrwertsteuer für Obst und Gemüse zu senken und mehr Menschen die bereits beschlossene Energiepauschale von 300 Euro zu zahlen. Als Beispiel nannte sie Rentnerinnen und Rentner, aber auch pflegende Angehörige. „Denn sie alle leiden massiv unter den Preissteigerungen.“

Die Energiepauschale ist Teil des Entlastungspakets 2022, das die Ampel-Koalition als eine erste Reaktion auf die Energiepreise auf den Weg gebracht hat. Ab September sollen 300 Euro an jeden steuerpflichtigen Erwerbstätigen ausgezahlt werden. Rentner und Pensionäre sind aber bislang aber nicht vorgesehen – sehr zu ihrem Verdruss, weswegen eine Rentnerin bereits klagen will. Jedoch argumentierte die Regierung bislang damit, dass die Ruheständler von einer kräftigen Rentenerhöhung zum Juli profitieren und ihnen auch die anderen Maßnahmen des Entlastungspakets zugutekommt.

Drittes Entlastungspaket: Ampel-Koalition ringt mit weiteren Zuschüssen – FDP stellt sich quer

Doch es ist gut möglich, dass der Kindergeldbonus, der Tankrabatt, der Hartz-IV-Zuschuss sowie die besagte Energiepauschale aus dem Entlastungspaket 2022 nicht ausreichen könnte. In der Politik sickert mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass eventuell sogar ein drittes Entlastungspaket nötig werden könnte. Das hatte zuletzt SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich erkennen lassen. Und auch Landwirtschaftsminister Cem Özdemir hat bereits seine Sympathie für eine mögliche Mehrwertsteuersenkung auf Obst und Gemüse gezeigt.

Doch innerhalb der Ampel-Koalition stoßen SPD und Grüne noch auf Bedenken. Denn die FDP ist von dem Vorgehen nicht überzeugt. Man könne auf Dauer nicht die Inflation einfangen, in dem man immer wieder Entlastungspakete schnüre und mit der Gießkanne über die Deutschen verteilte, maulte Finanzminister Christian Lindner. Der Liberale plädiert stattdessen für eine Reform der Einkommenssteuer, damit die Bürgerinnen und Bürger dauerhaft mehr Geld in der Tasche hätten. Doch das lässt sich nicht von heute auf morgen realisieren. Und den Bedürftigen, die auf ihr Essen verzichten, hilft das momentan herzlich wenig.

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