Für die Grünen im bayerischen Landtag

Transsexuelle Politikerin Tessa Ganserer - So reagierten die Söhne auf ihre neue Identität 

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Gegen den Entwurf zur TSG-Reform: die Transsexuelle und Grünen-Politikerin Tessa Ganserer.

Die transsexuelle Politikerin Tessa Ganserer, die für die Grünen im bayerischen Landtag sitzt, spricht über ihre Ehe nach ihrem Coming-out – und kritisiert Horst Seehofer. 

München - Tessa Ganserer hat ein turbulentes Jahr hinter sich. Die 41-Jährige ist queerpolitische Sprecherin der Grünen im bayerischen Landtag, dem sie seit 2013 angehört. Im November 2018 hatte sie sich geoutet und wurde so zur ersten deutschen Abgeordnete mit Transidentität. Damals hörte sie noch auf ihren Geburtsnamen Markus Ganserer. Seit diesem Januar lebt sie auch äußerlich als Frau und nennt sich Tessa – und das hat ihre Ehe mit Ines Eichmüller, 39, gestärkt. Das sagte sie nun in einem gemeinsamen Interview mit ihrer Partnerin dem Magazin Bunte

Mit Eichmüller kam Ganserer vor 18 Jahren zusammen, seit 2013 sind sie verheiratet, die beiden haben zwei Söhne. Ganserer fühlte sich seit zehn Jahren als Frau, sagt sie. Ihre Söhne hätten “sehr locker” auf ihre neue Identität reagiert, erklärt Ganserer, und würden sie nun eben „die Papa“ statt „der Papa“ nennen. Auch die Reaktion der meisten Wähler sei “sehr positiv” gewesen. Im Internet jedoch gab es auch Schmähungen und Beleidigungen, wirft Eichmüller ein: “Auch wenn manche ahnungslosen Menschen spekuliert haben, dass wir uns trennen: Das Gegenteil ist wahr – weil wir uns lieben, gerade auch in schwierigen Zeiten.“ Und Ganserer sagt über die Beziehung zu ihrer Frau: „Unsere Ehe trägt, wir wachsen aneinander, unsere Liebe ist noch inniger geworden.“

Tessa Ganserer (Grüne): „Wir leben ja nicht mehr im Mittelalter“

Das Paar scheint auch politisch auf einer Linie zu sein, vor allem, wenn es um die geplante Reform des Transsexuellengesetzes (TSG), einem Sondergesetz, geht. Seit Mai liegt der Entwurf von Justizministerin Katharina Barley (SPD) und Innenminister Horst Seehofer (CSU) vor – und stößt auf breite Ablehnung.  Das seit 1981 geltende Gesetz regelt, unter welchen Voraussetzungen Transsexuelle ihre Vornamen und ihren Geschlechtseintrag im Personenstandregister ändern lassen können. Das TSG empfinden viele Betroffenen als diskriminierend. Durch die Reform soll das TSG in das Bürgerliche Gesetzbuch überführt werden und für Trans- und Intersexuelle vieles vereinfachen. 

Doch Kritiker fühlen sich von dem Entwurf verhöhnt: Die Antragsteller „müssen sich zuvor einer qualifizierten Beratung unterziehen“, heißt es in dem Entwurf, „ein einmaliger Zeitaufwand von durchschnittlich ungefähr vier Stunden“. Der Berater muss bescheinigen, ob sich die betroffene Person „ernsthaft und dauerhaft einem anderen oder keinem Geschlecht als zugehörig empfindet“. Doch auch nach der Reform müsste weiterhin ein Gericht anordnen, dass Angaben zu Vornamen und Geschlecht einer transsexuellen Person geändert werden.

Tessa Ganserer (Grüne): „Staat behandelt Transsexuelle wie Unmündige“

“Ich meine, im Jahr 2019 muss es ausreichen, dass ich zum Standesamt gehe und meinen Namen ändere. Wir leben ja nicht mehr im Mittelalter, wo der Gutsherr Hochzeiten genehmigt. Selbst mein 88-jähriger Vater kapiert das“, sagte Ganserer zu Bunte. Ihre Frau habe Seehofer und seiner Frau Karin längst einen offenen Brief zur TSG-Reform geschrieben.

Wie sehr sich seit 1981 Medizin und Gesellschaft weiterentwickelt haben, spiegelt sich in dem Entwurf nicht wieder, finden Kritiker – und er habe auch nichts mit echter Selbstbestimmung zu tun. „Der Staat behandelt Transmenschen nach wie vor wie Unmündige, die nicht wissen, was sie tun. Er fordert psychologische Gutachten, die wir Betroffenen auch aktuell noch selbst zahlen müssen.“ Nach der Reform soll diese Beratung kostenlos werden und die aktuell nötigen zwei Gutachten ersetzen. Die Bundesregierung geht von etwa 3000 Betroffenen pro Jahr aus.

Grüne vs. AfD: „Wir werden uns gegen alle stellen, die das Rad zurückdrehen“

Seit Mai ist die TSG-Reform Streitthema. „Diskriminierung und Homo- und Transfeindlichkeit sind tief in der Gesellschaft verankert“, sagte der Abgeordnete Sven Lehmann (Grüne) damals im Bundestag. Im Alltag gebe es zahlreiche Übergriffe auf Homo- und Transsexuelle. Die Grünen forderten daher einen „nationalen Aktionsplan für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt“.

Die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch kritisierte den Grünen-Vorstoß vehement: „Dieser Aktionsplan ist die Ausgeburt grüner Allmachtsphantasien aus einer dekadenten, abgehobenen Parallelwelt urbaner Eliten, die mit den realen Problemen der Bürger nichts mehr zu tun haben.“

Grüne kriegen Unterstützung von der CSU

Doch Sprecher anderer Parteien sprangen den Grünen bei: Der CSU-Abgeordnete Volker Ullrich sagte mit Blick auf die AfD: „Wir werden uns gegen alle stellen, die das Rad zurückdrehen und die Ehe für alle wieder abschaffen wollen.“

Die Ehe von Tessa Ganserer und ihrer Frau scheint Höhen und Tiefen jedenfalls besser zu überstehen als manch anderer Bund fürs Leben – ob Ganserer nun als Mann oder als Frau lebt. Bald hat das Paar einen gemeinsam öffentlichen Auftritt, und zwar beim Sommerfest des Bayerischen Landtags. “Vielleicht treffe ich an diesem Abend Karin Seehofer. Sie kann nichts für die unsensible Politik ihres Mannes“, sagte Eichmüller in dem Interview. Und Ganserer: „Dass meine Frau jetzt gegen den Referentenentwurf des Transsexuellengesetzes kämpft, passt zu ihr.“

Mit Material der dpa

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