Cannabis-Legalisierung

Experte über Cannabis-Legalisierung: „Kein Dealer fragt heute nach dem Alter“

Die Legalisierung von Cannabis ist sinnvoll, doch sie muss von einer breiten Aufklärungskampagne begleitet werden, sagt der Suchtforscher Heino Stöver – dabei geht es ihm besonders um die Konsumform.

Frankfurt – Die Cannabis-Legalisierung der Ampel-Koalition unter Olaf Scholz stellt eine Zäsur in der deutschen Drogenpolitik dar. Während Befürworter darin eine längst überfällige Entscheidung sehen, sorgen sich viele Kritiker vor allem um den Jugendschutz. Klar ist, im Rahmen der Legalisierung muss in Zukunft mehr aufgeklärt werden. Vor allem die Konsumform wird dabei eine Rolle spielen, zumindest wenn es nach dem Direktor des Instituts für Suchtforschung in Frankfurt geht. kreiszeitung.de hat mit ihm über die Legalisierung gesprochen.

Name:Heino Stöver
Beruf:Sozialwissenschaftler, Suchtforscher und Hochschullehrer
GeburtsortGödestorf, Synke

Cannabis-Legalisierung: Eigenbedarf, eine entlastete Justiz und sinkende Hemmschwellen für Hilfsangebote

Professor Doktor Heino Stöver ist Experte im Bereich der Suchtforschung. Neben seiner Professur für sozialwissenschaftliche Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences ist er geschäftsführender Direktor des Instituts für Suchtforschung in Frankfurt (ISFF). Der Sozialwissenschaftler begrüßt die -Cannabis-Legalisierung. Allerdings schränkt auch er ein, einfach nur zu legalisieren reiche ihm nicht. Die Legalisierung müsse mit einer umfassenden Informationskampagne einhergehen, so Stöver, denn noch würden sich Konsumierende oft für Spezialisten halten, obwohl es ihnen an wichtigem Wissen mangelt.

Einen entscheidenden Vorteil der Legalisierung könnte in der Entkriminalisierung von Cannabis liegen: Im vergangenen Jahr gab es etwa 188.000 Rauschgiftdelikte im Bereich von Eigenbedarfsmengen. Die Kriminalisierung in diesen Fällen bindet nicht nur Ressourcen der Justiz, sie ist auch eine „Barriere für die gute Beratung von Menschen, die Cannabis konsumieren und vielleicht auch damit Probleme haben“, so Stöver. Zudem würde Kriminalisierung Stigmata fördern, welche der frühzeitigen Annahme von Hilfsangeboten durch Konsumenten im Wege stünden.

Was ist Cannabis überhaupt?

Die Cannabis-Pflanze gehört zur botanischen Gattung der Hanfgewächse. Sie hat eine psychoaktive Wirkung, was heißt, sie wirkt berauschend. Verantwortlich dafür ist vor allem der Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol). Die Pflanze kommt in weiblicher und männlicher Form vor, wobei nur die weibliche Form genug des Wirkstoffs THC enthält, um berauschend zu wirken.

Die gängigste Konsumform ist das Rauchen der Pflanze. Der erzeugte Rausch kann unterschiedlich ausfallen. Abhängig ist das von verschiedenen Faktoren: Eine Rolle spielen Konsumart, aufgenommene Wirkstoffmenge, die psychische Stabilität der Konsumierenden und die allgemeine Grundstimmung. Unter den positiven Wirkungen werden vor allem Entspannung, Stimmungsaufhellung, intensivierte visuelle und akustische Wahrnehmung und angeregter Appetit genannt.

Unter den möglichen negativen Wirkungen dominieren Unruhe, Angst und Verwirrtheit. Auch Paranoia und Verfolgungsangst können auftreten. Besonders anfällig für negative Wirkungsweisen sind unerfahrene Konsumenten, die die psychischen Effekte der Droge nicht einschätzen können.

Seit wann ist Cannabis in den USA legalisiert?

