Kommentar

Trotz 2G-Plus – warum der Staat in der Corona-Krise versagt hat

Trotz 2G-Plus-Regel: Die vierte Corona-Welle bricht brutal über Deutschland herein. Das ist nicht nur die Schuld der Ungeimpften. Auch der Staat versagt. Ein Kommentar.

Berlin – Inzidenzzahlen in schwindelerregender Höhe, volle Klinikbetten, Pflegepersonal am Limit und drohender Lockdown: Deutschland kämpft mit der vierten Corona-Welle. Die Katastrophe kommt dabei nicht überraschend, sondern mit Ansage. Doch statt nach fast zwei Jahren Pandemie weiter entschlossen zu handeln, reagieren Bund und Länder kopflos – und verteilen Schuldzuweisungen.

Inzidenzwert für Deutschland:\t263,7 (Stand Freitag, 12. November 2021)
Anteil der Ungeimpften auf der Intensivstation:85 Prozent
Durchschnittliche Behandlungskosten:10.200 Euro (laut IfW)

2G Plus: Die neue Corona-Regel wird zum Stoppen der vierten Welle nicht reichen

Die Situation sei nicht die Schuld des Staates, rechtfertigte sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) noch am Donnerstag in der ARD. Vor allem die vielen Ungeimpften würden sich nach wie vor „unvernünftig“ verhalten, schimpfte er. Doch das ist zu billig. Durchaus trägt der Staat an dem Desaster eine Mitschuld. Das Verhängen einer 2G-Plus-Regel, wonach nur noch Geimpfte und Genesene mit einem zusätzlichen Test Zugang zu Veranstaltungen bekommen sollen, ist ja gut und schön. Aber es reicht am Ende nicht aus.

Kämpft mit der 2G-Plus-Regel gegen die Corona-Pandemie: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). (Montage von kreiszeitung.de)

Es stimmt ja: Die Impfquote ist in Deutschland viel zu niedrig. Obwohl eine Impfung laut Studie zwar nicht vor der Weitergabe des Virus schützt, aber sehr wohl vor einem schweren Krankheitsverlauf, haben sich mehr als 30 Prozent der Bevölkerung noch nicht immunisieren lassen. In der Tat ist das ein riesiges Problem für die Allgemeinheit. Während vor allem jetzt die Ungeimpften die Intensivstationen belegen und die Gesundheitskosten in die Milliarden schrauben, ist die Inzidenz der Geimpften mit zirka 20 Prozent verschwindend gering. Insofern tragen die Impfunwilligen einen Teil der Schuld.

Doch zur Wahrheit gehört auch: Virologen warnen seit Juni vor der vierten Welle und sprechen von einer „Pandemie der Ungeimpften“. Doch das kann doch nicht dazu führen, dass die Ministerpräsidenten mit den Achseln zucken und der Katastrophe freien Lauf lassen. Jedoch drängt sich dieser Eindruck mehr und mehr auf.

2G-Plus-Regel: Kann Gesundheitsminister Jens Spahn die Pandemie der Ungeimpften durchbrechen?

Statt frühzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen, hielten die Parteien das Thema weitgehend aus dem Bundestagswahlkampf heraus, pflegten wie die CDU lieber Personalstreitereien in den eigenen Reihen – während die Ministerpräsidenten in den Ländern die Impfzentren abbauten. Luftfilter in den Schulen, wie von Experten seit über einem Jahr gefordert? Vielerorts bis heute Fehlanzeige. Ebenso wie breit angelegte Aufklärungskampagnen oder ein Ausbau von mobilen Impfteams.

Das ist fahrlässig. Denn die Politik muss sich kümmern. Das ist sie den Millionen von Deutschen schuldig, die sich bereits impfen ließen. Und durchaus auch den Ungeimpften. Denn nicht alle sind Querdenker. Zu den Ungeimpften gehören auch Menschen, die sich wegen Vorerkrankungen nicht impfen lassen können. Ebenso die vielen Kinder, für die noch kein Impfstoff zugelassen ist und die nun wieder von Wechselunterricht bedroht sind.

Was ist 2G Plus? Geimpfte und Genesene müssen sich auf neue Corona-Maßnahmen einstellen

Doch in Berlin regieren Schuldzuweisungen. Geimpfte zeigen auf Ungeimpfte. Und die alte Bundesregierung auf die potenzielle neue Ampel-Koalition – und umgekehrt. Doch eine Bundestagswahl und ein Regierungswechsel darf keine Ausrede sein. Ein Katastrophenfall wie die Corona-Pandemie stellt ein übergeordnetes nationales Interesse dar, das eine Zusammenarbeit aller Akteure verlangt. Alte und neue Minister, Bund und Länder – ganz gleich welcher politischer Couleur.

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Doch durch das lange Zaudern und Zögern und das Hinausschieben des Unvermeidbaren hat die Politik eine Situation kreiert, die sich im Winter kaum noch verbessern lässt. An der 2G-Plus-Regel führt kein Weg vorbei. Doch angesichts der Inzidenzzahlen wird das nicht reichen. Kontaktbeschränkungen und Teil-Lockdowns sind längst nicht mehr unwahrscheinlich. Mit etwas mehr Weitsicht hätte sich das vermeiden lassen. Leider machen Bund und Länder das, was sie seit zwei Jahren als Krisenmodell machen: reagieren statt agieren. Doch mit diesem Augen-zu-und durch-Prinzip muss endlich Schluss sein. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Britta Pedersen/Wolfgang Kumm/dpa

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