Kommentar

Baerbock gegen Laschet: Schlammschlacht ist nicht der Königsweg

Plagiat im Buch, Lebenslauf-Affäre und Witwenrente-Trolle: Die Grünen fühlen sich attackiert – und teilen aus. Doch das hilft nicht. Sie schaden sich selbst. 

Berlin – Jeden Tag taucht ein neuer Plagiatsvorwurf auf, dazu ein geschönter Lebenslauf, ständig neue Fake News im Netz und ein Umfrageabsturz: Keine Frage, Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Grüne) steht im Kreuzfeuer der Kritik.

In der Parteizentrale liegen die Nerven jedenfalls blank. Das sei alles „Rufmord“, beschwerte sich Bundesgeschäftsführer Michael Kellner – und trat eine scharfe Gegenwehr an. Mit dem Ergebnis: Dass sie den Bundestagswahlkampf endgültig zu einer Schlammschlacht gemacht haben, für die sie am Ende noch teuer bezahlen könnten.

Deutsche Politikerin:Annalena Charlotte Alma Baerbock (Grüne)
Geboren:15. Dezember 1980 (Alter: 40 Jahre) in Hannover
Privat:verheiratet, zwei Kinder, wohnhaft in Potsdam
Aktuelle Ämter:Bundesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete

Freilich verletzen die Hass-Attacken auf Baerbock die Grenzen des guten Geschmacks. Und natürlich, das ist unstrittig, stehen Frauen dabei mehr im Fokus als Männer. Es war das gute Recht der Grünen, beständig darauf hinzuweisen und die Solidarität der politischen Gegner einzufordern. Doch die CDU und die SPD können nichts für ein abgeschriebenes Buch und einen gefärbten Lebenslauf. Das waren einzig und allein die Nachlässigkeiten von Baerbock, die sich als Kanzlerkandidatin nun einmal eine Durchleuchtung gefallen lassen muss.

Annalena Baerbock: Grüne schalten nach Plagiataffäre auf Abteilung Attacke

Wer Kanzlerin werden will, der braucht Nehmerqualitäten. Die Kritik an ihrer Arbeit hätte sie einfach einstecken müssen. Doch stattdessen teilten die Grünen stellvertretend für ihre Spitzenkandidatin aus. Und zwar kräftig. Der Aufforderung der Parteispitze, auf allen Kanälen die Union zu stellen, kamen auf allen Ebenen die grünen Parteimitglieder eifrig nach. Bei Twitter ging ein Shitstorm gegen die CDU los, bis schließlich Fraktionsvize Oliver Krischer in einem verunglückten Tweet CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet eine Mitschuld für die Todesopfer bei den kanadischen Waldbränden gab. Autsch.

Wehrt sich massiv gegen Kritik: Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock.

Doch mit der geballten Attacke auf die Union erreichen die Grünen gar nichts. Das Stück, dass die grüne Parteiführung aufführen lässt, taugt für eine Klientelpartei, um die eigenen Reihen zu schließen. Doch der Lagerwahlkampf ist schlecht, um große Wählerschichten jenseits der eigenen Stammwählerschaft zu erschließen. Und die bräuchte Baerbock, wenn sie ins Kanzleramt will.

Ihr kurzzeitiger Höhenflug in den Umfragen erklärte sich mit enttäuschten Unionswählern. Doch genau die wenden sich bereits wieder ab. Mit ihrem schrillen Geschrei treiben die Grünen sie zurück zur Union. Und Armin Laschet? Der muss dafür noch nicht einmal was machen – und kann es einfach aussitzen in seinem Schlafwagen-Wahlkampf. Zu Recht sind deswegen einige Grüne auch schon sauer.

Bundestagswahl 2021: Baerbock gegen Laschet – Grüne machen daraus eine Schlammschlacht

Wie man es als Wahlkämpfer anders machen kann, zeigt dabei ausgerechnet SPD-Vizekanzler Olaf Scholz*. Wirecard-Skandal? Unlauterer Wettbewerb im Wahlkampf? Verstoß gegen das Parteiengesetz? Auch Scholz bekommt seine Negativ-Schlagzeilen – aber der Finanzminister ignoriert das stoisch. Kein Wort zu den Vorwürfen. Stattdessen streut er über Twitter lieber seine guten Taten. Er wird nicht müde, seinen Einsatz für die globale Mindeststeuer auf den sozialen Kanälen abzufeiern.

Jetzt kann man durchaus darüber streiten, ob das eines Kanzlerkandidaten würdig ist. Aber zielführender ist es allemal. Langsam aber sicher klettert Scholz in den Umfragen nach oben. Baerbock entgegen. Allein vor diesem Hintergrund könnten sich die Grünen eine Scheibe von Scholz abschneiden, zumindest wenn sie endlich wieder über Inhalte reden wollen, wie sie ständig behaupten.

Wenn das stimmt, dann sollten sie das auch tun und nicht immer wieder zu Verbalattacken ausholen. Denn dadurch halten sie die Aufregung um Baerbocks Fehler selber künstlich am Leben. * kreiszeitung.de und 24hamburg.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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