Übernimmt jetzt Habeck?

Baerbock im Kreuzfeuer: Es ist vorbei – oder?

Personal statt Inhalte: Intern wächst die Kritik an Annalena Baerbock (Grüne). Gerüchte über Wechsel des Kanzlerkandidaten halten sich hartnäckig. Was ist dran?

Berlin – Die Umfragewerte sind im freien Fall – und die Personaldebatte bei den Grünen kommt nicht zur Ruhe: Wegen der anhaltenden Plagiatsvorwürfe wächst die Kritik an Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock auch innerhalb der eigenen Reihen. Am Montag musste Bundesgeschäftsführer Michael Kellner entschieden Spekulationen entgegengetreten, wonach vielleicht doch noch Co-Parteichef Robert Habeck den Spitzenposten für den Bundestagswahlkampf übernehmen könnte.

Deutsche Politikerin:Annalena Charlotte Alma Baerbock (Grüne)
Geboren:15. Dezember 1980 in Hannover
Privat:verheiratet, zwei Kinder, wohnhaft in Potsdam
Aktuelle Ämter:Bundesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete

„Wir gehen als Team, als grünes Team, gemeinsam in diesen Wahlkampf mit Annalena Baerbock an der Spitze“, stellte Kellner klar. In Bezug auf Baerbock würden derzeit viel zu viele Kleinigkeiten „aufgebauscht“, sagte der Parteistratege. Natürlich würden in einem Wahlkampf alle Kanzlerkandidaten in einem besonderen Maße durchleuchtet. Aber grundsätzlich seien Frauen in der Gesellschaft stärker Attacken ausgesetzt als Männer. Das treffe auch auf Baerbock zu. Ähnlich hatte sich zuvor auch die frühere Bundesverbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) in einem Exklusiv-Interview mit kreiszeitung.de geäußert.

Annalena Baerbock (Grüne): Nach Plagiatsvorwurf wächst intern die Kritik an ihren Fehlern

Baerbock war im April vom Bundesvorstand nominiert und Anfang Juni von einem Parteitag zur Kanzlerkandidatin gewählt worden. Die 40-Jährige will bei der Bundestagswahl im September das Bundeskanzleramt erobern – als jüngste Bewerberin und als erste Grüne. Doch nach einem kurzen Höhenflug, bei dem sich Baerbock mit CDU-Kandidat Armin Laschet in den Umfragewerten ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferte, schmelzen nun sei seit Wochen die anfangs guten Popularitätswerte zusammen.

Die heile grüne Welt bröckelt: Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und Co-Parteichef Robert Habeck (beide Grüne) kämpfen gegen den Umfrageabsturz.

Im aktuellen „Sonntagstrend“ liegt Laschet mit der Union mittlerweile zehn Prozent vor den Grünen, die es als zweitstärkste Kraft auf nur noch 18 Prozent Zustimmung bringen. Die SPD mit Kanzlerkandidat Olaf Scholz liegt nur noch einen Prozentpunkt dahinter. Für den massiven Absturz machen viele Grüne handwerkliche Fehler der Spitzenkandidatin verantwortlich.

Nach den Ungeschicklichkeiten bei der Meldung ihrer Nebeneinkünfte und einem geschönten Lebenslauf lässt nun vor allem die Plagiatsaffäre um ihr Buch „Jetzt. Wie wir unser Land verändern“ die Gunst der Wähler immer weiter sinken. Nachdem die Grünen eine Zeit lang in den Umfragen der CDU potenzielle Wähler abluchsen konnte, wenden sich diese nun doch wieder enttäuscht der Union mit Laschet zu.

Annalena Baerbock: Grüne rauschen in den Umfragen ab – Ruf nach Robert Habeck wird lauter

In der Partei wächst deswegen der Verdruss. Während tagelang hinter vorgehaltener Hand gemosert wurde, machen nun auch Grüne-Politiker ihrem Ärger öffentlich Luft. Das sei alles sehr unschön, sagte etwa Wuppertals Oberbürgermeister Uwe Schneidewind der Bild-Zeitung. „Da ärgert man sich auch innerhalb der grünen Partei“, sagte er.

Für Verstimmung sorgt dabei, dass man die Wechselstimmung nach 16 Jahren Merkel-Regierung wegen eigener Fehler nicht für sich nutzen konnte. Statt über Klimawandel und Industriewende zu diskutieren, stehen nun falsche Lebensläufe und ein abgeschriebenes Buch im Zentrum der Debatte – während die CDU mit Laschet einen „Aussitzwahlkampf“ führen dürfte*, kritisierte der Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag, in einem Gespräch mit merkur.de. „Das ärgert mich am meisten.“

Vor diesem Hintergrund war in vielen Zeitungen bereits über einen Austausch an der grünen Spitze spekuliert worden. Nicht nur die konservative Bild-Zeitung streute hartnäckig das Gerücht, dass vielleicht doch noch Co-Chef Habeck den Posten des Spitzenkandidaten übernehmen könne. Auch die linke „taz“ sah erste Anzeichen für einen Machtverlust Baerbocks. Befeuert wurden die Berichte durch die Tatsache, dass Habeck, der durchaus Ambitionen auf das Amt angemeldet hatte, beharrlich zu den Vorgängen schweigt.

Bündnis 90/Die Grünen: Team um Kanzlerkandidatin wird aufgestockt

Doch eine Personalrochade weniger als drei Monate vor der Wahl ist wohl eher unwahrscheinlich. Das galt auch schon vor der Klarstellung des Bundesgeschäftsführers. Stattdessen will die Parteiführung jetzt wieder stärker in die Offensive kommen und nach der Personaldebatte in den kommenden Wochen wieder die inhaltlichen Themen nach vorne schieben. Damit das gelingen kann, wurde das Team rund um Baerbock in der Parteizentrale offensichtlich verstärkt.

Wie das Handelsblatt berichtete, sollen sich in den kommenden Wochen 130 Parteimitglieder um den Wahlerfolg bemühen. Hinzu kommen noch 20 bis 30 Mitarbeiter einer neu gegründeten Kampagnen-Agentur „Neues Tor 1“ sowie PR-Fachmann Michael Scharfschwerdt, der zuvor bereits mit Außenminister Joschka Fischer und Ex-Parteichef Cem Özdemir gearbeitet hat.

Und auch der gesamte Bundesvorstand mit Habeck, Ricarda Lang und Jamila Schäfer sowie die Fraktionsführung mit Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter sollen zentralere Rollen übernehmen. Das Ziel ist klar: Die Inhalte müssen vor die Personalfragen gestellt werden. Sonst endet der grüne Traum, bevor er richtig angefangen hatte. Die taz schreibt sie sogar schon ab: „Es ist vorbei, Annalena!“* * kreiszeitung.de und merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa/picture alliance

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