Bernie Sanders

Bernie Sanders: Anti-Kapitalist will Donald Trump herausfordern

Democratic presidential candidate Senator Bernie Sanders gestures to supporters at his rally in Des Moines
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Bernie Sanders sieht sich in Iowa vorne.

Die US-Demokraten sind auf der Suche nach einem Herausforderer für Donald Trump. Gute Aussichten hat einer, der eine politische Revolution in Gang setzen will.

  • Bernie Sanders strebt US-Präsidentschaft an
  • US-Senator mit guten Chancen gegen Trump
  • Hillary Clinton greift Sanders an

Er spielte fast schon keine Rolle mehr. Zu alt, zu links, viel zu „anti“ – gegen das Establishment, gegen das Althergebrachte, gegen den Kapitalismus gar –, um noch einmal ernsthaft als Kandidat für das höchste Amt des Landes infrage zu kommen. Mittelprächtige Umfragewerte und ein schwerer Herzinfarkt Anfang Oktober ließen selbst bei seinen Fans die Zweifel an seinen Erfolgsaussichten ganz allmählich wachsen.

Doch nun, knapp vier Monate später, sieht plötzlich alles wieder ganz anders aus. Hatte er schon in den vergangenen Wochen und Monaten seine Position deutlich verbessert, so gilt Bernie Sanders nach den ersten drei Vorwahlen der US-Demokraten in Iowa, New Hampshire und Nevada im Kampf um die Nominierung als Präsidentschaftskandidat inzwischen sogar als Favorit. 

Ist es aber wirklich denkbar, dass Sanders von der Opposition ins Rennen um die Präsidentschaft geschickt wird? Immerhin will der 78-Jährige ja nichts weniger als eine „Revolution“ in den USA auslösen, wie er schon im Mai 2015 verkündete, als er sich zum ersten Mal für die US-Demokraten um das Präsidentenamt bewarb: „Heute beginnen wir mit Ihrer Unterstützung und der Unterstützung von Millionen von Menschen in diesem Land eine politische Revolution, um unser Land wirtschaftlich, politisch, sozial und ökologisch zu verändern.“

Hillary Clinton schießt gegen Bernie Sanders

Am Ende hatte er zwar gegen Hillary Clinton das Nachsehen, doch der parteilose, bis dahin weitgehend unbekannte Sanders, der seit 2007 den Bundesstaat Vermont im US-Senat vertritt, konnte sich auch als Sieger fühlen. Immerhin hatte er das Partei-Establishment in den Grundfesten erschüttert und gerade die Jugend mit seinem forschen Auftreten begeistert. Auch heute ist die vergiftete Atmosphäre von damals übrigens noch deutlich zu spüren, sonst hätte Clinton ihn wohl kaum in einer TV-Dokumentation, die im März ausgestrahlt werden soll, scharf attackiert. In seiner Zeit als Senator habe er nichts geleistet, so Clinton, er verbreite „Blödsinn“, keiner wolle will mit ihm zusammenarbeiten, „niemand kann ihn leiden“. Sanders nahm die Aussage mit Humor: „Na, meine Frau mag mich schon manchmal ein bisschen.“

Sanders ist in der Tat ein Politikertyp, wie ihn die Vereinigten Staaten lange nicht gesehen hatten. Denn erstaunlich ist es schon, dass einer, der kein Freund des Kapitalismus ist, solch einen Aufstieg hingelegt hat. Genau an diesem Punkt zeigt sich ja der deutlichste Unterschied zwischen Sanders und dessen linker Kontrahentin Elizabeth Warren. „Sie ist eine Kapitalistin durch und durch“, sagt Sanders. „Ich bin es nicht.“

Bernie Sanders las Werke von Marx, Engels und Trotzki

Seine politische Orientierung bezeichnet er als „democratic socialism“ – was ja deutschen Ohren völlig harmlos klingt, in den konservativen Fox-News- und Donald-Trump-USA aber als lupenreiner Kommunismus und mithin als Werk des Teufels gilt. Umso überraschender also, dass Sanders trotzdem wählbar ist – genauso wie die junge linke Hoffnungsträgerin Alexandra Ocasio-Cortez, deren Wahlempfehlung für ihn Mitte Oktober Gold wert war.

Sein politisches Engagement begann bereits in den 50ern. Dabei spielte außer seinem älteren Bruder Larry auch die deutsche Geschichte eine nicht unwesentliche Rolle. Wie er selbst sagt, habe ihm vor allem auch Hitlers Erfolg in den 30ern die Bedeutung von Politik beigebracht. Sein Studium der Soziologie, Geschichte und Psychologie an der University of Chicago ließ er zwar ein wenig schleifen, verschlang dafür aber in Eigenregie die Werke von Marx, Engels und Trotzki.

