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„Gratismentalität“: Christian Lindner verkommt zur eigenen Karikatur

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Von: Alexander Eser-Ruperti

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Christian Lindners größte Sorge in diesen Zeiten ist die „Gratismentalität“ – das verdeutlicht, wofür er steht. Ein Kommentar über einen Mann, der den Klassenkampf von oben lebt.

Berlin – Man hatte nie das Gefühl, Finanzminister Christian Lindner (FDP) lege besonderen Wert auf seine persönliche Beliebtheit in den ärmeren Bevölkerungsteilen. Lindners aktuelle Einlassungen zeugen jedoch von einem blanken Zynismus, der selbst einige seiner größten Widersacher zugleich überraschen und bestätigen dürfte: In Zeiten der Krise, in denen der für Nahrung vorgesehene Anteil des Hartz-IV-Regelsatzes nicht einmal mehr für einen Döner reicht, sorgt sich der Finanzminister in der Debatte um das 9-Euro-Ticket vor „Gratismentalität“. Man könnte meinen, der Finanzminister habe verpasst, dass die Frage nach „Essen oder Heizen“ für viele Menschen in Deutschland immer realer wird – doch vermutlich gehören die Betroffenen einfach nicht zu Lindners Klientel.

Christian Lindner: 9-Euro-Ticket und seine Sorge vor einer „Gratismentaltiät“ der Ärmsten

Christian Lindners 9-Euro-Ticket Äußerungen sorgen quer durchs Land für blankes Entsetzen, der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands nennt sie eine „Frechheit“: In der Diskussion um eine Nachfolgelösung für das 9-Euro-Ticket sorgt sich der Finanzminister vor „Gratismentalität“. Der springende Punkt an Lindners Aussagen: Sie sind weder Ausrutscher noch einmalige Geschmacklosigkeit, sondern viel mehr die logische Fortführung all dessen, was der Finanzminister in den vergangenen Monaten geäußert hat. Kurzum: Sie sind Ausdruck seiner tiefsten Überzeugungen.

Finanzminister Christian Lindner im Kanzleramt in Berlin am 27. Juli 2022.
Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) zieht mit ablehnenden Äußerungen zu einer Nachfolgeregelung für das 9-Euro-Ticket Kritik auf sich. © Emmanuele Contini/imago

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen, Ulrich Schneider, ordnete die Lindner-Aussagen in einer Reaktion bei RTL/ntv unmissverständlich ein: „Menschen wissen nicht, wie sie über den Monat kommen sollen, Menschen sind verzweifelt, und dann von „Gratismentalität“ zu sprechen, ist eine Frechheit.“ Der Vorwurf der Klientelpolitik an Lindner ist kaum neu, doch er bekommt ein anderes Gewicht, seit Lindner in Regierungsverantwortung steht: Es drängt sich der Eindruck auf, die Ärmsten der Gesellschaft sind nach wie vor kein Teil seiner Zielgruppe.

Christian Lindner: Porsches Argumente und die Argumente der Bedürftigen

Eines kann man Christian Lindner, wie auch immer man zu ihm stehen mag, nicht vorwerfen: Wofür und für wen er steht, ist klar, unmissverständlich und ohne Spielraum für jegliche Interpretation. Das machte er erst zuletzt wiederholt deutlich: Während ein Großteil der Bevölkerung die Übergewinnsteuer will, lehnt der Finanzminister sie aufs entschiedenste ab. Zu seinen Superlativen und Wortschöpfungen gehört „Gratismentalität“, nicht jedoch „Raubtierkapitalismus“ – und genau das zeichnet das wohl treffendste Bild von Christian Lindner: Von Porsches Konzernchef holt er sich bisweilen „argumentative Unterstützung“, die Argumente derjenigen, die sich vor dem Abrutschen in den Ruin sorgen, verhallen hingegen, so scheint es, meist ungehört.

Dass Lindners #Porschegate Lobbyismus-Affäre in Zeiten wie diese fällt, ist dabei fast schon ironisch. Der enge Kontakt zur Autolobby ist, so unerträglich man ihn finden mag, auch bei anderen Persönlichkeiten aus der Politik längst Usus. Beim FDP-Finanzminister hingegen schlugen die Wellen höher, weil Lindner für viele Sinnbild der Entfremdung politischer Funktionäre von der Realität der am meisten krisenbetroffenen Menschen in Deutschland ist. Auch für sie hat der FDP-Chef im Übrigen einen Rat: mehr Überstunden.

Christian Lindner: Hochzeit, Porsche und der „Klassenkampf von oben“

Alles, was auch nur den leisesten Anschein von Umverteilung nach unten macht, blockt Lindner selbst in Zeiten großer Not ab. Der Vollständigkeit halber muss gesagt werden, dass er, in der Diskussion um ein neues Entlastungspaket, auch angeregt hat, die Pendlerpauschale ab 2023 zu erhöhen, den Grundfreibetrag und Einkommensgrenzen anzuheben und das Kindergeld zu steigern. Jeder anderen wirklich weitreichenden Maßnahme stellt er sich indes weiter in den Weg– vom Kriegssoli, über einen 9-Euro-Ticket-Nachfolger bis hin zur Übergewinnsteuer. Stattdessen hatte Lindner kurz vor seiner Hochzeit, standesgemäß auf Sylt stattfindend, noch kurzerhand Leistungen bei Hartz IV deutlich eingedampft. Die Aufwendung großer Steuermittel zum Schutz einer Hochzeit fanden viele kritische Beobachter deutlich schlechter angelegt.

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Lindners Hochzeit selbst verärgerte viele: Eine pompöse Veranstaltung, inklusive Anreise im Porsche, während die halbe Nation sich um das finanzielle Überleben sorgt. Christian Lindner ist längst seine eigene Karikatur: Neben dem schlechten Gespür für die Situation waren die Reaktionen wohl auch deshalb besonders ausgeprägt. Mit Verlaub: Bei anderen Persönlichkeiten, auch aus der Politik, wäre das Entsetzen wohl geringer ausgefallen. Die Person „Christian Lindner“ setzt sich aus vielen Mosaiksteinen zusammen, die alle ein ähnliches Bild ergeben, dem auch die Äußerungen zu „Gratismentalität“ entsprechen. Auch die Reaktionen auf seine Hochzeit und ihre Umstände verwundern daher wenig: Selbst Christian Lindners Privatleben erweckt den Eindruck des „Klassenkampfs von oben“.

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