Kommentar

Klub der weißen Männer: Ist die CDU noch eine Volkspartei?

Die CDU sucht einen neuen Vorsitzenden. Doch in der Partei der Mitte gehen weiße, konservative Männer ins Rennen. Ist sie damit noch eine Volkspartei? Ein Kommentar.

Berlin – Fünf weiße Männer mittleren Alters wollen die Führung der CDU übernehmen. Nach der Bundestagswahl will sich die Partei neu aufstellen und einen Nachfolger für den gescheiterten Kanzlerkandidaten Armin Laschet wählen. An diesem Wochenende startete die Bewerberfrist. Friedrich Merz, Norbert Röttgen, Carsten Linnemann, Ralph Brinkhaus und vielleicht Helge Braun haben ihr Interesse bekundet – im Gegensatz zu vielen Politikerinnen. Das Frauenproblem der selbsternannten „Partei der Mitte“ ist damit nicht mehr wegzudiskutieren. Aber die aktuelle Situation der Partei wirft eine weitere Frage auf: Ist die CDU damit überhaupt noch die Volkspartei, als die sie sich immer wieder darstellt?

Partei:CDU
Mitglieder:rund 400.000
Gründung: 26. Juni 1945

Die einfache Antwort auf diese Frage lautet: Nein. Aber wie so oft im Leben ist die Sache dann doch etwas komplizierter. So könnte man etwa meinen, dass die geplante Mitgliederbefragung über den Parteivorsitz ein wichtiger Schritt zurück zur Basisdemokratie sein kann. Allerdings ist die Umfrage unter den rund 400.000 Parteimitgliedern eher ein Notfall-Plan als ein Zeichen von Einsicht. 

Klub der weißen Männer: In der CDU ringen Friedrich Merz und Norbert Röttgen um die Nachfolge von Parteichef Armin Laschet.

Denn Laschet hat nicht gezögert, die Mitgliederbefragung bereits bei der Ankündigung auf dieses eine Mal zu limitieren. Nicht, dass die Parteibasis noch denkt, sie könne ab jetzt bei wichtigen Entscheidungen der Parteiführung mitreden. Aber auch sonst scheuen einige der männlichen Hoffnungsträger der CDU nicht, am gesellschaftlichen Konsens vorbeizudebattieren. 

CDU-Vorsitz: Spahn, Röttgen, Merz, Linnemann, Brinkhaus und vielleicht auch Helge Braun wollen es wissen

Während Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der lange Zeit auch als Bewerber galt und nun am Mittwoch alle Spekulationen im Keim erstickte, in der Coronavirus-Pandemie durch widersprüchliche Aussagen patzte, warnt Fraktionsvorsitzender Ralph Brinkhaus angesichts der sich anbahnenden Ampel-Koalition aus FDP, SPD und Grünen vor der „strammsten Linksagenda“ seit Jahrzehnten. Einzige Ausnahme bilden hier übrigens Außenpolitiker Norbert Röttgen und Carsten Linnemann, Vorsitzender der Mittelstandsvereinigung. Allerdings wird er bereits als „neuer Merz“ gehandelt, was nicht unbedingt nur ein Kompliment ist. 

Merz ist es übrigens, den sich die meisten Basis-Christdemokraten als neue Führungskraft wünschen – so lautet zumindest das Ergebnis mehrerer Umfragen. Und auch die Wähler der Union setzen laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für t-online mit 43 Prozent auf Merz als Nachfolger von Laschet. Und das, obwohl Merz wohl der Inbegriff des ewiggestrigen Konservativismus ist und einige Skandale sein Eigen nennen kann. 

CDU sucht Laschet-Nachfolger: Was macht eine Volkspartei im 21. Jahrhundert eigentlich aus?

Wie konservativ darf eine Partei der Mitte im 21. Jahrhundert sein? Wir leben in einer Zeit, in der immer mehr Tabus gebrochen werden, wir Gleichberechtigung prägen und Toleranz großschreiben wollen. Es gibt freie Liebe, Meinungsfreiheit und Städte, die von kultureller Vielfalt geprägt sind. Noch dazu haben wir eine junge Generation, die sich unermüdlich für das Klima und ihre Zukunft einsetzt. Das alles und noch viel mehr ist das „Volk“. 

Wenn die CDU, die einen verschwindend geringen Frauenanteil von 23 Prozent hat und die sich thematisch eher an Rentner als an die junge Generation richtet, nun eine Volkspartei ist, was macht eine solche Partei dann noch aus? Ist es der Slogan, der auf der Partei-Webseite steht – oder sollte hinter dem Begriff nicht doch viel mehr stecken?

Sollte eine Volkspartei nicht daran festgemacht werden, wie mit den gesellschaftlichen Werten und der eigenen Verantwortung umgegangen wird? Oder an der Fähigkeit, als Partei jeder Bürgerin und jedem Bürger das Gefühl zu geben, willkommen zu sein und gehört zu werden? Zugegeben, diese Prämissen erfüllt zurzeit nicht nur die CDU nicht. 

CDU: In einer Hinsicht ist die Partei dann doch irgendwie ein Abbild der Gesellschaft

Angesichts der Neuaufstellung der Partei lohnt es sich aber jetzt trotzdem einmal, den Blick darauf zu richten. Denn mit einem neuen Parteichef wird auch immer eine neue Zeitrechnung eingeläutet. Und es wäre doch schön, wenn in Zukunft auch die knapp 27 Prozent der Deutschen mit einem Migrationshintergrund oder die jungen Menschen unter 25 Jahren, die immerhin fast 20 Prozent der Gesellschaft ausmachen, sich in den Werten der Partei wiederfinden. 

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Es ist doch so: Wir Menschen wollen uns von der Politik verstanden und vertreten fühlen und den Vertretern unserer Partei unser volles Vertrauen schenken können. Für die CDU liegt darin eine Chance, wieder einen ganz neuen Zugang zur Gesellschaft zu finden. Und wenn man es genau bedenkt, kann man der CDU in einem Punkt schon unterstellen, ein Abbild der Gesellschaft zu sein: Nicht nur die Partei hat trotz Gleichberechtigungskampagne ein immenses Frauenproblem. Und zwar folgendes: Sie finden viel zu wenig dort statt, wo sie auch wirklich etwas bewegen können. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

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