Kundus-Bombardement: Waren Taliban das eigentliche Ziel?

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Offensichtlich war Befehlshaber Oberst Georg Klein entschlossen gewesen, Aufständische zu “vernichten“.

Berlin - In der Kundus-Affäre kommen immer neue brisante Einzelheiten ans Licht: Ziel des verheerenden Luftangriffs Anfang September waren nach mehreren Medienberichten nicht vorrangig die beiden gekaperten Tanklaster, sondern eine Gruppe von Taliban.

Laut “Spiegel“ hieß es in dem Bericht von Befehlshaber Oberst Georg Klein: “Am 4. September um 01.51 Uhr entschloss ich mich, zwei am Abend des 3. September entführte Tanklastwagen sowie an den Fahrzeugen befindliche INS (Insurgents, auf Deutsch: Aufständische) durch den Einsatz von Luftstreitkräften zu vernichten.“ Die Bombardements habe er befohlen, “um Gefahren für meine Soldaten frühzeitig abzuwenden und andererseits mit höchster Wahrscheinlichkeit nur Feinde des Wiederaufbaus zu treffen“.

In dem offiziellen ISAF-Untersuchungsbericht heißt es laut “Süddeutscher Zeitung“: “Er wollte die Menschen angreifen, nicht die Fahrzeuge.“ Ursprünglich hatte es geheißen, Ziel der Angriffe seien die beiden gekaperten Tanklaster gewesen. Damit habe verhindert werden sollen, dass die Fahrzeuge als Waffe gegen die deutschen Soldaten in Afghanistan verwendet werden könnten.

Luftangriff angeblich mit Billigung der US-Militärs

Der “Focus“ berichtete, der Luftangriff sei mit ausdrücklicher Zustimmung von US-Militärs erfolgt.

Mit dem Fall und der sich anschließenden Informationspanne beschäftigt sich künftig ab Mittwoch ein Untersuchungsausschuss des Bundestags. Außenminister Guido Westerwelle sagte der “Welt am Sonntag“, er werde alle Unterlagen in seinem Haus dem Untersuchungsausschuss zur Verfügung stellen.“ Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums wollte zu den weiteren Enthüllungen nicht Stellung nehmen. Er bekräftigte auf Anfrage die Ansicht des Ministers: “Alle weiteren Punkte, die auf den Tisch kommen, müssen im Untersuchungsausschuss geklärt werden.“  

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier forderte in der “Rheinischen Post“, der Untersuchungsausschuss solle klären, ob das Kanzleramt über den Einsatz der Spezialkräfte informiert gewesen sei. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sagte nach seiner Rückkehr vom Blitzbesuch in Kundus, es sei nun Sache des Untersuchungsausschusses, die Dinge aufzuklären.

Der “Spiegel“ zitierte aus einer Analyse der NATO, möglicher Grund für die Bombardierung der Taliban sei, dass die Mission von der Task Force 47 ausgegangen sei, die aus Elitekräften des Kommandos Spezialkräfte (KSK) und anderen Aufklärern der Bundeswehr besteht.

Gezielte Tötung mit Bundestagsmandat vereinbar ?

Zu dem offenbar gezielten Einsatz gegen Taliban-Führer sagte der SPD-Verteidigungsexperte Hans-Peter Bartels der “Bild"-Zeitung: “Mit dem Geist der Bundestagsmandate für Afghanistan wären gezielte Tötungen absolut nicht vereinbar.“ Die Grünen-Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Jürgen Trittin forderten von Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Erklärung vor dem Bundestag: “Frau Merkel muss erklären, ob eine Strategie des gezielten Tötens Bestandteil der Afghanistan-Politik der Bundesregierung ist und, ob Kanzleramt, Bundeswehr und Nachrichtendienst diese neue Strategie gebilligt haben.“

Das Verteidigungsministerium verwies indessen darauf, dass das Mandat grundsätzlich auch die Anwendung von Gewalt erlaubt. Generell sei es abhängig von der jeweiligen Situation, ob die Soldaten bei der Bekämpfung der radikalislamischen Taliban auch Gewalt anwenden dürften.

Der Linksparteivorsitzende Lothar Bisky forderte ebenfalls Merkel auf, “die Karten auf den Tisch zu legen“. Die Bundesregierung gebe immer nur so viel zu, wie bereits öffentlich bekannt sei. “Im Verteidigungsministerium herrscht offenbar ein System von Verdrängung, Vertuschung und Lüge.“

Guttenberg hatte in der vergangenen Woche seine Einschätzung korrigiert, die Angriffe seien “militärisch angemessen gewesen“. Oberst Klein nahm er jedoch in Schutz. Guttenberg hatte nach seiner Rückkehr aus Kundus am Freitagabend davor gewarnt, die Debatten über den verheerenden Luftangriff auf dem Rücken der Soldaten auszutragen. Bei den Angriffen waren bis zu 142 Menschen getötet worden, darunter viele Zivilisten.

AP/dpa

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