Bernie Sanders sitzt seit 2007 im Senat

Schon damals also begeisterte er sich für den Sozialismus, trat der Jugendorganisation der Sozialistischen Partei der USA bei und nahm 1963 am Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit teil. Anfang der 70er wurde Sanders für einige Jahre Mitglied der Liberty Union Party, für die er auch bei mehreren Wahlen antrat. 1981 wurde Sanders als unabhängiger Kandidat zum Bürgermeister von Burlington, der größten Stadt des US-Bundesstaats Vermonts, gewählt und dreimal in seinem Amt bestätigt.

Über Vermont hinaus wurde er bekannt, als er 1990 ins Repräsentantenhaus einzog – ausgerechnet mit Unterstützung der Waffenorganisation National Rifle Association. Sanders war von 1991 bis 2007 Mitglied des Repräsentantenhauses und damals der einzige parteilose Abgeordnete. Anschließend kandidierte er für einen Sitz im Senat und konnte mit einem klaren Sieg in die zweite Kammer des US-Kongresses einziehen. Sanders ist Mitglied der dortigen Fraktion der Demokraten.

Bernie Sanders hat gute Chancen gegen Donald Trump

Nun hatte man vor vier Jahren gedacht, Sanders hätte seinen Höhepunkt bereits erreicht und würde nicht mehr an die damaligen Erfolge anknüpfen können. Nur wenige Experten trauten Sanders zu, auch vier Jahre später noch eine gewichtige Rolle im Wahlkampf einzunehmen. Doch weit gefehlt. Im Augenblick sieht es jedenfalls so aus, als sollte der Vorwahlkampf der Demokraten auf ein Duell der alten weißen Männer hinauslaufen. Immerhin ist Sanders bereits 78 Jahre alt und würde, sollte er gewählt werden, im Alter von 79 Jahren ins Weiße Haus einziehen. 

Der bisher älteste Präsident war Ronald Reagan, der mit 77 Jahren aus dem Amt ausschied. Aber auch Donald Trump war bei Amtsantritt ja schon 70 und könnte, sollte er 2020 tatsächlich gewinnen, Reagan als Rekordhalter ablösen. Doch Trump kann sich seines Sieges nicht sicher sein, gerade auch Bernie Sanders gilt im Zweikampf als Favorit.

Jugend begeistert sich für Bernie Sanders 

Dass die alten Haudegen so gut aussehen, mag überraschen, hatten doch viele Beobachter geglaubt, die Demokraten würden Trump mit jungen, unverbrauchten Gesichtern herausfordern wollen. Kandidaten gab es jedenfalls mehr als genug. Doch so richtig scheint niemand außer Sanders und Joe Biden beim Wahlvolk anzukommen, weder die bereits ausgestiegenen Kamala Harris, Julian Castro oder Beto O’Rourke noch andere Kandidaten wie Elizabeth Warren*, Amy Klobuchar und Pete Buttigieg, die in den Umfragen allesamt mehr oder weniger deutlich zurückliegen. Dass Michael Bloomberg, der ebenfalls bereits 77 Jahre alt ist, noch ein Wörtchen wird mitreden können, ist eher zweifelhaft.

Sanders, nach dem 2017 auch eine auf Kuba heimische Spinne (Spintharus berniesandersi) benannt wurde, ist vor allem bei denen populär, die mit den herrschenden politischen Verhältnissen in den USA unzufrieden sind. Das betrifft natürlich vornehmlich die Generation Z und die Millennials, die mit überwältigender Mehrheit auf seiner Seite stehen. Ob die Unterstützung der Jugend reicht, um am Ende ins Weiße Haus einzuziehen, bleibt abzuwarten. Doch mit seinem Abschneiden in Iowa, New Hampshire und Nevada ist der erste Schritt auf dem Weg dorthin auf jeden Fall schon einmal gemacht.

Von Christian Stör

Die Demokraten sind in die Vorwahlen der USA gestartet. Während sich Pete Buttigieg in Iowa durchsetzen konnte, hat in New Hampshire Sanders die Nase knapp vorn. 

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Skandal im Vorwahlkampf: Mit dem Hissen einer Hakenkreuz-Fahne bei einer Wahlkampfveranstaltung des jüdischen US-Präsidentschaftsbewerbers Bernie Sanders in Phoenix hat ein Mann in den USA für Empörung gesorgt.

Joe Biden und Bernie Sanders haben Wahlkampfauftritte im US-Bundesstaat Ohio abgesagt. Dort wurden laut dortigem Gesundheitsministerium drei Menschen positiv auf den Coronavirus-Erreger Sars-CoV-2 getestet, der die Lungenkrankheit Covid-19 auslösen kann.

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