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Ukraine-Krieg: Putin greift an – und die Russen zucken mit den Schultern

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Von: Leonie Zimmermann

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Russlands Präsident Wladimir Putin rechtfertig die jüngsten Militär-Bewegungen mit den Bedürfnissen seines Landes. Aber wie stehen die Russen eigentlich zum Ukraine-Krieg?

Moskau – „Wollen die Russen Krieg?“ Mit dieser Frage hat sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in der Nacht zum Donnerstag an die russische Bevölkerung gewandt. Es war der letzte Versuch, das Schlimmste zu verhindern. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt: Nur wenige Stunden später startete Russlands Präsident Wladimir Putin den militärischen Angriff auf die Ukraine. Für weite Teile der Weltgemeinschaft ein klarer Völkerrechtsbruch, der Europa vor eine neue Realität stellt. Eine Wirklichkeit, in der Krieg vor der Haustür stattfindet. Während in der Ukraine Panik herrscht, zeigen sich die Menschen in Russland allerdings eher unbeeindruckt in den jüngsten Ereignissen. 

Name:Wladimir Putin
Geburtstag:7. Oktober 1952 (69 Jahre)
Position:Präsident
Land:Russland

Gegenüber den russischen Aktivitäten in der Ukraine herrsche bei den Menschen in Russland eine Art kollektive Gleichgültigkeit, erklärt Alexej Levinson vom unabhängigen Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum im Deutschlandfunk. Das Lebensgefühl der Russen sei oftmals durch eine große Unbestimmtheit geprägt. Die Folge: Sie positionieren sich nur selten in politischen und gesellschaftlichen Fragen, sondern bleiben lieber schwammig. „Der Grund dieser Gleichgültigkeit ist Unwissen und Uninformiertheit“, erläutert Russland-Expertin Gesine Dornblüth im ZDF-Morgenmagazin. Schuld daran sei vor allem die omnipräsente Propaganda des Kreml-Chefs im eigenen Land. 

Krieg in der Ukraine: Russlands Präsident Wladimir Putin regiert sein Land mit einer enormen Propaganda-Maschinerie

Ein Geheimnis ist die vielschichtige Propaganda-Maschinerie des russischen Zaren schon lange nicht mehr. Bereits seit seinem Amtsantritt nutzt Wladimir Putin die russischen Medien für seine Zwecke. In den letzten Wochen haben die Russen in der Zeitung, im Radio und im Fernsehen also immer wieder Fake News über die Ukraine, den Westen und die Vorgänge an der ukrainischen Grenze vorgesetzt bekommen. Alternativen zur Meinungsbildung gibt es kaum, da Putin ein Freund von schnellen und harten Repressionen ist. Wer etwas veröffentlicht, das ihm nicht passt, der kommt dafür schonmal ins Gefängnis. Mindestens aber wird ihm der Geldhahn zugedreht. 

Ein Mann trägt auf seinem T-Shirt ein Konterfei von Wladimir Putin, Präsident von Russland, und jubelt.
Verehrter Präsident: Wladimir Putin kann in Russland durchaus noch auf Unterstützung zählen. © Yuri Kochetkov/dpa

In Anbetracht der russischen Informationskultur ist es eigentlich kein Wunder, dass die meisten Russen mittlerweile davon überzeugt sind, dass die Nato den Stein im Ukraine-Krieg ins Rollen gebracht hat und Wladimir Putin nur sein Land verteidigen möchte. Durch gezielte Falschinformationen über die Ukrainer herrscht in Russland zudem eine generell geringe Empathie mit ihren Nachbarn. Für die meisten scheint der Krieg einfach zu weit weg zu sein. Laut der russischen Zeitung „Iswestija“ verfolgen aktuell lediglich 25 Prozent der Erwachsenen im Land das Geschehen in der Ukraine

Coronavirus-Pandemie und Wirtschaftskrise als Ursachen für russisches Desinteresse am Ukraine-Krieg

Desinteresse am Nachbarn ist hierfür allerdings nur einer von vielen Ursachen. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass die Menschen in Russland auch innenpolitisch einige Probleme zu bewältigen haben. Laut Waleri Fjodorow vom staatlichen Umfrageinstitut WZIOM stehen Themen wie die Coronavirus-Pandemie und die wirtschaftliche Situation in Russland ganz oben auf der Prioritätenliste. Mit einer Impfquote von 53,6 Prozent Zweitgeimpften und gerade einmal neun Prozent Geboosterten hinkt Russland in der Pandemie-Bekämpfung ziemlich hinterher, das Gesundheitssystem kommt immer wieder an seine Grenzen. Hinzu kommt, dass das Realeinkommen in Russland seit Jahren kontinuierlich sinkt, was zunehmend zu Geldsorgen führt – außer bei Putin, der ein stolzes Vermögen besitzt