Pauschal ist diese Frage nicht zu beantworten, da sich die Regelungen in den Bundesstaaten unterscheiden. Vorreiter der Legalisierung waren 2012 die Staaten Colorado und Washington, ihnen folgten Alaska und Oregon.

In welchen Bundesstaaten der USA ist Cannabis legal?

Neben Colorado, Washington, Alaska und Oregon ist Cannabis in folgenden US-amerikanischen Bundesstaaten legalisiert: Arizona, Connecticut,  Illinois, Kalifornien, Maine, Massachusetts, Michigan, Montana, Nevada, New Jersey, New Mexico, New York, Vermont, Virginia. 

Wie ist die Handhabe von Cannabis in den restlichen Bundesstaaten der USA?

Der Freizeitkonsum von Cannabis ist nur noch in sieben Bundesstaaten illegal. In 24 weiteren befindet sich der Konsum juristisch in der Schwebe. Das bedeutet, dass der Konsum an diesen Orten entkriminalisiert ist. Kleine Bußgelder kann es dafür geben – Haftstrafen nicht mehr. Und eine weitere Entwicklung ging mit der Legalisierung in den USA einher: Die Steuereinnahmen mit Cannabis explodierten.

Für den Suchtexperten kommt es bei der Cannabis-Legalisierung vor allem auf die Aufklärung über Konsumformen an

Ein Thema, bei dem Stöver besonderen Aufklärungsbedarf sieht, ist die Frage nach der ungefährlichsten Konsumform: Die Renaissance des klassischen Rauchens von Joints sieht der Experte dabei als größte Gefahr der Cannabis-Legalisierung. Der Verbrennungsprozess beim Rauchen ist hochgradig krebsfördernd – man kennt es von Zigaretten.

Der Suchtforscher plädiert daher vehement für bessere Aufklärung über weniger schädliche Konsumformen, im Fachjargon spricht man dabei von harm-reduction. Die Menschen wieder an das Rauchen zu gewöhnen, hält er für „das absolut falsche Signal“ und verweist auf Kanada und Amerika, wo Cannabis schon länger legalisiert ist. Dort sind weniger schädliche Applikationsformen im Bereich des Cannabis-Konsums bereits verbreitet.

Nachbesserungsbedarf gibt es vor allem im Bereich der sozialen Aufklärung

Prof. Dr. Heino Stöver

Der öffentlichkeitswirksamen Aufklärung über schadstoffärmere Konsumformen wie dem Inhalieren über sogenannte Vaporizer bedarf es auch in Deutschland, findet Stöver. Legalisierung funktioniert ihm zufolge nur in Kombination mit umfassender sozialer Aufklärung über Risiken. Was diese angeht, muss durch die Politik noch nachgebessert werden.

Cannabis-Legalisierung und Jugendschutz: Kann das funktionieren? Für den Suchtexperten ist die Antwort klar

Zuletzt hatte sich auch Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) geäußert und erklärt, die Pläne der Ampel-Koalition zur Cannabis-Legalisierung nur mit Grummeln zu tragen. Pistorius sorgt sich dabei vor allem um den Jugendschutz. Der niedersächsische Innenminister erklärte, seinen Erfahrungen nach sei der Jugendschutz nicht ausreichend mitbedacht worden. In diese Kerbe schlagen viele Skeptiker.

Cannabis-Legalisierung: Geht es nach Experten, wird die Konsumform des Joints durch weniger schädliche Konsumformen verdrängt – dafür bedarf es Aufklärung.

Der Suchtexperte aus Frankfurt sieht das anders, er sagt „Die Legalisierung bietet definitiv Jugendschutz“. Laut Plänen der Ampel-Koalition erfolgt die Abgabe von Cannabis erst ab einem Alter von 18 Jahren. Der Jugendschutz wird Stövers Einschätzung nach jedoch vor allem indirekt gewährleistet. Er erklärte, Jugendliche mit THC-Erfahrung unterhalb der Volljährigkeit würden zukünftig über ältere Personen an Cannabis gelangen. Die Substanzen wären dann im Gegensatz zu denen auf dem Schwarzmarkt zumindest kontrolliert und rein.

