1. Startseite
  2. Politik

Putsch gegen Putin: „Im Kreml wächst die Unruhe“

Erstellt:

Von: Jens Kiffmeier

Kommentare

Exil-Russen sind sich sicher: Der Putsch gegen Wladimir Putin wegen des Ukraine-Kriegs wird kommen. Doch wer wagt es? Viele Gegner sind tot oder im Gefängnis.

Moskau – Hohe Verluste, internationale Isolation, wirtschaftliche Flaute: Die Invasion Russlands in der Ukraine entpuppt sich für Präsident Wladimir Putin zu einem Desaster. Im Westen und bei russischen Oppositionellen wächst deswegen die Hoffnung auf einen Sturz des Kremlherrschers. „Die Entmachtung wird kommen“, sagte jetzt Kremlkritiker Leonid Wolkow in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschlands (RND). Insbesondere im inneren Machtzirkel der politischen und wirtschaftlichen Elite sei die „Unruhe“ mittlerweile enorm groß.

Jedoch bleibt die Frage: Wer soll den Putsch gegen Putin wagen? Denn zuletzt verschwanden auffällig viele erfolglose Generäle und aufmüpfige Oligarchen von der Bildfläche.

Wladimir Putin: Putsch in Russland möglich? Präsident gerät wegen Ukraine-Krieg in Bedrängnis

Seit 58 Tagen steckt Russland im Krieg mit der Ukraine fest. Die von Präsident Wladimir Putin geplante schnelle Invasion klappte dabei nicht. Trotz eines militärischen Großangriffs stieß die Armee auf einen erheblichen Widerstand. Mittlerweile musste Russland seine ursprünglichen Kriegsziele korrigieren. Zuletzt wurden die Truppen auf die Kämpfe in der Ostukraine konzentriert. Doch ob Putin, wie immer wieder kolportiert wird, am 9. Mai 2022 den Sieg über das Nachbarland verkünden kann, gilt in westlichen Militärkreisen eher als zweifelhaft – weswegen bei Militärs und Oligarchen der Widerstand gegen Putin wächst.

Russlands Präsident Wladimir Putin schaut besorgt. Die Rückschläge im Ukraine-Krieg erhöhen die Gefahr für einen Putsch.
Muss einen Putsch wegen des Ukraine-Krieges fürchten: Russlands Präsident Wladimir Putin. © Mikhail Tereshchenko/dpa

Nach Ansicht von Wolkow, der ein Vertrauter des inhaftierten Kremlkritikers Alexej Nawalny ist, war ein Großteil der politischen und wirtschaftlichen Elite gegen den Ukraine-Krieg. Viele seien „regelrecht geschockt“ gewesen, als Putin den Einmarsch angeordnet habe, sagte der Oppositionelle zum RND. Zwar hätten diese inneren Zirkel im Kreml anfangs stillgehalten, jedoch erwiesen sich Putins Pläne mehr und mehr als „irreal“. Zusätzlich schnürten die vom Westen erlassenen Sanktionen Russlands Wirtschaft ab. Dieses alles zusammen entfalte einen enormen „Druck auf Putin, der ihn früher oder später das Amt kosten werde“, so Wolkow.

Putsch gegen Putin: Tot oder verhaftet – Kremlherrscher macht unliebsame Generäle und Oligarchen mundtot

Doch noch regiert Putin mit eiserner Hand – und zwar nach innen und außen. Während er dem Ausland bereits mit einem Einsatz von Atomwaffen drohte, lässt er innerhalb Russlands jeden verhaften, der im Zusammenhang des blutigen Ukraine-Russland-Konfliktes von „Krieg“ spricht. Und auch gegen die eigenen Minister und Generäle geht der Kremlherrscher mutmaßlich vor.

Bestes Beispiel: Verteidigungsminister Sergei Schoigu. Nach den ersten Rückschlägen in dem Feldzug war er plötzlich verschwunden. Gerüchte um seinen Gesundheitszustand machten die Runde. Dann tauchten ein paar wackelige Videoaufnahmen auf, in denen der Minister sich zur Ukraine äußerte. Aber ein Beweis für seine vollkommene Unversehrtheit war das nicht.

Die Rache von Putin bekam zudem auch der Chef der berüchtigten Geheimdienst-Abteilung, Sergej Beseda, zu spüren. Wie die Bild-Zeitung berichtete, wird ihm inoffiziell das Desaster in der Ukraine angekreidet. Zu schlecht sei der Feldzug vorbereitet gewesen, weswegen Beseda jetzt im berüchtigten Gefängnis Lefortowo in Moskau sitze. Offizieller Vorwurf: Unterschlagung. Und auch General Roman Gawrilow, Vize-Chef der russischen Nationalgarde, wurde bereits festgenommen. Hierzu gibt es aber keine öffentliche Anklage – nur wilde Spekulationen.

Ukraine-Krieg: Sanktionen gegen Wladimir Putin und Russland zeigen Wirkung

Fest steht aber: Der Machtapparat um Präsident Putin ist in Aufruhr. Vor allem der ökonomische Druck ist hoch. Viele Unterstützer Putins sind in den vergangenen Jahrzehnten im Windschatten des Kremlherrschers dank Korruption und Unterdrückung zu enormen Reichtum gekommen. Doch mit den gewaltigen Sanktionen der USA und der Europäischen Union, die Russland vom internationalen Wirtschafts- und Finanzmarkt mehr und mehr abschneiden, gerät das alte Gebilde in Schieflage.

In der Welt von Wlaidmir Putins Oligarchen ist seit dem 24. Februar jetzt auch nichts mehr so, wie es mal war. Vermögen werden eingefroren, Yachten beschlagnahmt – und die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Dabei nehmen die internen Rivalitäten und Verteilungskämpfe zu. Für Rätselraten sorgen dabei auch die Fälle des ehemaligen Vizepräsidenten der Gazprombank, Vladislav Avayev, und des Geschäftsmanns Sergey Protosenya, der bis 2016 Hauptbuchhalter und Vorstandsmitglied des größten russischen privaten Energiekonzerns Novatek mit Sitz in Westsibirien war. Die beiden Oligarchen wurden jetzt zusammen mit ihren engsten Familienmitgliedern tot aufgefunden.

Putsch im Kreml: Oligarchen und Eliten in Russland wegen Ukraine-Krieg in Aufruhr

Befahl Putin etwa Auftragsmorde? Solche Spekulationen sind in diesen Tagen schnell bei der Hand. Kenner der Moskauer Wirtschaftselite halten das aber für falsch, wie die Berliner Zeitung berichtete. Innerhalb der Moskauer Geschäftswelt herrsche eine Clan-Kriminalität, die nun unter dem Druck der wirtschaftlichen Sanktionen eskaliere. „Dies sind eben Anzeichen für die Zersetzung einiger Teile der Elite“, wird ein Insider in dem Bericht zitiert.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Unruhe in der Moskauer Elite ein gefährliches Gemisch zu sein. Denn am Ende könnte es sehr entscheidend sein, wer das entstehende Machtvakuum für einen Putschversuch nutzt?

Mit unserem Newsletter verpassen Sie nichts mehr aus ihrer Umgebung, Deutschland und der Welt – jetzt kostenlos anmelden!

So oder so: Kremlkritiker Wolkow setzt voll auf die innere Gegnerschaft. Denn einen Putsch von unten, quasi von der Straße, wird es aus seiner Sicht nicht geben. Ein Sturz durch Massendemonstrationen? „Das ist naiv“, sagte er dem RND. Solche Szenarien seien die reinsten Wunschvorstellungen des Westens.

 

Auch interessant

Kommentare