Die Menschen in Russland sehnen sich also nach einem Wirtschaftswachstum, von dem auch sie profitieren und nach einer sicheren und sozialen Gesundheitsversorgung. Ein Krieg in der Ukraine dagegen, das wünschen sich wohl die wenigsten Russen wirklich. Und trotzdem bombardiert Wladimir Putin gerade sein Nachbarland. Obwohl er nicht müde wird, zu betonen, dass es ihm dabei vor allem um die Sicherheit und Bedürfnisse seines Landes gehe, macht sein Feldzug für viele Russen eher den Anschein eines Ego-Trips. 

„Für den Kreml zählt der Staat mehr als der Einzelne“ – das ist ein typischer Satz oppositioneller Russen. Ja, in Russland gibt es auch eine Opposition. Die politischen Gegner von Wladimir Putin positionieren sich bereits seit Wochen klar gegen einen Krieg in der Ukraine. Sie haben sogar Unterschriften gegen die Militäroffensive des russischen Zaren gesammelt. Unterzeichnet haben bisher rund 20.000 Menschen. Zur Einordnung: Russland verzeichnet aktuell rund 144 Millionen Einwohner. 

Wladimir Putins scharfe Repressionen gegen Alexej Nawalny schüren Angst in Russland

Wladimir Putin macht es seinen Gegner aber auch nicht leicht. Wer sich kritisch über die Regierung, das Militär oder die Entscheidungen des russischen Präsidenten äußert, der wird im schlimmsten Fall festgenommen. Besonders einschüchternd hat sich der Umgang mit Alexej Nawalny auf die Bevölkerung ausgewirkt. Der Regierungskritiker sitzt heute in einem russischen Arbeitslager. Putins harte Repressionen gehören in Russland damit zur Lebensrealität – und schüren nachhaltig Angst. 

Wie effektiv der Kreml Gegenwind unterbindet, zeigt das jüngste Beispiel: Kurz nachdem das russische Militär den Angriff auf die Ukraine gestartet hat, haben russische Behörden die Menschen im eigenen Land vor Protestaktionen gewarnt – und mit Festnahmen gedroht. Scheinbar mit Erfolg: Trotz Ankündigungen in Sozialen Netzwerken gab es bislang tatsächlich keine Demonstrationen. 

Generell neigen die Russen aber ohnehin nicht zu öffentlichen Widerworten gegen ihren Präsidenten. Berichten der Nachrichtenagentur Rio zufolge haben 86 Prozent der russischen Nutzer auf Social Media positiv auf die jüngsten Ereignisse im Ukraine-Krieg reagiert. Vor allem die konservativen Kräfte, Kommunisten und die Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche befürworten Putins Militäraktionen. 

Meinungsforschungsinstitut Lewada: 45 Prozent der Menschen in Russland befürworten Putins Kriegstreiben im Ukraine-Konflikt

Aber eben nicht nur. Einer Erhebung des Lewada-Instituts zufolge stehen 45 Prozent der Russen hinter ihrem Präsidenten. Dabei handelt es sich überwiegend um ältere und schlechter gebildete Menschen, die sich von Wladimir Putins Rhetorik gerne mitreißen lassen. Zu den Kreml-Kritikern zählen demnach vor allem gebildete, urbane Russen. Viele Unternehmer, Wissenschaftler und Künstler äußern sich sogar in der Öffentlichkeit besorgt über die jüngsten Ereignisse in der Ukraine. Zum Beispiel der prominente Blogger Juri Dud. Er stellt sich in seinem jüngsten Blogbeitrag an die Seite der Ukrainer und nennt Putin einen „Imperator“. 

Öffentliche Aussagen wie diese bleiben allerdings die Ausnahme. Das liegt vor allem auch daran, dass die meisten Intellektuellen Russland früher oder später verlassen, um in einem anderen Land mit weniger Repressionen und mehr Gerechtigkeit zu leben. Oft setzen diese sich zwar dann vom Ausland aus für ihre Landsleute ein, erreichen diese aber durch die Kreml-Kontrolle der russischen Medien mit ihren Messages nicht immer. 

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Wer in Russland bleibt, der steht unter dem ständigen Einfluss des russischen Präsidenten Wladimir Putin – ob direkt oder indirekt. Angst vor der Ukraine, das hat in Russland kaum jemand. Alexej Levinson sagt im Deutschlandfunk dazu: „Wenn überhaupt, fürchten die Russen einen Krieg mit den USA.“ *kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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