Trotz Häme für Grünen-Vorstoß

Bundestagswahl 2021: Lastenrad statt Diesel-Karre?

Förderung zum Lastenfahrrad: Die Grünen ernten dafür viel Häme. Dabei ist der Umstieg nicht so weltfremd, wie die CDU behauptet. Ein Beispiel aus Niedersachsen.

Osnabrück – Ein 1000-Euro-Zuschuss für ein Lastenrad? Der ernstgemeinte Vorstoß von Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Grüne) zur Verkehrswende hat CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak zu einer kleinen Spott-Attacke ermuntert. Die Vorschläge der Öko-Partei würden immer absurder und weltfremder, twitterte er. Er stelle sich einen Chef und dessen Azubi gemeinsam auf einem Lastenfahrrad auf dem Weg zur Baustelle vor. „Vorne der Presslufthammer verstaut – als Fahrradanhänger ein Betonmischer?“, schrieb er hämisch in dem sozialen Netzwerk – und versah die Nachricht mit ein paar lustigen Emojis.

Deutsche Politikerin:Annalena Baerbock (Grüne)
Geboren:15. Dezember 1980 (Alter: 40 Jahre) in Hannover
Privat:verheiratet, zwei Kinder, wohnhaft in Potsdam
Aktuelles Amt:Parteivorsitzende

Doch ist der Vorstoß so realitätsfern? In Niedersachsen jedenfalls wagten bereits einige Handwerker und Selbstständige den Umstieg vom Auto auf ein Lastenfahrrad. Einer der Pioniere war Jürgen Vogelsang. Bereits 2016 sattelte der Malermeister aus Osnabrück auf eine E-Bike-Alternative um. Sein Fazit fünf Jahre später: „In Städten und Ballungsräumen funktioniert das gut“, sagt er in einem Gespräch mit kreiszeitung.de.

Annalena Baerbock (Grüne): Kanzlerkandidatin fordert Förderung von Lastenfahrrädern mit 1000 Euro

Ob in Osnabrück, in Niedersachsen oder bundesweit – die Grünen wollen mehr Deutsche zum Umsatteln auf das Fahrrad bewegen. Als Motivationshilfe schlagen sie deshalb eine bessere Förderung für die Anschaffung vor*. So solle der Bund den Kauf von Lastenrädern mit bis zu 1000 Euro bezuschussen, betonte Baerbock im ARD-Sommerinterview. Dadurch vermeide man auch eine „soziale Ungleichheit“, denn der Kauf von Elektroautos werde bereits mit 6000 Euro unterstützt. Insofern wäre es nur gerecht, wenn Menschen ohne Führerschein oder Auto, eine Förderung bekommen würden für eine mobile Alternative, mit der sie zum Beispiel ihre Einkäufe nach Hause befördern könnte.

Will den Kauf von Lastenfahrrädern mit 1000 Euro fördern: Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Grüne). (Montage kreiszeitung.de)

Beim politischen Gegner stieß die Forderung der Grünen aber umgehend auf Ablehnung. „Der Vorschlag der Grünen bedient die eigene großstädtische Klientel, deren Lebensart von anderen großzügig subventioniert werden soll“, witterte der stellvertretende Unions-Fraktionsvorsitzende Ulrich Lange (CSU) ein geschicktes Wahlkampfmanöver der Grünen. Er gab gegenüber der „Welt“ zu bedenken, dass im ländlichen Raum niemand von dieser Förderung profitieren würde. Ähnlich äußerte sich auch die FDP. Sie warf Baerbock vor, den Förderdschungel mit ständig neuen Vorschlägen massiv auszubauen.

Doch für Malermeister Vogelsang hat sich der Umstieg gelohnt. Zwar schloss er 2019 seinen Malerbetrieb, um sich neuen beruflichen Aufgaben zu widmen. Aber davor fuhr er drei Jahre lang mit dem Rad zu seinen Kundenterminen. Rund 5000 Kilometer legte er pro Jahr zurück, trotzte Eis, Regen und Schnee. Für seine Beratungsgespräche verstaute er im Kofferraum seines Lastenrads mühelos Musterplatten, Teppichkollektionen sowie Tapetenbücher.

Lastenrad in Niedersachsen: Für Handwerker ist das eine Alternative zum Auto

„Bei den Kunden kam das immer gut an“, berichtet er am Montag kreiszeitung.de am Telefon. Es habe ihn gereizt, im Arbeitsalltag mehr Bewegung zu haben und dabei etwas für die Umwelt zu tun. Zu spät sei er eigentlich nie gewesen. Denn die Probleme mit den alltäglichen Staus, die ihn davor jahrelang geplagt hatten, gehörten nun der Vergangenheit an.

Dennoch stößt das Modell auch an seine Grenze. Das betont Vogelsang ebenfalls. „In der Stadt, wenn der Chef zu Beratungsterminen fährt, funktioniert das“, sagt er. Aber auf dem Land, wo die Distanzen meistens größer seien, sei der Zeitverlust zu groß. Und die Mitarbeiter, die dann das Material zur Baustelle transportieren müssten, kämen auch weiterhin nicht um das Auto herum, sagt er.

Dennoch sehen die Grünen im Fahrrad ein enormes Wachstumspotenzial bei der Erreichung der Verkehrswende. Man solle die Städte nicht nur von den Autos her denken, mahnte Grünen-Chef Robert Habeck unlängst im exklusiv-Interview mit kreiszeitung.de an. In den vergangenen drei Jahren sind nämlich nur 887 Lastenfahrräder gefördert worden, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage des grünen Bundestagsabgeordneten Sven Kindler hervorgeht.

Trotz Kritik von CDU und FDP: Auch Unternehmer wollen Beitrag zum Klimaschutz leisten

Das sei zu wenig, befand Kindler unlängst im Gespräch mit Spiegel Online. Viele Handwerkerinnen und Kleinunternehmer könnten theoretisch ihre Dienstleistungen und Fahrten auch mit E-Lastenrädern anbieten. Für sie gebe es aber zu wenig Fördermittel, kritisierte der Grüne.

Dass mit entsprechender Förderung es durchaus Interesse bei den Selbstständig gibt, glaubt auch der frühere Malermeister aus Osnabrück. Nachdem er es vorgemacht hatte, folgten anderem seinem Beispiel. Mittlerweile fahren auch Elektriker und Gartenbauer durch die niedersächsische Stadt, berichtet er.

Vogelsang selber hat sein E-Bike verkauft. Im neuen Job kann er es nicht gebrauchen. Lange nach einem Abnehmer musste er aber nicht suchen. Seine Nachbarin habe es sofort genommen. Sie ist Musiklehrerin. „Jetzt packt sie immer ihre Instrumente darein“, sagte Vogelsang, „und fährt damit nachmittags zu den Kindern.“

Wahl 2021: Keine News der Bundestagswahl und Kommunalwahl in Niedersachsen verpassen

Am Sonntag, 26. September 2021 berichtet kreiszeitung.de mit einem Live-Ticker laufend aktuell von allen Ergebnissen der Bundestagswahl 2021, außerdem gibt es detaillierte Ergebnisse und gewählte Direktkandidaten aus Niedersachsen, Bremen und Hamburg. Spannend wird es auch bei der Stichwahl zur Kommunalwahl in Niedersachsen. Und hautnah bei der Wahl 2021 ist man beim etwas anderen Live-Ticker zur Bundestagswahl 2021 dabei, der die besten Reaktionen von Twitter einfängt. mit Material von dpa)* kreiszeitung.de, 24hamburg.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Arne Dedert/dpa/picture alliance & Kay Nietfeld/dpa/picture alliance

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