In der Illegalität erhalten Jugendliche Cannabis in jedem Fall, denn „kein Dealer fragt heute nach dem Alter“, so Stöver. Dort wäre die Droge dann oft verunreinigt, häufig überzüchtet und zu hoch potenziert. Als Plädoyer einer Legalisierung für unter 18-Jährige möchte er seine Äußerungen nicht verstanden wissen, spricht sich aber auch bei ihnen für die Entkriminalisierung von Besitz zum Eigenbedarf aus. „Wir können keine Legalisierung für Menschen unter 18 durchsetzen, das geht gar nicht“, so der Experte gegenüber kreiszeitung.de.

Cannabis-Experte zur Legalisierung: Der Eigenanbau sollte legitimiert werden, entscheidend ist jedoch die kontrollierte Distribution nach Reinheitsgeboten

Eine Frage, die im Rahmen der Legalisierungsdebatte immer wieder aufkommt, ist die nach der Entkriminalisierung von Eigenanbau. Zuletzt hatte der deutsche Hanfverband diesbezüglich Nachbesserungen im Koalitionsvertrag gefordert. Auch Stöver hält das für sinnvoll. Er verweist dabei auf Luxemburg, die Schweiz oder Kanada, wo der Anbau zum Eigenbedarf bereits legalisiert ist.

Wichtiger ist für den Suchtexperten allerdings die offizielle Distribution, denn es müsse im Prozess nach allen Reinheitsgeboten kontrolliert und angebaut werden – dabei sollten ähnlich strengen Vorgaben gelten, wie man sie bereits aus der Produktion von Medizinalcannabis kennt.

Cannabis-Legalisierung kann eine Chance für die Wissenschaft und den sicheren Konsum sein

Ein Großteil der Forschung zu Cannabis basiert bisher auf Schwarzmarktware, beziehungsweise den Erfahrungen von Menschen mit Schwarzmarktcannabis, sagt der Suchtexperte. Dabei handele es sich oftmals um verunreinigte Substanzen. Das sei im Rahmen der Forschung zu Cannabis bisher nicht berücksichtigt worden. Folgt man dem Gedanken, liegt in der Legalisierung von Cannabis auch eine Chance für die Wissenschaft: Bei der Erforschung der Folgen von Cannabiskonsum könnte sie bald zu aussagekräftigeren, möglicherweise repräsentativeren Ergebnissen kommen.

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Stöver erklärte, bisher beobachtete negative Folgen von Cannabis wie Psychosen und ähnliche Zustände wären normal, wenn man Cannabis illegal beziehen würde, ohne den Wirkstoffgehalt zu erfahren. Dabei spielt insbesondere die Konzentration des berauschenden Wirkstoffs THC und seines Gegenspielers CBD eine Rolle.

Cannabis-Legalisierung: Hochgezüchtetes Cannabis mit geringem CBD- und hohem THC-Gehalt

CBD schwächt im Zusammenspiel die Wirkung von THC ab. Dieses Verhältnis ist wichtig – auf dem Schwarzmarkt ist jedoch oft hochgezüchtetes Cannabis mit geringem CBD- und einem besonders hohen THC-Gehalt im Umlauf.

„Bisher dachten die Konsumenten, sie sind alle Experten“, so der Suchtforscher, dabei hätten sie im Grunde wenig Substanzwissen. Dieses zu erlangen wäre durch die Bedingungen des intransparenten Schwarzmarkts kaum möglich, Güteklasse und Qualität können nicht nachvollzogen werden. Das Ampelversprechen der Legalisierung bietet für Stöver die Möglichkeit zur besseren Aufklärung – und eben Qualitätskontrolle. Für ihn ist klar: Die Legalisierung von Cannabis kann ein großer Fortschritt sein, aber nur, wenn sie mit umfassender Aufklärung und Qualitätskontrolle einhergeht.

Diesen Ansatz verfolgen auch einige Spekulanten, die sich mit der Cannabis-Legalisierung auch eine lukrative Investition in Hanf-Aktien versprechen. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Fabian Sommer/dpa

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